Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

liche Akkumulation ist also nichts als der historische 
Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel. 
Er erscheint als „ursprünglich”, weil er die Vorgeschichte 
des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktions- 
weise bildet ” 11) 
Das Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation ist da- 
mit weit weniger geheimnisvoll, als es den bürgerlichen 
Theoretikern erscheinen mag, da die Epoche, in die die 
ursprüngliche Akkumulation fällt, durchaus nicht die 
graue Vorzeit ist, in der Urfischer und Urjäger sich mit 
dem Dinosaurier das Revier teilten, sondern vielmehr die 
Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert: 
„Historisch epochemachend in der Geschichte der ur- 
sprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die 
der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; 
vor allem aber die Momente, worin große Menschenmas- 
sen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln 
losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeits- 
markt geschleudert werden, die Expropriation des länd- 
lichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden. 
bildet die Grundlage des ganzen Prozesses.” 12) 
II. DAS MODERNE GRUNDEIGENTUM IM ENT- 
STEHUNGSPROZESS DES KAPITALS 
Bevor wir darangehen, die wichtigsten Aspekte der ursprüng- 
lichen Akkumulation kurz nachzuzeichnen, müssen wir uns 
noch in aller Kürze mit dem theoretischen Problem befassen 
das mit der Darstellung dieses Phänomens verbunden ist. 
Der Grundgedanke ist hier, die Entwicklung und Darstel- 
lung der historischen Genese des Kapitals. In der dialekti- 
schen Logik Hegels erscheint der Begriff als Selbstbewegung, 
als Sich-Selbst-Setzen. Für die materialistische Dialektik 
Marxens ergibt sich bei der Darstellung der historischen 
Entstehung des Kapitals ein Problem, was er zunächst, um 
es zu fixieren, für sich auszusprechen, in Hegelsche Sprech- 
weise faßt. Hegel selbst drückt dieses Problem des Anfangs 
in der Dialektik folgendermaßen aus: „Sein und Nichts ist 
dasselbe . . . Ebenso richtig als die Einheit des Seins und 
Nichts ist es aber auch, daß sie schlechthin verschieden 
sind. Allein, weil der Unterschied hier sich noch nicht be- 
stimmt hat, denn eben Sein und Nichts sind noch das Un- 
mittelbare, so ist er, wie er an demselben ist, das Unsag- 
bare.. ” 13) 
Was bei Hegel als rein philosophisches Kauderwelsch er- 
scheint, ist in der Tat nur die Widerspiegelung im Begriff 
dessen, was als unser Problem der ursprünglichen Akkumu: 
lation sich dem Verstande stellt, der diese wirkliche histo- 
rische Entwicklung begreifend nachvollziehen will: Um 
11) MEW 2323, a.a.O0., S. 742. 
12) MEW 223, a.a.0., 5. 744. 
13) G.F. Hegel, Enzyklopädie, 888. 
auf die Welt zu kommen, benötigt das Kapital eine Umwäl 
zung der feudalen Produktionsweise. Diese Umwälzung ist 
einerseits Voraussetzung für das Kapital, kann aber ande- 
rerseits nur begriffen werden als Aktion des Kapitals selbst 
Das Kapital braucht zu seiner vollständigen Herausbildung 
eine Akkumulation, die nicht dem fertigen Kapitalverhält- 
nis entspringen kann, weil dies noch nicht existiert. 
Das Kapital muß also eine von ihm „spezifisch unterschie- 
dene Form des Reichtums” setzen. Diese kann in der vor- 
findlichen Produktionsweise nur aus dem Grundeigentum 
entwickelt werden, das jedoch in seiner feudalen Form 
dem Kapital nicht entspricht. In dieser Form ist es näm- 
lich rein stofflicher Reichtum, zum andern läßt es eine 
natürliche Verknüpfung der Produzenten mit ihrem Pro- 
duktionsmittel Boden bestehen; die Bauern sind ähnlich 
dem Boden Eigentum des Feudalherrn. Das Kapital hin- 
gegen muß das Grundeigentum als abstrakten Wert setzen, 
der der Arbeit oder dem Arbeiter gegenübertritt: ‚,...Da: 
Kapital, um zu werden, setzt eine gewisse Akkumulation 
voraus, die schon im selbständigen Gegensatz der verge- 
genständlichten gegen die lebendige Arbeit liegt; im selb- 
ständigen Bestehn dieses Gegensatzes.” 14) 
„Die Form, worin die beginnende kapitalistische Produk- 
tionsweise das Grundeigentum vorfindet, entspricht ihr 
nicht. Die ihr entsprechende Form wird erst von ihr selbst 
geschaffen durch die Unterordnung der Agrikultur unter 
das Kapital . . . Das Grundeigentum erhält so seine rein 
Ökonomische Form durch Abstreifung aller seiner frühe- 
ren politischen und sozialen Verbrämungen und Verquik- 
kungen,” wird auf die Kategorie der kapitalistischen 
Grundrente reduziert 15), Die Grundrente als ökonomischeı 
Ausdruck des modernen Grundeigentums bezeichnet den 
Übergang des Bodens in ein reines „Wertobjekt”, in dem 
alle früheren natürlichen Beziehungen zu seinem Bebauer 
ausgeschlossen sind 
„Sowohl seiner Natur nach wie historisch ist das Kapital 
der Schöpfer des modernen Grundeigentums, der Grund- 
rente; wie seine Aktion daher auch als Auflösung der alten 
Form des Grundeigentums erscheint. ...Das Kapital ist 
dies — nach einer Seite hin betrachtet — als Schöpfer der 
modernen Agrikultur, In den ökonomischen Verhältnissen 
des modernen Grundeigentums, das als ein Prozeß erscheint: 
Grundrente — Kapital — Lohnarbeit, . . . ist daher die 
innere Konstruktion der modernen Gesellschaft, oder das 
Kapital in der Totalität seiner Beziehungen gesetzt. Es 
fragt sich nun, wie ergibt sich der Übergang aus dem Grund- 
eigentum in die Lohnarbeit? (Der Übergang von der Lohn- 
arbeit in das Kapital ergibt sich von selbst; da dieses hier in 
seinen aktiven Grund zurückgegangen ist). Historisch ist 
der Übergang unstreitig. Er liegt schon darin, daß das 
Grundeigentum Produkt des Kapitals ist. Wir finden daher 
überall, daß da, wo durch Reaktion des Kapitals auf die 
14) Grundrisse, a.a.0., S. 226. 
15) K. Marx, Das Kapital, Bd. 3, Marx-Engels-Werke, MEW 23, 
Berlin, DDR 1969, 5. 630. Vgl. auch R. Rosdolski, a.a.0.. 
Ss. 53 
1(
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.