Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

Planungsvariabilität als Angebotsvariabilität nützt vor- 
wiegend der Wohnungsbaugesellschaft, weil sie die Reali- 
sierungsrisiken durch ein allgemein anzubietendes System 
der Wohnungsversorgung ausschaltet. Planungsvariabilität 
in der hier konzipierten Form ist ein Mittel der rationelle- 
ren Versorgung einer spezifischen Nachfrage des örtlichen 
Marktes mit Wohnraum bei unspezifischer zentraler Pro- 
duktion. 
3.22. Umbauvariabilität in Hannover-List 
Die NEUE HEIMAT motivierte die Umbauvariabilität 
mit der „Freiheit der Mitgestaltung und Mitentscheidung 
für den unmittelbaren Lebensbereich”. In ihrem Werbe- 
prospekt formulierte sie: „Anzahl und Größe der Räu- 
me können Sie verändern. Zu jeder Zeit. Je nach Ihren 
Bedürfnissen . . .”. 
Erschließung, Tragstruktur und Naßzellen des Gebäu- 
des sind jedoch so determinierend, daß — abweichend 
vom zugrundeliegenden Grundriß einer Familienwoh- 
nung — Alternativen nur unter großer Wohnwertminde- 
rung möglich sind. 
Oberdrein können die nichttragenden Raum- bzw. 
Wohnungstrennwände nur durch Abbruch und Neubau 
verändert werden, der nur vonseiten der NEUEN HEI- 
MAT bzw. durch von ihr beauftragte Handwerker durch- 
geführt werden kann. Die Kosten für die Umbaumaßnah- 
men werden mit über 50 DM/qm Wandfläche angegeben. 
In zwei Fällen wurden Veränderungen innerhalb der Woh- 
nung vorgenommen, deren Kosten die Mieter selbst tra- 
gen mußten. In einem weiteren Fall wurde ein Schotten- 
durchbruch gemacht und eine zwei-Personen Wohnung 
angeschlossen. Eine generelle Regelung, wer die Kosten 
in Zukunft übernimmt, soll in der Mieter-Initiativgruppe 
mit dem Bauträger diskutiert werden. 
Im Mietvertrag, der für den gesamten Wohnungsbe- 
stand der NEUEN HEIMAT gilt, ist eine Veränderung 
der Wohnung durch den Mieter nicht vorgesehen. Gefor- 
dert wird hier, daß der Mieter „den ursprünglichen Zu- 
stand Den bis zum Auszug wiederherzustellen ha- 
be” 11). 
Der Gebrauchswert der Zwischenwände wird auch 
noch aufgrund der schlechten Schallisolation gemindert. 
Bei zukünftigen Bauvorhaben sollen diese Trennwände 
besser konstruiert werden. . 
Der Gebrauchswert von umsetzbaren Trennwänden ist 
auch noch dadurch begrenzt, daß sich eine Bedarfsver- 
änderung meist in einem Mehr- oder Minderbedarf an 
Wohnfläche ausdrückt, der selten zeitlich und mengen- 
mäßig übereinstimmend bei zwei Wohnungsnachbarn auf- 
tritt. 
Die Kosten für die Umbauvariabilität scheinen die 
Baukosten nicht wesentlich belastet zu haben, da diese 
mit 920 DM/am durchaus im üblichen Bereich liegen. 
0 
ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 27 
3.23. „Mieterselbstverwaltung‘“ in Hannover-List 
Die Mitbestimmungskonzeption der NEUEN HEI- * 
MAT, soweit sie überhaupt als solche zu bezeichnen ist, 
setzte in Hannover-List vor allem nach Belegung der 
Wohnungen im Bereich der Gemeinschaftseinrichtunge: 
an. 
Folgende Einrichtungen wurden im Wohnblock ang& 
boten: | 
— ein zentral im Untergeschoß und Erdgeschoß gele- 
genes Mieterzentrum, 275 qm groß und komplett 
eingerichtet (zwei Partyräume, Sauna mit Solarium, | 
Dunkelkammer), 
eine abseits gelegene Spielwohnung als Kindergarten) 
für 20 Kinder, W 
ein Waschzentrum, erstaunlicherweise im Erdgeschoß 
an der zentralsten Stelle des Blocks. 
Ein Prospekt der NEUEN HEIMAT beschreibt die * 
Ansätze zur Mitbestimmung: „, . .. Das ist die Korzep-} 
tion: Zwischenmenschliche Kontakte durch Eigeninitia® 
tive und Selbstverwaltung . . . hier und heute werden‘ 
Freiheiten der Mitgestaltung und Mitentscheidung ein- » 
geräumt . . . Gemeinschaftseinrichtungen sind nur sinn-} 
voll, wenn sich aktiv Gemeinschaft bildet, wenn Ge- | 
ea die Fähigkeit gewinnt, sich selbst zu tragen 
“12 
Mit Hilfe eines von der NEUEN HEIMAT angestell-} 
ten Sozialarbeiters (zuständig für den Gesamtwohnun 
bestand der NEUEN HEIMAT-Hannover) wurde die 7 
Mieterselbstverwaltung, die die sinnvolle Nutzung der | 
Gemeinschaftseinrichtungen gewährleisten soll, initi- 
iert. Denn: „Die Mieter sind von sich aus nicht in der L 
ge, so etwas voll zu nutzen, sie sind noch nicht reif für ) 
solche Dinge, sie müssen erst ganz langsam dahin ge- 
führt werden . . . ” 13). 
Die Mieter-Initiativgruppe, die auf der ersten Ver- 
sammlung der Mieter gebildet wurde, sollte sich ge- 
meinschaftlicher Probleme annehmen und als Verhand- 
lungspartner der NEUEN HEIMAT in allgemeinen Mie-' 
terfragen (z.B. Umbaukosten) fungieren — ein Verfah- 
ren, das die NEUE HEIMAT schon seit einiger Zeit in 
anderen Wohnanlagen praktiziert. Neben dieser Initia- 
tivgruppe wurden andere Arbeitsgruppen gebildet, die 
die Nutzung der einzelnen Gemeinschaftsbereiche re- 
geln sollen: ‚, ... . die Betreuung der Gemeinschafts- 
einrichtungen erfolgt durch die NEUE HEIMAT und 
die Stadt Hannover (Spielwohnung, Anm. d.V.). Wie 
aber diese Einrichtungen benutzt werden, wann und 
von wem, wer sie sauberhält und was in den Räumen 
gemacht werden darf, das alles sollen Sie bestimmen, 
Sie gemeinsam mit anderen Mietern, Sie sollen sich zu- 
sammensetzen und sich eine Benutzungsordnung schaf-} 
fen. Sie sollen diskutieren, wenn es Probleme gibt... 
‚” 14), Aber: „. . . das Wohnungsunternehmen ist be- 
rechtigt, den Betrieb der Gemeinschaftseinrichtungen 
neu zu regeln oder einzustellen sowie neue Einrichtun- 
gen... zu schaffen, soweit dies dem Wohnungsunter- 
nehmen nach billigem Ermessen zweckmäßig erscheint.
	        

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