Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

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Halensee und die spätere Gründung Grunewald lagen am Reit- 
wege der von Charlottenburg zum Jagdschloß am Grunewald- 
see führte: diese Gründungen lagen also „abseits”’; erst Carstenn, 
ihr Gründer, hat die Landwege zu Straßen ausgebaut. Alle diese 
Kolonien haben sich bis heute erhalten mit Ausnahme von 
Wilmersdorf und Friedenau: der Steglitz-Wilmersdorfer Land- 
weg wurde als Kaiserstraße (Kaiserallee — Bundesallee) zur Aus- 
fallstraße vom neuen Westen, am Zoo, nach Potsdam und be- 
sonders zu den späteren Kolonien, heute im Bezirk Zehlendorf 
gelegen, die sich im Norden der Potsdamer Chaussee entwickelt 
hatten. 
Selbst in Friedenau haben sich noch an einigen Straßen die Häu- 
ser der Carstennschen Gründung erhalten; es muß bemerkt wer- 
den, daß die Kaiserallee bis an den Bahnhof Zoo heran vor dem 
Ersten Weltkriege eine reine Wohnstraße geblieben ist; und daß 
Friedenau, wenn auch in anderer Form als Carstenn gewollt 
hatte, eine Art Wohnkolonie geblieben ist: noch heute eine 
grüne Oase der Stille im Norden des betriebsamen Steglitz. 
In den alten Straßen nahe dem Bahnhof stehen noch große Bäu- 
me, von denen viele sicher schon vor 1900 gestanden haben. Um 
den Rüdesheimer Platz herum ist ein grünes Wohnviertel anderer 
Art entstanden: anstelle der großen Bäume gibt es dort grüne 
Böschungen vor den Miethäusern. Friedenau ist auch heute grün. 
Stille ist freilich ein relativer Begriff. Friedenau ist verhältnis- 
mäßig frei von starkem Autoverkehr. Daß die Flugschneise nach 
Westen gerade über Friedenau führen würde, konnte Carstenn 
allerdings nicht voraussehen. 
Der Name Carstenn ist mit der Berliner Vorortentwicklung aufs 
engste verknüpft. Carstenn war ein Berliner Financier, der zuerst 
in Hamburg gewirkt hat, und seine erste Vorortgründung ist der 
Ort Marienthal in Wandsbeck gewesen: genauer bei Wandsbeck; 
denn erst 1866 „gingen die bis dahin im Fiskaleigentum befind- 
lichen öffentlichen Straßen und Plätze . . . in das Gemeindeei- 
gentum über.” Marienthal entstand auf dem Gelände des Gutes 
Schloß Wandsbeck, welches sein Besitzer Ernst von Schimmel- 
mann 1857 „an den Gütermakler J.A.W. Carstenn aus Berlin” 
verkaufte. Es fiel, wie es hieß, der Parzellierung anheim. „Die- 
ser Spekulation wurde auch das Schloß geopfert”, und der 
„rücksichtslose Spekulant” schreckte nicht davor zurück, „um- 
fangreiche Baumfällungen vorzunehmen”. Das Gehölz wurde 
allerdings 1860 von der Wandsbecker Gemeinde zurückgekauft. 
Den nächsten Konflikt zwischen dem rücksichtslosen Speku- 
lanten und der Stadt brachte der Bau der Eisenbahn Hamburg- 
Lübeck. Carstenn wollte den Bahnhof in nächster Nähe seiner 
Kolonie Marienthal haben. „Die Wandsbecker waren recht ver- 
ärgert”, bemerkt der Wandsbecker Chronist, den wir hier zu 
Worte kommen lassen. „Was würde nun aus ihrem einst so idyl- 
lischen Ort werden? Mitten durch das grüne Herz schnitt die 
eintönig nüchterne Stahllinie der-Eisenbahnschienen. Durch 
den ‘Nachtigallenhain’, einst der Lieblingsplatz Matthias Clau- 
dius’, ratterten die Eisenbahnzüge, vor deren Lärm die Sänger 
verstummen mußten.” Aber trotz weiterer „Hindernisse und 
Schwierigkeiten” wurde am 1. August 1865 die Hämburg-Lü- 
becker Eisenbahn dem Verkehr übergeben und zwar, wie gesagt 
auf der von Carstenn gewünschten Linie. Bereits der Kauf war 
von den Wandsbecker Bürgern „mit ängstlicher Besorgnis ver- 
ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 25 
folgt” worden; denn „es bestand alsbald kein Zweifel mehr 
über die von den Käufern des Gutes verfolgten Absichten: 
sie wollten parzellieren . .. Der Gedanke der Parzellierung 
war . . . durchaus unpopulär. Diesen Standpunkt wird der 
Naturfreund auch allezeit als berechtigt anerkennen. Indess 
wird man bei Beurtheilung des vorliegenden Falles nicht 
außer Acht lassen dürfen, daß Wandsbeck in unmittelbarer 
Nähe einer sich mächtig ausdehnenden Großstadt belegen 
ist, sowie, daß mit deren Wachsen auch die Umgebung wächst 
und die raumbedürftige Menschheit von dem Landmann den 
Boden zu ihren Wohnplätzen gebieterisch fordert. Erstreckte 
sich also die Nutzbarmachung des Grund und Bodens zu 
Bauzwecken vorzugsweise nur auf die bisher dem Landwirt- 
schaftsbetriebe dienenden Flächen, und wurde bei einer 
nicht wohl zu umgehenden Hineinziehung anderer Anlagen 
in geringem Umfange nur mit sorgsamem Blick nicht nur 
auf die Gegenwart, sondern auch in die Zukunft und mit 
pietätvoller Schonung des Altehrwürdigen und Geheiligten 
vorgegangen, so konnten Ort und Bewohner, welche Letzte: 
ren dadurch Arbeit und Verdienst erhielten, nur gewinnen. 
Zum Glück für unsere Stadt bestand derzeit für das ‘adeliche 
Gut Wandsbeck privaten Antheils’, wie das jetzige Marien- 
thal amtlich bezeichnet wurde, noch die Einschränkung, daß 
daselbst weder Fabriken errichtet, noch bürgerliche Gewer- 
be betrieben werden durften.” 
Und so dauerte es nicht lange, bis die Stadt Wandsbeck recht 
zufrieden war, die Kolonie eingemeinden zu dürfen: „Die 
Eingemeindung Marienthals war sowohl in wohn- und sied- 
Jungspolitischer als auch in steuerlicher Beziehung für Wands- 
beck von großem Nutzen. Der Gutsbesitzer von Carstenn 
hatte dieses Gebiet zur landhausmäßigen Bebauung aufge- 
teilt und die Ansiedlung steuerkräftiger Bevölkerung, insbe- 
sondere aus dem benachbarten Hamburg, zuwege gebracht. 
Marienthal hat seine Eigenschaft als Villenort, vor allem un- 
ter dem Einfluß der . . . obrigkeitlichen Bestimmungen bis 
auf heute bewahrt und bildet ein vorbildliches Wohngebiet, 
dessen Pflege und weitere Ausdehnung stets in der Politik 
der Verwaltung gelegen hat und weiterhin liegen muß. Es ist 
der Sitz des steuerkräftigsten Teils der Bewohnerschaft i 
Wandsbecks und somit als Stütze der kommunalen Finanz- 
wirtschaft anzusehen.” 
Das ‚ar die Grundlage jener Spekulation in Hamburg: das 
Herziehen steuerkräftiger Bürger in die Gärten vor der gros: 
sen Stadt; das brachte ihr Erfolg; und diesem wirtschaftli- 
chen Erfolge konnten am Ende die Naturschützer und Denk- 
malschützer jener Zeit ebensowenig widerstehen, wie die 
entsprechenden Leute das heute können — wobei man die 
geschichtliche Ironie bemerken darf, daß die Heutigen die 
Carstennschen Schöpfungen gegen die rücksichtslosen Spe- 
kulanten der Gegenwart zu erhalten sich bemühen. Über 
seine Berliner Gründungen hat Carstenn im Jahre 1892 
einen bemerkenswerten Bericht gegeben, aus dem wir Aus- 
züge vortragen. Dieser Schrift zufolge ist es nicht die Spe- 
kulation auf den Reichtum der prospektiven Villenbesitzer 
gewesen, was Carstenns zu Unternehmungen bei Berlin
	        

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