Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

Sachzwängen noch das wirkliche Problem zu sehen. 
Trotzdem aber geht es, so scheint es, real wie gesetzgebe- 
risch in kleinen Schritten vorwärts, weil die Zustände un- 
haltbar und die Lasten zu drückend geworden sind. Das Städte- 
bauförderungsgesetz als erster kleiner Schritt beinhaltet 
denn auch hauptsächlich Regelungen zur zügigen Enteig- 
nung bzw. Ausschaltung der Grundeigentümer im Sanie- 
runfsfall, da die parzellierte Kleinteiligkeit der Grund- 
stücke die Stadtplaner in ihren Vorbereitungen zu einem 
jahrelangen Feilschen mit dem Haus- und Grundbesitz 
verurteilt hatte. Aber niemand scheint über diesen beschei- 
denen Ansatz hinaus über eine „klare Linie” oder ein 
„gesichertes Konzept” zu verfügen, wie die Gesetzgebung 
im Hinblick auf das Bodenproblem den geeigneten Rah- 
men gesetzlicher Absicherung für die erforderlichen Pla- 
nungen abstecken kann. 
Bei eingehenderer Beschäftigung mit den bisherigen Ver- 
suchen, die Ursachen der städtischen Misere zu analysie- 
ren, wird ein grundlegender Mangel der bisherigen Arbei- 
ten sichtbar. Es zeigt sich, daß die erste Voraussetzung 
des aktuellen Problems der Bodenordnung gar nicht oder 
nur in unzulänglicher und z. T. verzerrender Weise gelei- 
stet worden ist: die umfassende Analyse der Stellung des 
Grundeigentums im ökonomischen und gesellschaftlichen 
System des Kapitalismus 1). 
Der Gedanke des vorliegenden Papiers 2) war, eine syste- 
matische Grundlage zu erarbeiten, von der aus die kriti- 
sche Aufarbeitung moderner Probleme der Bodengesetz- 
gebung auf einem Niveau möglich wäre, das dem der Marx 
schen Kritik der Politischen Ökonomie entspräche, das 
mit anderen Worten den Bereich bloß empirischer Verar- 
beitung des Stoffes und eventuell damit verbundener hilf- 
loser, weil moralisierender Kritik überwinden könnte. Der 
Weg. sich dazu zunächst die Marxsche „„Theorie der 
Auch der Artikel „Die Bedeutung des Grundbesitzes in den 
Städten” von Rainer Neef (in Kurs buch 27: Planen, Bauen, 
Wohnen) hilft diesem Mangel nicht ab. Im Gegenteil: das 
gegebene Versprechen, die „verbreitete Beschäftigung mit 
dem ‚Grundbesitzer als Klasse’ und mit der Theorie der 
Grundrente” zu erleichtern, wird nicht nur nicht eingelöst; 
vielmehr dürfte der grobschlächtige Umgang mit ökonomi- 
schen Kategorien die verbreitete Unsicherheit über den Ge- 
genstand der Untersuchung noch verstärkt haben, Man 
braucht sich nur die (unlösbare) Aufgabe zu stellen, aus der 
Neefschen Verwendung der Begriffe „Wert”, „Herstellungs - 
kosten””, „Bodenprofit’”, „materielle Gestalt’”” usw. usw. 
auf den ersten Seiten des Artikels eine verständige Ordnung 
ableiten zu wollen, um zu erkennen, daß eine solche unge- 
wollte Verwirrung nur entspringen kann dem ahnungslosen 
Zugriff auf das, was Neef in naiver Selbstentblöß ung 
Marx’ Theorie, die immer noch stringenteste Ableitung 
des Bodenprofits aus der Gesamtbewegung der kapitalisti- 
schen Wirtschaft” nennt. 
Das Papier entstand als Arbeitsergebnis eines Grundkurses 
im Rahmen des Projekts MATERIALIEN ZUR STADT- 
SANIERUNG (Projektleitung Helga Fassbinder) am Fach- 
bereich Bauplanung und -fertigung der TU Berlin, In 
ARCH+.,16 sind bereits Teile der Arbeitsinhalte des Pro- 
jekts im Rahmen der Diplom-Arbeit von Eberhard von 
Einem „zur Entstehung + Funktion des Städtebauförde- 
rungsgesetzes’””’ veröffentlicht worden. 
Grundrente” anzueignen, drängt sich für ein solches Vor- 
haben auf — allerdings wäre er, wollte man ihn sozusagen 
im Wortsinn beschreiten, von Anfang an zum Scheitern 
verurteilt. Denn eine „Marxsche Theorie der Grundrente” , 
die man sich losgelöst vom übrigen System der Kritik der 
Politischen Ökonomie aneignen könnte, gibt es nicht, 
ebensowenig wie sich irgendeine andere einzelne „Theorie” 
(etwa „Theorie der Produktionspreise”, „Verelendungs- 
theorie”, „Arbeitswerttheorie” etc.) aus der Einheit des 
Gesamtzusammenhanges der Darstellung der Kritik der 
Politischen Ökonomie herauslösen und isoliert behandeln 
läßt, ohne dabei auf Positionen zurückzufallen, deren end: 
gültige Überwindung das Marxsche Werk selbst unmittel- 
bar ist. 
Andererseits gebot die praktische Notwendigkeit, das 
Thema und den zu behandelnden Stoff einzugrenzen und 
für die unmittelbaren Bedürfnisse des Projektthemas zu- 
zuspitzen. Die Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben 
und die geradezu mit denen der Quadratur des Kreises 
vergleichbar sind, spiegeln sich direkt im Aufbau und der 
Form der Darstellung dieses Papiers wider: es galt, den 
hoffnungslosen Versuch zu machen, eine kurzgefaßte Ab- 
handlung über die Grundrente im Rahmen des Gesamtsy- 
stems der Kritik der Politischen Ökonomie zu liefern, die 
einerseits den Fallstricken „einzelwissenschaftlicher”” Ver- 
flachung entging, andererseits nun aber auch nicht ein- 
fach eine weitere, mehr oder weniger präzise Paraphrasie- 
rung des „‚.Kapital” darstellte. 
Der Aufbau des Papiers gliedert sich in drei Abschnitte. 
Im ersten wird behandelt das Verhältnis von Grundeigen- 
tum und ursprünglicher Akkumulation, genauer gesagt: 
Die Rolle, die das kapitalistische Grundeigentum im Pro- 
zeß seiner Verwandlung aus dem feudalen Grundeigen- 
tum für die Entstehung des Kapitals gespiegelt hat — da- 
durch nämlich, daß es das notwendige Gegenstück, die 
unerläßliche Ergänzung schuf, ohne die das Kapital kein 
Kapital sein kann: den modernenı Lohnarbeiter. Gleich- 
zeitig wird in diesem Abschnitt eine kurze Darstellung des 
historischen Vorgangs der ursprünglichen Akkumulation 
gegeben, aus der zweierlei durchsichtig werden soll. Er- 
stens, die Entstehung des Kapitals zu begreifen als einer- 
seits das „Sich-Selbst-Setzen” des Kapitals, zweitens aber 
denselben Vorgang immanent aus der Entwicklung und 
dem Untergang der feudalen Produktionsweise her ableit- 
bar zu machen. Hierbei ist es überflüssig zu bemerken, daß 
wir es bei bloßer Andeutung und Stellung des Problems, 
dessen konkrete Darstellung überaus differenzierte histo- 
rische Studien nötig machen würde. belassen müssen. 
Der zweite Abschnitt behandelt die Auffassungen der klas- 
sischen bürgerlichen Ökonomie über das Grundeigentum 
und die Grundrente. Anhand der kurzen Darstellung der 
Theorien der Physiokraten, von Adam Smith und David 
Ricardo soll gleichzeitig indirekt die letzte Phase der end- 
gültigen Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft ge- 
zeigt werden; d. h. die Entwicklung der ihr gemäßen Pro- 
duktionsform, der großen Industrie. Theoretisch spiegelt 
sich dieser Prozeß des endgültigen Herauswachsens der 
kapitalistischen Produktionsweise aus der Feudalgesell-
	        

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