Ehrlinger/Ettinger/Merz
MH sich neue Märkte erschließen bzw. neue Verwendung
finden würden — z.B. als provisorische Läden und Büros,
als Übergangswohnungen und Notunterkünfte bei „Sanierungen‘“
und Katastrophen, als Zweitwohnungen und
als „low-cost‘-Wohnungen in den sog. Entwicklungsländern
(!) — und daß sich bis 1980 der Absatz der MH-Industrie
in den USA verdoppeln würde 73). Das erschien
auch nötig: Denn die MH-Industrie der USA hatte —
nach 25 Jahren ungezügelten Wachstums — Anfang der
70er Jahre bereits enorme Kapazitätsreserven angesammelt
und stand in besonderem Maße unter Wachstumszwang.
Die schwere Rezession 1974/75 traf sie daher in
vollem Umfang und zeigte, daß allzuviel Zuversicht über
die weitere Entwicklung denn doch nicht am Platze ist,
auch wenn das MHI mit fast ungebrochenem Zweckoptimismus
noch 1975 verkündete: „Should the mobile
home industry continue its future growth at the same
pace as its 1964 to 1974 rate of 14%, it can be expected
to produce more than 700.000 homes annually by
1980‘ 74). Solche Töne können nicht davon ablenken,
daß die MH-Produktion 1974/75 größere Einbußen hatte
als die von Einfamilienhäusern insgesamt 75):
— 1973—74 nahm die Anzahl der von Händlern verkauften
MH um ca, 35 % ab, die Anzahl-der von den Produzenten
an die Händler ausgelieferten MH sogar um
42% von 566.920 auf 329.300 (!); im letzten Quartal
74 sank ihre Zahl sogar um mehr als 50%.
1973/74 ging die Zahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser
dagegen „nur“ um 22% zurück.
Der Grund für diese Entwicklung ist naheliegend: die Rezession
1974/75 ist besonders tiefgreifend und dauert
anders als frühere schon besonders lange. Anhaltende Arbeitslosigkeit
bzw. Kurzarbeit treffen — bei anhaltender
Inflation bzw. relativ geringen Lohnerhöhungen — vor
allem die unteren und mittleren Einkommensschichten,
aus deren Kreis die Mehrzahl der MH-Käufer kommt. Die
gehobenen Einkommensschichten, die vorwiegend Käufer
der teureren, traditionellen Einfamilienhäuser und
der Fertighäuser sind, zeigten sich (vorläufig) weniger krisenanfällig.
Sie haben in vielen Fällen genug „Reserven‘“‘,
um ihre meist langfristigen Dispositionen zur Erstellung
eines eigenen Hauses aufrechtzuerhalten.
Die MH-Produzenten haben nun Schwierigkeiten, den
enormen Absatzrückgang aufzufangen. Jahrelang war ihr
Augenmerk nur darauf gerichtet, noch mehr zu produzieren,
hohe Profite zu erzielen und diese erneut für die
Produktionssteigerung einzusetzen. Nun haben vor allem
die kleineren und mittleren MH-Produzenten keine ausreichenden
Kapitalreserven. Sie konnten die Produktion
bzw. nur Montage der MH in der Regel ohne viel Anfangs:
kapital beginnen und wälzten obendrein zahlreiche Finanzierungslasten
auf die Zulieferanten der Montageteile
und vor allem auf die Händler ab. Zuerst haben nun
von den Händlern innerhalb kurzer Zeit schätzungsweise
30—35% ihren Laden dicht machen müssen 76). Die
Banken und Finanzierungsinstitute, ehemals tief beeindruckt
von der enormen Zuwachsrate der MH-Industrie
und stets zu günstigen Finanzhilfen bereit, sind nun geschockt
(u.a. da ein großes Institut in den letzten 2 Jahren
über 25 Mio (//) im MH-Geschäft verlor 77). Sie gewähren
den Händlern, wenn überhaupt, nur noch Kredite
mit überhöhter Verzinsung.
Dennoch zeigen sich bereits wieder die ersten Silberstreifen
am Horizont: Einerseits hat die anhaltende Rezession
vor allem auf dem Wohnungsmarkt die Lücke zwischen
Bedarf und Angebot weiter vergrößert. Andererseits waren
die Produzenten von traditionellen Einfamilienhäusern
und auch von Fertighäusern nicht in der Lage, ihre
Position im Preisvergleich mit den MH-Produzenten zu
verbessern. Im Gegenteil:
Tabelle 6
Preisvergleich zwischen MH und Einfamilienhäusern
/USA) 78)
1969 1970 1971 1972 1973 1974
Mobile Homes 8.65 8.35 9.07 8.73 8.64 10.63
price per sq.ft. (#%
(mit Möblierung)
Site-Built 13.45 13.95 14.55 15.35 17.10 21.00
Homes Cost ;
per sq. ft. @&)
(ohne Möblierung,
ohne Land)
Um sich den Traum vieler US-Bürger, ein „richtiges“
Einfamilienhaus zu besitzen, dennoch zu Nutze machen
zu können, versuchen die Produzenten traditioneller
Einfamilienhäuser derzeit, das sog. „basic-house““ ins
Gespräch zu bringen 79). Es soll — entsprechend früheren,
in vielen Ländern unmittelbar nach Kriegsende gemachten
Vorschlägen — in „Sparbauweise“‘ erstellt werden,
d.h. es sollen Größe und Ausstattung sowie die Qualität
minimiert werden.
Auf solche Vorstöße der Konkurrenz haben sich allerdings
viele MH-Produzenten — meist schon vor der Krise — vorbereitet.
Sie fusionieren seit einigen Jahren zunehmend
mit Wohnungsbau-, vor allem Fertighaus-Produzenten
und entwickeln neue Konzepte, um auf den Markt für
Einfamilienhäuser weiter vorzudringen. Dabei werden
sie — wenn auch nicht offiziell — von der US-Regierung
unterstützt: Das „Department of Housing and Urban
Development“ (HUD) plant ein Subventionierungsprogramm
für die Erstellung von Wohnsiedlungen mit MH,
die — wie Einfamilienhäuser — mit den Grundstücken
zum Kauf angeboten werden sollen 80). Insgesamt sieht
es danach aus, als könne die MH-Industrie mit öffentlicher
Hilfe tatsächlich neue Märkte — auf Kosten des traditionellen
Baugewerbes — erschließen und u.U. in eine
Phase zwar reduzierten, aber vorerst konsolidierten
Wachstums eintreten. Unsicher bleibt allerdings, ob sich
— ähnlich wie bei der Automobil-Industrie — ein zunehmend
großer Gebraucht-Markt für MH, trotz deren relativ
geringen Lebensdauer, entwickeln und hemmend auf die
künftigen Zuwachsraten auswirken wird.
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