Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

politisch-wirtschaftliche Ordnung, der sein Charakter, sa- 
gen sie, so genau entspricht. Das ist die Kritik von links, 
die Kritik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, denn 
die Kritik von rechts ist still geworden, nachdem sie 
zwanzig Jahre lang, von 1925 bis 1945 sehr laut gewesen 
war. Daß sie unterschwellig gleichwohl vorhanden ist, wer 
wollte daran zweifeln? 
Die Kritiker des Funktionalismus blicken um sich, und 
was sie sehen finden sie grauenhaft. Es ist grauenhaft. Sie 
verfolgen diese Architektur zu ihrer Quelle zurück: zum 
Bauhaus, zu den CIAM, zur Charta von Athen. Sie sehen 
da keinen Bruch. Aber wir sehen einen: den Bruch, der 
durch die Verjagung eingetreten ist. Man sollte ihn nicht 
vergessen. Man sollte auf jeden Fall die Frage stellen, ob 
der auferstandene Funktionalismus der gleiche ist wie der 
Funktionalismus, den man aus seinem Ursprungslande 
verwiesen hat. 
Damals war die Abkehr von der Architektur, die man 
funktionalistisch nennt, nicht auf Deutschland beschränkt: 
sie war eine internationale Erscheinung. In den dreißiger 
Jahren wollte die Architektur allenthalben wieder „mensch- 
lich‘ werden. Diese Tendenz hat auch vor den großen Ge- 
stalten der funktionalistischen Architektur nicht halt ge- 
macht: man vergleiche Walter Gropius‘ Haus in Dessau 
mit dem Hause, welches er sich dann, 1938, in Lincoln, 
Massachusets gebaut hat. Das Haus in Dessau war ab- 
strakt: rechte Winkel, Materialien der Industrie: Eisen- 
beton, Stahlfenster. In Lincoln git es Kurven und Schräg- 
stellungen; und es gibt dort viel Holz: Holz, das organi- 
sche Material katexochen. Die dreißiger Jahre waren 
auch die große Zeit der nationalen Architekturen: denn _ 
es war, neben dem Vorwurf, daß er unmenschlich sei,der 
andere große Vorwurf, den man dem Funktionalismus 
machte, und zwar von rechts und von links: daß er inter- 
national sein wollte. Um nur eine linke Stimme zu zitie- 
ren — denn die rechten kennen wir ja: Hannes Meyer 
sagte 1938, also zur Nazizeit: „Der Schrei nach einer 
‘internationalen Architektur‘ im Zeitalter nationaler Au- 
tarkien, des Erwachens der Kolonialvölker . . . das ist 
ein snobistischer Traum jener Bauästheten, die sich eine 
einheitliche Bau-Welt aus Glas, Beton und Stahl erträum- 
ten (zum Wohle der Glastrusts, Cementtrusts, Stahltrusts) 
losgelöst von der gesellschaftlichen Wirklichkeit.” 
Es gab aber damals eine Internationale des Nationalis- 
mus: eine Internationale schon darum, weil diese Archi- 
tekturen einander auf so fatale Art ähnlich sahen. 1945 
war in Deutschland der Spuk verflogen; und man stürzte 
sich mit dem Eifer, der für deutsche Umbrüche bezeichnend 
ist; zurück in den Funktionalismus: man durfte wieder 
und, bei Gott, man wollte auch. Jeder Architekt hatte zu 
beweisen, daß es ihm mit dem anderen niemals ernst ge- 
wesen war; und sie bewiesen es. . . Kann da irgendjemand 
glauben, daß dieser neue Funktionalismus, der aus schlech- 
tem Gewissen und einer recht ungenauen Rückbesinnung 
entstand, der gleiche ist wie der, der-um 1925 mit so viel 
Abscheu und so großen Hoffnungen aufgenommen wurde? 
Es ist doch wohl ein Unterschied, ob man neue Gedan- 
ken konzipiert und sie unter Kämpfen, äußeren und inne- 
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ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 27 
ren, zu verwirklichen sucht, oder ob man einen abgeleg- 
ten Anzug wieder anzieht und feststellt, daß er trotz al- 
lem noch paßt. Dem Gedankengut der Bauhausjahre 
wurde nichts hinzugefügt, und nicht wenig davon wur- 
de weggelassen. In Wirklichkeit ging es nicht mehr so 
recht. Die Geschichte des Nachlebens nationalsoziali- 
stischer Gedanken und Formen in der deutschen Archi- 
tektur der fünfziger Jahre ist noch nicht geschrieben wor- 
den. Es ist eine aufschlußreiche Geschichte. Die Umstän- 
de aber haben dafür gesorgt, daß ein sehr bedeutendes 
Volumen dieser Bauten eines ausgehöhlten Funktiona- 
lismus gebaut wurde. 
Sehr bald zog man die Bilanz: Mitscherlich sprach 
von der Unwirtlichkeit unserer Städte. Es entstanden 
Bilderbücher, wie Siedlers und Niggemeyers „Die gemor- 
dete Stadt‘: Putten und Karyatiden der Gründerzeit 
wurden den kahlen Kisten der neuen Wohnviertel entge- 
gengestellt: Beispiel und Gegenbeispiel, wie beim seligen 
Schultze-Naumburg; nur, daß die Beispiele nun Schultze- 
Naumburgs Gegenbeispiele waren, womit ich freilich 
nicht sagen will, daß die Gegenbeispiele Schultze-Naum- 
burgs Beispielen ähnlich gesehen hätten: Das beileibe 
nicht! Die kahlen Kisten hat auch er gehaßt. Der Ab- 
scheu, gegen den die neue Architektur in den Jahren ih- 
res Entstehens sich hatte durchsetzen müssen war ja 
Schultze-Naumburgs Abscheu gewesen. Ich erwähne aber 
diese Namen, weil mir die Gemeinsamkeit des Abscheus 
damals, als der alte Funktionalismus abgelehnt wurde, un 
heute, wo man den neuen Funktionalismus (und durch i 
wieder den alten) zurück in die Hölle schickt, ein wenig 
Angst macht: Wer etwas angreift, was der Nationalsozialli 
mus angegriffen hat,sollte zum mindesten ein gewisses Uni 
hagen verspüren. Daß man trotzdem den Funktionalismus’ 
auch faschistisch genannt hat,erwähne ich ganz am Rande: 
den Faschist nennt in Deutschland jeder jeden, den er nick 
leiden mag. 
Unser Unbehagen wächst, wenn wir die Argumente 
von damals mit denen vergleichen, welche heute von Kri- 
tikern des Funktionalismus ins Feld geführt werden. Bei- 
de lehnen eine bestimmte Form des Fortschrittes ab: die, 
welche sie funktionalistisch nennen. Und beide führen ge- 
gen dieses Neue das Alte ins Feld: die Nationalsozialisten 
damals, weil es dem „gesunden Volksempfinden“‘ ent- 
spreche, die Sozialisten heute, weil sie die Architektur 
des Sozialismus noch nicht vorstellen können. Die Frage, 
warum weder die Sowjetunion noch auch China bereits 
Hinweise geben können, geht weit über das Thema die- 
ses Vortrages hinaus: Sie können es noch nicht. Die sozi- 
alistische Kritik kann also.nur sagen, daß die Architektur 
des Sozialismus menschlich sein werde, denn sie wird 
auf die Gesellschaft bezogen sein. Die alte Architektur 
sei das immerhin gewesen. Von beiden Seiten also wird 
das Bild einer Vergangenheit als Leitbild beschworen. 
Die Vergangenheit, die die Sozialisten beschwören, ist 
zwar nicht mehr wie die, auf die Schultze-Naumburg | 
sich berufen hatte: ländlich-sittlich. Sie ist „urban“. Es 
ist die Vergangenheit der großen Stadt, von der man sagt; 
sie sei durch den Funktionalismus gemordet worden, im 
besonderen durch die Charta von Athen (1933), welche
	        

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