Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 26 
Modernisierungszone 3, die insgesamt 2 412 Wohnungen 
umfaßt (davon 1 267 der Kolonie Ostheim und 494, die 
in den 20er Jahren gebaut wurden und dem Liegenschafts 
amt der Stadt Stuttgart gehören), betrug 1974 der Anteil 
der über 65-jährigen 22,3% (Stuttgarter Durchschnitt: 
14%), der Anteil der Ausländer nur 11,5% (Stuttgarter 
Durchschnitt: 16,32%). Allein zwischen 1972 und 1974 
stieg die Anzahl der Ausländer (insbesondere in den städti- 
schen Wohnungen) jedoch um insgesamt 48,33 %, 
Die Ausstattung der Wohnungen ist sehr mangelhaft: 
6% der Wohnungen sind ohne innenliegendes WC, 60% 
ohne Bad und 87% ohne Sammelheizung 43). 
3.1.2 Staatlich geförderter Mietwohnungsbau nach dem 
I. Weltkrieg 
Dieser Mietwohnungsbau entstand in der Regel als 2 — 
4-geschossige Zeilen- oder Blockbebauung an den damali- 
gen Stadträndern, meist in Form geschlossener Siedlungen 
für Arbeiter, Angestellte und Beamte. Wohnungsbauträ- 
ger waren vor allem die Kommunen, gemeinnützige, ge- 
nossenschaftliche und karitative Organisationen 44). 
Allein das Liegenschaftsamt der Stadt Stuttgart verfügt 
heute noch über etwa 4 000 derartiger Wohnungen aus 
den 20er Jahren, davon fast 3 000 in den vom Regierungs 
präsidium genehmigten Modernisierungszonen 1, 2 und 
3 45). Die Mieten solcher kommunaler Wohnungen müs- 
sen nicht nach den Vorschriften der II. BV kalkuliert, 
sondern können an sozialen Gesichtspunkten orientiert 
werden. 
Bis heute sind die geschlossenen Siedlungen aus den 
20er und 30er Jahren nur teilweise in die städtische Bau- 
struktur der Nebenzentren integriert. Einige der Sied- 
lungen bzw. ihre Bewohner waren und blieben sozial 
und ökonomisch deklassiert, wurden entsprechend „ab- 
gekapselt”. Nicht umsonst wohnen über 40% von den Be 
wohnern der Modernisierungszonen 2 und 3 schon mehr 
als 20 Jahre (!) dort. 
Vor allem aufgrund der sozialen Deklassierung und 
— damit im Zusammenhang — aufgrund der schlechten 
Ausstattung der Wohnungen wollen in die meisten die- 
ser Siedlungen derzeit, trotz der relativ niedrigen Mieten, 
kaum noch Deutsche einziehen. 
Stuttgarter Beispiel: Raitelsberg (vom Regierungsprä- 
sidium genehmigte Modernisierungszone 2) 46). Die 
dortigen 722 Wohnungen wurden in städtischem Auftrag 
1926 — 28 errichtet und befinden sich noch heute im Be- 
sitz des Liegenschaftsamts der Stadt Stuttgart. Die Ein- 
wohnerschaft ist inzwischen überaltert, der Ausländer- 
anteil ist sehr hoch und steigt steil an: 1974 betrug der 
Anteil der über 65-jährigen 20,2% (Stuttgarter Durch- 
schnitt: 14%), der Anteil der Ausländer bereits 17,3% 
(Stuttgarter Durchschnitt: 16,32%). Allein zwischen 
1972 und 1974 stieg die Anzahl der Ausländer um 71,2%. 
Sowohl die Größe als auch die Ausstattung der Woh- 
nungen lassen viel zu wünschen übrig: Zwar haben fast 
sämtliche Wohnungen 4 Räume (einschließlich Küche), 
sind aber fast alle kleiner als 55 am. 64% der Wohnungen 
„7 
4 
sind ohne Bad und 100% ohne Sammelheizung. 
3.1.3 Staatlich geförderter Mietwohnungsbau nach 
dem 2. Weltkrieg 
Ende der 40er und in den 50er Jahren entstand mit staat- 
lichen Mitteln eine große Anzahl von Klein- und Einfach- 
wohnungen zur Unterbringung der Obdachlosen und 
Flüchtlinge aus dem 2. Weltkrieg. Sie wurden vor allem 
in den äußeren Stadtbezirken, meist in Form monotoner 
Zeilenbebauung, erstellt. 
Wohnungsbauträger waren in der Regel gemeinnüztige 
Organisationen, da die öffentliche Hand seit Anfang der 
50er Jahre keine eigenen Wohnungsbauprojekte mehr 
durchführen konnte 47). Die Mieten dieser Wohnungen 
müssen deshalb fast ausschließlich als Kostenmiete nach 
den Vorschriften der II. BV kalkuliert werden. 
Insbesondere die Einfachstwohnungen in den kleinen 
Siedlungen, die u.a. im Rahmen der Barackenräumpro- 
gramme entstanden sind und sich oft heute noch in 
räumlicher und sozialer Isolation befinden, sind kleiner 
und noch viel schlechter ausgestattet als die staatlich 
geförderten Mietwohnungen aus der Zeit vor dem 
2. Weltkrieg. 
Stuttgarter Beispiel: SWSG-Siedlung Rohr-Dürrle- 
wang (in der vom Regierungspräsidium genehmigten 
Modernisierungszone 7) 48) 
Etwa 160 der 472 Wohnungen in der Modernisierungs- 
zone 7 sind Einfachstwohnungen im Besitz der gemein- 
nützigen städtischen Wohnungsgesellschaft m.b.H. 
(SWSG) und wurden erst 1956 und 1957 errichtet. Unter 
den heutigen Bewohnern gibt es einerseits viele kinder- 
reiche Familien, andererseits auch viele (alleinstehende) 
Rentner. Der Anteil der Ausländer wächst schneller als 
sonst irgendwo im Stadtgebiet: 1974 betrug der Anteil 
der 5 — 20jährigen in den 160 Einfachstwohnungen 
35,5% (Stuttgarter Durchschnitt: 17,6%), der Anteil 
der über 65jährigen 16,4% (Stuttgarter Durchschnitt: 
14%). Der Anteil der Ausländer in der gesamten Moder- 
nisierungszone 7 betrug zwar erst 6,9%, stieg aber allein 
zwischen 1972 und 1974 um etwa 100%. 
Obwohl erst zu einem geringen Teil abgeschrieben, 
sind die Einfachstwohnungen dringend erneuerungsbe- 
dürftig. Sie sind zu klein und miserabel ausgestattet: 
Die meisten Wohnungen sind 2- und 3-Raum-Wohnungen 
(Wohnküche mit winziger Kochnische eingerechnet) und 
haben nur 38 und 47 qm Wohnfläche. Keine der Woh- 
nungen hat ein Bad oder eine Sammelheizung, es gibt 
pro Wohnung nur einen einzigen Wasserhahn (in der 
offenen Kochnische) 49). 
3.2 Privatkapitalistischer Massenwohnungsbau vor 
dem 1. Weltkrieg 
Während der Phase der Industrialisierung bauten Speku- 
lanten vor allem in den Städten Mietskasernen für das 
anwachsende Proletariat, deren Mieten auch heute noch 
unmittelbar an der zahlungsfähigen Nachfrage orientiert
	        

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