Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

terstellt, daß das Kapital Besitz ergriffen hat von allen 
Sphären der Produktion, einschließlich der Agrikultur, 
und daß folglich nirgends eine Schranke für die Anlage 
von Kapital bestehe, Daraus folgt, daß die Grundrente als 
eine besondere Form des Mehrwerts überhaupt nicht 
existieren kann. Der Agrikulturkapitalist, also der Pächter, 
ist ein Kapitalist wie jeder andre auch. Er macht, wie jede 
andere Branche der Produktion, seinen durchschnittlichen 
Profit. Er verkauft, wie jede andere Branche auch, seine 
Produkte zu ihrem Wert, Die Frage, die sich dem Ökono- 
men stellt, ist nun die folgende: Wie ist es möglich, daß 
die Produktion in der Landwirtschaft allem Augenschein 
und aller täglichen Erfahrung nach außer dem Durch- 
schnittsprofit für den Pächter noch für den Eigentümer 
des Bodens eine Rente zahlt? Beides ist empirisch der 
Fall: denn wenn der Pächter nicht den allgemeinen Durch- 
schnittsprofit erzielen würde, dann wäre für ihn die Anlage 
seines Kapitals nicht rentabel, er würde es schleunigst aus 
der Agrikultur abziehen und woanders, etwa in der Indu- 
strie, anlegen. Ebenso klar ist aber auch, daß der Eigentü- 
mer trotzdem noch seine Rente erhält. 
Noch Adam Smith hudelte über dieses Problem hinweg, in- 
dem.er mystifizierte: die Grundeigentümer seien quasi 
Agenten der Mutter Natur, und die Natur sei infolge ihrer 
Fruchtbarkeit Quelle von Wert, daher gebühre ihr, resp. 
dem Grundeigentümer, sein Anteil. Ricardo aber, der ganz 
konsequent an der Bestimmung des Werts durch die Ar- 
beitszeit festhält, muß diese „Lösung” (den Rückfall in 
die Physiokratie) ablehnen. Wie löst Ricardo auf der Grund: 
lage der Bestimmung des Werts durch die Arbeitskraft nun 
das Problem der Grundrente? 
Zunächst muß er folgerichtig die Existenz der Rente als be- 
sonderer Form des Mehrwerts leugnen. „Normalerweise” 
also zahlt das vom Pächter in den Boden investierte Kapi- 
tal nichts als den Durchschnittsprofit. Wir nennen diesen 
Fall hypothetisch „Boden I”. Jetzt, sagt Ricardo, tritt fol- 
gender Fall ein: Aufgrund verschiedener Umstände steige 
die Nachfrage nach Lebensmitteln. Der bisher bebaute Bo- 
den I reicht nicht mehr aus, um diese erhöhte Nachfrage 
zu befriedigen. Also wird die Produktion aufgenommen auf 
bisher unbebautem (schlechterem) Boden: Boden II. Dieser 
Boden, weil unfruchtbarer, erfordert zur Herstellung einer 
gleichen Menge von Ackerbauprodukten ungleich mehr 
Arbeitszeit, d. h. folglich: in den Produkten von Boden II 
steckt mehr Wert als in den Produkten von Boden I. Unter 
„normalen” Bedingungen der kapitalistischen Konkurrenz 
nun, sagt Ricardo, würde die Konkurrenz bewirken, daß 
die Wertunterschiede in den Produkten, je nachdem sie 
unter Bedingungen höherer oder niedrigerer Produktivität 
der Arbeit erzeugt werden, sich im Preis ausgleichen, so 
daß der Kapitalist mit geringerer Produktivität sich mit 
geringerem Profit zufriedengeben muß, da er die Ware un- 
ter ihrem individuellen Wert loszuschlagen gezwungen ist. 
Dies ist aber nicht der Fall, was die Agrikultur betrifft. Da 
die Nachfrage ja erst die Inbetriebnahme des schlechteren 
Bodens hervorgerufen hat, kann der Pächter des schlech- 
testen Bodens allemal davon ausgehen, daß seine Produkte 
auch abgenommen werden. wenn er sie zu ihrem individu- 
ellen Wert verkauft. Dies schließt für den Pächter des Bo- 
dens II den gewöhnlichen Profit ein, allerdings nicht eine 
Rente für den Eigentümer des Bodens. Für den Pächter des 
besseren Bodens I ergibt sich allerdings daraus, daß der 
Preis der Agrikulturprodukte bestimmt ist durch den Wert 
der Produkte des schlechteren Bodens II, ein Surplus- 
profit. Denn er verkauft ja seine Produkte, die auf 
besserem Boden mit weniger Arbeit erzeugt werden, daher 
geringeren Wert besitzen, deshalb noch lange nicht zu die- 
sem ihrem geringeren Wert, sondern zu dem höheren Preis, 
der bestimmt wird durch den Wert der Produkte des Bo- 
dens II. 
Diesen Surplusprofit nun kann der Pächter des Bodens I 
als Rente abführen an den Grundeigentümer. Mit anderen 
Worten: Ricardo hat, auf der Grundlage der Bestimmung 
des Wertes durch die Arbeitszeit, die Rente, eine em- 
pirisch vorfindbare, zur selbstverständlichen Existenz er- 
starrten Form des gesellschaftlichen Reichtums, ökono- 
misch-wissenschaftlich erklärt als Surplusprofit, 
ihr damit den Schein als Gabe der Natur oder sonstwelcher 
mystischer Quellen entstammend, genommen. 
Ricardo hat somit als einzige Form der Rente die Dif- 
ferentialrente anerkannt, d.h. den Surplusprofit, 
den der bessere Boden gegenüber dem schlechtesten ab- 
wirft. Die absolute Grundrente, also den 
Fall, daß auch der schlechteste Boden Rente für seinen 
Eigentümer abwirft, mußte er konsequenterweise als nicht 
existierend behaupten, gegen alle Erfahrung. Erst 
Marx weist dann gegenüber Ricardo nach, daß auch die 
Existenz einer absoluten Grundrente auf der Basis der 
Geltung des Wertgesetzes möglich ist, ohne zu der Vorstel- 
lung zu flüchten, daß die Waren über ihrem Wert ver- 
kauft werden müßten, um als Produkte des schlechtesten 
Bodens Grundrente zahlen zu können. 
3. ABSCHNITT 
DAS GRUNDEIGENTUM UND DIE GRUND- 
RENTE IN DER ENTWICKELTEN BÜRGER- 
LICHEN PRODUKTIONSWEISE (NACH DER 
ANALYSE VON K. MARX IM 3. BAND DES 
“KAPITAL“) 
Bereits bei Ricardo zeigte sich, wie die volle Entfaltung 
der bürgerlichen Produktionsweise das Grundeigentum 
an den Rand des Produktionsprozesses verweist, der al- 
lein und wesentlich vom Kapital bestimmt wird. Von 
daher ist es begreiflich, daß Marx die Grundrente im 
dritten Band des „Kapital”” behandelt, denn der dritte 
Band stellt im Unterschied zum ersten, der den Begriff , 
den inneren Zusammenhang des Kapitals zum Gegen- 
stand hat, dessen empirische Oberfläche dar. Oder, wie 
J. Zeleny es formuliert: „Wenn wir den Gesamtaufbau 
unter dem Gesichtspunkt der Beziehung von Erscheinung 
und Wesen untersuchen, dann können wir sagen, daß die 
spiralförmigen Analysen der Erscheinung und des Wesens 
des ersten Bandes ganz und gar auf die Reproduktion des
	        

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