Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

Profit (profit upon alienation oder Veräußerungsprofit) 
eine bloße Verschiebung des Reichtums von einem zum 
anderen sei. Die zweite Sorte ist der Profit der Kapitalisten 
die sich immer nur gegenseitig übers Ohr hauen, indem sie 
sich Waren über Wert verkaufen. Über den positiven Profit 
weiß Steuart nur zu sagen, daß er entspringt aus der „Ver- 
mehrung der Arbeit, Industrie und Geschicklichkeit”, 
ohne sich weiter um nähere Bestimmungen zu kümmern. 
Doch liegt in jener Unterscheidung zwischen „positivem“ 
und „relativem“ Profit gleichsam die theoretische Grund- 
lage, aufgrund derer die Physiokraten — ob nun bewußt 
auf Steuart aufbauend oder nicht — als erste, sozusagen 
als logische Fortsetzung von Steuart, die Untersuchung 
über den Ursprung des Mehrwerts aus der Zirkulations- 
sphöre in die Sphäre der Produktion verlegen konnten. 
Wie sieht nun diese erste Form der im Kern korrekten Auf. 
fassung des Mehrwerts aus? 
Die „Achse” der physiokratischen Lehre bildet die rich- 
tige Einsicht, daß der Wert des Arbeitsvermögens zunächst 
als fixe Größe zu bestimmen ist (was natürlich im ahisto- 
risch-absoluten Sinne falsch ist, wohl aber richtig im je- 
weilig gegebenen Zeitpunkt). Dieser Wert bestimmt sich 
nach dem Preis der für die Reproduktion des Arbeitsver- 
mögens notwendigen Lebensmittel, die Agrikulturprodukte 
sind. Dieser konstante Preis der Arbeitskraft ist das Mini- 
mum des Salairs. 
Die zweite wichtige korrekte Auffassung der Physiokraten 
liegt darin, daß sie nur die Arbeit als produktiv begreifen, 
die Mehrwert schafft. Da sie aber den Wert selbst noch 
nicht entschlüsseln konnten als abstrakte Arbeitsquantität 
(und zwar deswegen nicht, weil ihnen ihr noch feudal ver- 
stellter Blick das bürgerliche Volksvorurteil von der Gleich- 
heit aller Menschen nicht in ihr Denken eingehen ließ), 
muß für sie das „Minimum des Salairs” selbstverständlich 
Naturgegebenheit sein. Daher muß ihnen der Mehr- 
wert entspringen nicht aus der Mehrarbeit der produk- 
tiven Arbeiter, sondern aus der Differenz zwischen dem 
notwendigen „Minimum des Salairs”, also dem konstanten 
Wert der Arbeitskraft, und dem Wert der während eines 
Arbeitstages von den Arbeitern produzierten Gebrauchs- 
werte. Für die Physiokraten besteht der Mehrwert also aus 
der Differenz zweier in gleicher Weise natürlicher Konstan- 
ten: dem Wert der Arbeitskraft und der 
Länge des Arbeitstages. Unter diesen theo- 
retischen Voraussetzungen ergibt sich für die Physiokraten 
logischerweise nur eine mögliche Quelle des Mehrwerts: 
die Natur, die Erde. Die Tatsache des Mehrwerts ergibt 
sich also aus dem günstigen Umstand, daß der Boden, der 
bebaute Boden, mehr Nahrung hergibt als jenes selbstver- 
ständlich vorausgesetzte Minimum der unmittelbaren Re- 
produktion der Arbeitskraft. Der Mehrwert ist somit also 
der Üherschuß der in der Agrikultur produzierten Ge- 
brauchswerte. (vgl.S.18) Dies ist sozusagen handgreiflich sichtbar 
in der Agrikultur, auch ohne Wertbegriff. Dagegen ist der 
Mehrwert, wie ihn die Physiokraten begreifen, völlig ver- 
hüllt in der Manufaktur, wo die Arbeiter überhaupt keine 
Lebensmittel produzieren. Daraus ziehen die Physiokraten 
nun den notwendigen Schluß, daß allein in der Agrikultu: 
Mehrwert geschaffen wird, daher die Grundrente 
die einzige Form des Mehrwerts sei. „Industrieller Profit 
und Geldzins sind nur verschiedene Rubriken, worin sich 
die Grundrente verteilt und zu bestimmten Teilen aus der 
Hand der Grundeigentümer in die Hand anderer Klassen 
übergeht.” 30) 
Somit ist die Mehrwerttheorie der Physiokraten die ge- 
naue Umkehrung der Auffassung der Klassischen Öko- 
nomen: Nicht die Grundeigentümer erscheinen hier als 
erpresserische Schmarotzer und ungebetene, aber zähne 
knirschend gedultete Tischgäste beim Verzehr des Mehr 
werts, sondern bei den Physiokraten erscheint vielmehr 
vice versa der Kapitalprofit als reine Revenue aus dem 
vom Grundeigentum produzierten Mehrwert (als eine 
Art „höherer Arbeitslohn, die in die Kostenrechnung 
der Kapitalisten eingeht wie das „Minimum des Salairs.”) 
Damit sind für die Physiokraten die nicht-agrikolen Kapi- 
talisten zu Unrecht, was für die Kapitalisten zu Recht die 
Grundeigentümer: eine überflüssige Klasse, die mit der 
Produktion des bürgerlichen Reichtums nichts zu tun hat 
Auf den ersten Blick scheint es also, als seien die Physio- 
kraten die Theoretiker der feudalen Reaktion gegen die 
aufkommende kapitalistische Produktionsweise. Doch 
wie fast immer, trügt auch hier der Schein ganz gewaltig. 
Die Physiokraten waren gerade trotz — oder vielmehr, wie 
wir noch sehen werden, wegen -— ihrer Verherrlichun: 
des Grundeigentums, damit der feudalen bzw. halbfeud:ı 
len Grundbesitzerklasse Frankreichs die ersten wirklichen 
Dolmetscher des Kapitals, indem sie nämlich, wie schon 
bekannt, den Ursprung des Mehrwerts in der Produktion 
entdeckten. Sie übersetzten damit die halbfeudalen Agrar- 
verhältnisse des vorrevolutionären Frankreich in die 
Sprache der englischen Manufakturkapitalisten jenseits 
des Kanals, die allerdings auf ihren eigenen Dolmetscher, 
zumindest was die Ökonomie betrifft. noch warteten. 
So haben wir das scheinbar paradoxe Ergebnis, daß die 
erste wissenschaftlich-ökonomische Theorie des Kapitals 
erscheint im Gewand einer feudal inspirierten Rechtferti- 
gung des Grundeigentums. Marx sagt darüber folgendes: 
„Es sind dies alles Widersprüche der kapitalistischen Pro- 
duktion, die sich aus der feudalen Gesellschaft herausar- 
beitet und letztere selbst nur mehr bürgerlich interpre- 
tiert, ihre eigentümliche Form aber noch nicht gefunden 
hat, wie etwa die Philosophie, die sich erst in der reli- 
giösen Form des Bewußtseins herauskonstruiert und da- 
mit einerseits die Religion als solche vernichtet, anderer- 
seits positiv sich selbst nur noch in dieser idealisierten, in 
Gedanken aufgelösten Sphäre bewegt.” 31) Und: 
„Die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft von der 
auf den Trümmern der Feudalgesellschaft errichteten ab- 
soluten Monarchie findet also (in der Theorie der Phrysio- 
30) MEW26.1,a.a.0.,5.17 f 
31) MEW 26.1, a.a.0.,5S. 22.
	        

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