Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

Abfoige der Kategorien der allgemeine Begriff des Kapitals 
entwickelt worden, so geht es jetzt um die notwendige 
Feststellung, daß die wirkliche Geschichte selbst, bevor 
sie als eine Selbstbewegung des Kapitals beschrieben wer- 
den kann, erst bestimmte Grundbedingungen, Grund- 
komponenten des Kapitalverhältnisses hervorbringen 
muß. Oder anders ausgedrückt: Es ist die Frage zu klären, 
wie der offensichtliche Zirkel, daß kapitalistische Akku- 
mulation die Produktion von Mehrwert, Mehrwertpro- 
duktion wiederum Akkumulation zur Voraussetzung hat, 
einmal seinen Anfang hat nehmen können. 
„... Sobald das Kapital als solches geworden ist, schafft 
es seine eigenen Voraussetzungen, nämlich den Besitz der 
realen Bedingungen für die Schöpfung von Neuwerten 
ohne Austausch — durch seinen eigenen Produk- 
tionsprozeiß. Diese Voraussetzungen, die ursprünglich als 
Bedingungen seines Werdens erschienen — und daher noch 
nicht von seiner Aktion als Kapital entspringen konnten — 
erscheinen jetzt als Resultate seiner eigenen Verwirkli- 
chung, Wirklichkeit, als gesetzt von ihm, nicht als Bedin- 
gungen seines Entstehens, sondern als Resultate seines 
Daseins. ... Die Bedingungen daher, die der Schöpfung 
des Surpluskapital I vorausgingen, oder die das Werden 
des Kapitals ausdrücken, fallen nicht in die Sphäre der 
Produktionsweise, der das Kapital als Voraussetzung 
dient; liegen als historische Vorstufen seines Werdens hin- 
terihm.. ”5) 
Das Kapital ist also fähig, einmal geworden, die Grundbe- 
dingungen seiner Existenz stets neu zu schaffen. Dies 
heißt aber, daß es die Bedingungen, unter denen es ge- 
worden ist, nicht in gleicher Weise selbst schaffen konnte. 
„Diese ganze Bewegung (der kapitalistischen Akkumula- 
tion, d. Verf.) scheint sich also in einem fehlerhaften 
Kreislauf herumzudrehen, aus dem wir nur herauskom- 
men, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation 
vorausgehende, ‚ursprüngliche’ Akkumulation (‚previous 
accumulation’ bei Adam Smith) unterstellen, eine Akku- 
mulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen 
Produktionsweise ist. sondern ihr Ausgangspunkt.” 6) 
Adam Smith, für den die kapitalistische Gesellschaft in 
erster Linie arbeitsteilige Gesellschaft ist, der Kapital da- 
her nur in seiner Eigenschaft als gegenständliche Elemente 
des Arbeitsprozesses (Arbeitsmittel, Rohstoffe, Hilfs- 
stoffe) begreift, verlegt die ursprüngliche Akkumulation 
in die idyllische Periode des Urfischers, Urjägers oder 
— verblüffender Anachronismus — in die Periode des Ur- 
webers: 
„A weaver cannot apply himself entirely to his peculiar 
business, unless there is beforehand stored up some- 
where, either in his own possession or in that of some 
other person, a stock sufficient to maintain him, and to 
supply him with the materials and tools of his work. till 
5) Grundrisse, a. a. O., S. 364 
6) MEW223., a.a.0., 5.741. 
he has not only completed, but sold his web. This accu- 
mulation must, evidently, be previous to his applying his 
industry for so long a time to such a peculiar business.” 7) 
Doch nicht nur, daß nicht schon jede aufgestockte Menge 
Lebensmittel Kapital ist, auch „Geld und Ware sind nicht 
von vornherein Kapital . . . sie bedürfen der Verwandlung 
in Kapital.” 8) 
Die unerläßlichen Bedingungen, die vorhanden sein müs- 
sen, bevor sich Geld in Kapital verwandeln kann, sind 
folgende: „Zweierlei sehr verschiedene Sorten von Wa- 
renpesitzern mussen sıch gegenüber und in Kontakt tre- 
ten, einerseits Eigner yon Geld, Produktions- und Lebens- 
mitteln, denen es gilt, die von ihnen geeignete Wertsumme 
zu verwerten durch Ankauf fremder Arbeitskraft; anderer- 
seits freie Arbeiter, Verkäufer der eignen Arbeitskraft und 
daher Verkäufer von Arbeit.” 9) 
„Das Kapitalverhältnis kann also nur entstehen, wenn 
dem Käufer der Arbeitskraft die von ihm erworbene Ware 
bloß als Mittel dazu dient, die in seinem Besitz befindlichen 
Werte zu erhalten und zu vermehren. Zu diesem Behufe 
muß aber der Arbeiter nicht nur persönlich frei sein; er 
muß auch in die Lage gebracht werden, wo es ihm nicht 
mehr möglich ist, von ihm selbst erzeugte Produkte auszu- 
tauschen, und wo die einzige Ware, die er anbieten kann, 
seine eigene Arbeitskraft ist ... Der Eigentümer der Ar- 
beitskraft muß also besitzloser Proletarier sein.” 10) 
Obwohl Smith und Marx das gleiche Problem behandeln. 
daß nämlich erst einmal gewisse Bedingungen geschaffen 
sein müssen, bevor Kapital und Arbeit in Beziehung tre- 
ten können. geben beide ganz verschiedene Antworten. 
Für Smith, der die bürgerliche Produktionsweise als ewige, 
„natürliche” Form des menschlichen Stoffwechsels mit 
der Natur begreift, ist deshalb der Moment der „previous 
accumulation” verlegt in die graue Vorzeit, er betrachtet 
sie losgelöst von ihrer bestimmten historischen Form. 
Marx dagegen, dessen Darstellung der Kritik der Politi- 
schen Ökonomie zum wesentlichen Teil darin besteht, 
den historischen Formcharakter der spezifischen Produk- 
tionsweise, die die „bürgerliche” heißt, zu analysieren, 
faßt daher das Problem viel bestimmter: 
„Der Prozeß, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also 
nichts andres sein als der Scheidungsprozeß des Arbeiters 
vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen, ein Prozeß, 
der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produk- 
tionsmittel in Kapital verwandelt, andrerseits die unmit- 
telbaren Produzenten in Lohnarbeiter. Die sog. ursprüng 
7) Adam Smith, The Wealth of Nations, Book I - Il, Harmons- 
worth 1970, S. 371. 
MEW 23, a.a.O., S. 742. 
a.a.O., S. 742. 
R. Rosdolski, Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen 
..Kapital‘‘, Frankfurt 1968,S. 320 
8) 
9) 
10) 
2%
	        

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