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modell liegt der verallgemeinernde Charakter des Falles
„Bologna” (der vielen „Bolognas” in Italien), begriffen
als Beitrag zu einer Theorie der Planung in kommunalen
und regionalen Rahmen.
Eine Gesamtanalyse kann in diesem Artikel nicht geleistet
werden. Aber die neue Formulierung der Bologneser
Frage und die Benennung der zu untersuchenden Elemente
in ihrem problematischen Charakter könnten schon
über das Phänomen Bologna hinaus einen Einblick in die
Situation der Stadtplanung als „politischer Planung” in
Italien geben, wie es bereits seitens internationaler Institutionen
versucht wird 21).
Der Artikel wird zum größten Teil eine Kritik der
deutschen Perzeption des Bologneser „Beispiels” bis Ende
1974 bleiben. Dies kann jedoch zugleich ein praktischer
Beitrag zur Diskussion über Stadtplanung in Italien
sein. In der dortigen Urbanismus-Diskussion sind zahlreiche
theoretische Ansätze entwickelt worden zur Überwindung
der herkömmlichen, positivistisch geprägten
Stadtplanung; herrschendes Thema ist dabei die Bildung
einer Theorie der „bürgerlichen” oder „kapitalistischen”
Stadt und die Formulierung einer Gegenstrategie. 22) „Bologna”
— so sehr es in seiner exemplarischen, jedoch nicht
in seiner historischen Bedeutung noch relativiert werden
muß — ist zur Bestätigung einer positivistischen Planerideologie
benutzt worden, aber es kann auch eine prak
tische Kritik dieser Ideologie leisten. Es kommt darauf
an, wie man an Bologna herangeht. Das positivistische
Stadtplanungsdenken, das die problematische Struktur
der modernen Stadt in empirischen Kategorien erfaßt —
„Arbeiterwohnung” oder „-siedlung”, „City””, „„Verdichtungs-”
und „ländliche Problemgebiete” usw. —, beharrt
auf quantitativen Lösungen für die Probleme dieser nicht
historisch verstandenen Bestandteile der „Stadt”’. Dieses
Denken hat bis jetzt die internationale Bologna-Perzeption
beherrscht. Bologna bietet jedoch nicht solche quantitativen
Lösungen (und wenn, dann nur bereits bekannte
Lösungen) an — schon gar nicht dort, wo der Stadtplaner
sich der politischen Frage entledigt und „urteilsfrei”
handelt, aber auch nicht dort, wo er ein politisches
Urteil fällt, aber lediglich in sozialreformerischen Maßnahmen
die quantitative Verbesserung der schlechten urbanen
Qualität anstrebt. Vom Standpunkt der neuen Urbanismus-Diskussion
in Italien aus können jedoch am
Fall Bologna andere Kenntnisse gewonnen werden: wie
zunächst theoretisch entwickelte Alternativen zur bürgerlichen”
und „kapitalistischen”” Stadt im bestehenden gesellschaftlichen
System verwirklicht werden können, d.h.
wie die dichotomische Struktur dieser Stadt in einer neuen
Qualität aufgehoben werden kann.
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ARCH*+ 7. Jg. (1975) H. 26
II. Die Ergebnisse der Bologna-Diskussion:
Utopie, Bluff, importierbares Modell
ı Nicht nur der Experte, der in Bologna quantitative
Lösungen sucht, wird enttäuscht; auch der nach der Lektüre
mancher enthusiastischer Berichte voreingenommene
Bologna-Durchschnittsbesucher bleibt nach langer
Suche enttäuscht vor einer bescheidenen Baustelle in
San Leonardo stehen. Bei den meisten Fällen von deskriptiven
Darstellungen der Bologneser Stadtplanung
hat es sich um freie Übersetzungen einiger Grundtexte
der Kommune gehandelt; sie haben jedoch nicht zwischen
diesen Texten und der Wirklichkeit vermittelt;
sie sind Berichte über Texte geblieben. Sie haben wohl
einige der auffälligsten „Erscheinungen” Bolognas weit
und breit bekannt gemacht: auf der einen Seite soziale
Sanierung/Erhaltung des historischen Zentrums, Nulltarif
usw.; auf der anderen Seite der offizielle Jargon
einer Stadtverwaltung im kapitalistischen Westen gegen
Boden- und Bauspekulation, gegen die monopolistischen
und faschistischen Tendenzen des heutigen Kapitalismus
und für Selbskontrolle des „Territoriums”
durch die Arbeiter. Aber immer wenn diese „Erscheinungen”
von ihrem genetischen Kontext und teilweise
auch voneinander losgelöst dargestellt werden, schlägt
Politisches in Technisches und Technisches in,immanente
Möglichkeiten des Systems, Soziales in Sozialromantisches,
Äußerungen des Klassenkampfes in pittoreske
Phrasen um.
Der außenstehende Stadtplaner will sich seinen fachspezifischen
Anteil aneignen und auf den Rest lieber verzichten
— im guten Glauben, daß dieser sein „Planer”-Anteil
aus der Spontaneität des sozialen und politischen
Systems entspringt. An dieser Verkürzung der Probilematik
waren auch die Bologneser schuld, und sie üben
jetzt Selbstkritik; einer berichtete über den „Erfolg”
seiner Stadtplanung beim Symposium des Europarates
im Oktober 1974: „Wir haben uns geirrt. Wir haben nur
die Resultate vermittelt, und nicht den Weg, der uns zu
diesen Resultaten geführt hat. . . Die Thesen für das historische
Zentrum sind nicht ein Modell für den Export,
sondern eine ‘politische Linie, die zu verbreiten wäre 23)
Bis jetzt ist die „Aneignung”” Bolognas also eine akademische
geblieben. Trotz so großer internationaler Bewunderung
konnte doch das Bologneser Beispiel in keinem
einzigen Fall außerhalb Italiens importiert werden.
Immerhin hat es einen gehobenen Tourismus ausgelöst,
aus der Reihe der Stadtplanungsfans viele in die Stadt ge
lockt. Auch die Regeln des möglichen Imports konnten
nicht überzeugenderweise genannt werden 24). Inzwischen
ist die Interpretation ihren eigenen unzureichenden
Prämissen zum Opfer gefallen, und das Lager hat
sich gespalten. Vorsichtige Stadtplaner möchten lieber
auf das Endprodukt warten. Sie mögen Recht haben,
denn einerseits ist im Bologna-Zentrum bis jetzt wenig
gebaut oder restauriert worden und andererseits haben
sie schon ihre Frage auf ihre Weise gestellt: können die
Sanierungsziele erreicht werden mit einer Politik, die