Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

werden. Fast immer liegen diese Mietskasernen in der 
Nähe der Innenstadt bzw. in der Nähe der älteren Neben- 
zentren, sind dort aber zwei unterschiedlichen Entwick- 
lungen unterworfen: Vor allem dort, wo das Industrie-, 
Handels- und Dienstleistungskapital nach Investitionsmög- 
lichkeiten sucht und auf Umnutzung der Wohngrundstücke 
spekuliert werden kann, fallen sie — u.U. nach vorüber- 
gehender Verslumung und teilweiser Belegung mit Aus- 
ländern — den sogenannten „Flächensanierungen” zum 
Opfer; dort, wo bisher noch kein entsprechender Investi- 
tionsanreiz besteht, zeigen sich — bei hoher Fluktuation 
der Bewohner — Tendenzen zu andauernder Verslumung 
und Herausbildung von Ausländerghettos. 
Die Mietskasernen des 19. Jahrhunderts sind von allen 
Wohnungsbauten die modernisierungsbedürftigsten; häu- 
fig haben die Wohnungen nur einen heizbaren Raum, 
nicht einmal ein innenliegendes WC, geschweige denn 
ein Bad. 
Da es sich meist um extrem dichte Bebauungen han- 
delt, oft mit mehreren engen Hinterhöfen, ist die Ver- 
besserung der Wohnverhältnisse nur über die Verbindung 
umfangreicher Modernisierungs- und Sanierungsmaßnah- 
men möglich. 
Stuttgarter Beispiel: Mitte - Süd (vom Stuttgarter 
Stadtplanungsamt vorgeschlagene Modernisierungs- 
zone 16) 
Es gibt in Stuttgart keine zusammenhängenden Quar- 
tiere mit typischen privatkapitalistischen Mietskasernen 
aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Das liegt u.a. in der 
atypisch späten und langsamen Industrialisierung des 
Stuttgarter Raumes begründet 50). In den anderen Groß- 
städten — etwa Berlin — ist das ganz anders. Dort machen 
solche Mietskasernen den größten Teil des modernisie- 
rungsbedürftigten Wohnungsbestands aus. 
Die Merkmale dieses Wohnungsbestands weisen in 
Stuttgart u.a. Mietwohnungsbauten im Bereich der vor- 
geschlagenen Modernisierungszone 16 auf. Dort finden 
sich neben einzeln stehenden bürgerlichen Wohnungsbau- 
ten extrem dichte Blockbebauungen mit Hinterhofhäu- 
sern, die etwa um 1910 entstanden. 
Die Wohnverhältnisse haben sich im letzten Jahrzehnt 
vor allem durch die steigende Verkehrsbelastung der Wohn- 
straßen, die tags als „Entlastungstraßen”” den Durchgangs- 
verkehr zwischen äußeren Stadtbezirken und nachts den 
„Kreiselverkehr” zwischen Bordellen und Bars aufneh- 
men, ständig verschlechtert. 51) 
Die Verdrängung und Abwanderung der deutschen 
Bewohner, von denen vor allem die Alten zurückbleiben, 
wird durch die Zuwanderung ausländischer Bewohner 
nicht mehr ausgeglichen: Allein zwischen 1972 und 
1974 nahm die deutsche Bevölkerung in dem Gebiet um 
867 Personen (= 10,8%) ab, die Zahl der Ausländer stieg 
dagegen nur noch um 326 Personen. 1974 betrug der An- 
teil der Ausländer im Gebiet bereits 25,7% (Stuttgarter 
Durchschnitt: 16,3%). Der Anteil der über 65jährigen 
unter der deutschen Bewohnern betrug 1974 bereits 
mehr als 19%. (Stuttgarter Durchschnitt: 14%) 
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ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 26 
Von den 3 523 Wohnungen des Gebiets haben zwar 
„nur” 5% kein innenliegendes WC und 39% kein Bad. 
Diese Mängel finden sich aber konzentriert bei den Woh- 
nungen der Hinterhofhäuser. 83% aller Wohnungen des 
Gebiets haben keine Sammelheizung. 
3.3 Bürgerlicher Mietwohnungsbau vor dem 
1. Weltkrieg 
Dieser Wohnungsbau entstand in Form 3 — 5-geschossi- 
ger dichter Blockbebauung meist in unmittelbarer Nähe 
zur heutigen City und in den älteren Nebenzentren. Die 
entsprechenden Gebiete haben im Laufe der Nachkriegs- 
zeit ihren Charakter stark verändert. Aufgrund ihrer 
Nähe zur City und zu den Nebenzentren waren und 
sind sie stark umnutzungsgefährdet. Die Gefährdung 
wird dadurch verstärkt, daß diese ursprünglich „reinen 
Wohngebiete” im Flächennutzungsplan inzwischen meist 
als gewerblich nutzbare „Mischgebiete” ausgewiesen sind. 
Die Wohnungen in diesen Gebieten sind meist groß 
und repräsentativ, oft auf einen Haushalt mit Dienstbo- 
ten zugeschnitten. Sie haben in der Regel kein Bad, das 
zur Entstehungszeit der Wohnungen nicht zum Wohn- 
standard der bürgerlichen Klasse gehörte. 
Stuttgarter Beispiel: Wohngebiet zwischen Alexander- 
und Hohenheimer Straße (vgl. Abbildung 1, Untersu- 
chungsgebiet U). Abgesehen von Teilen der 0.a. Moder- 
nisierungszone 16, wurden umnutzungsgefährdete Ge- 
biete mit bürgerlichem Mietwohnungsbau bisher in‘ 
Stuttgart nicht als Modernisierungszonen vorgeschlagen. 
Dies hat seinen Grund vor allem wohl darin, daß die 
Besitzverhältnisse in diesen Gebieten — es handelt sich 
in aller Regel um Einzelbesitz, der oft noch unter mehre- 
ren Erben aufgteilt ist — umfangreiche, koordinierte 
Modernisierungsprogramme, die nur begrenzte Mieter- 
höhungen nach sich ziehen, kaum durchführbar erschei- 
nen läßt. 52) Ein weiterer Grund mag darin gelegen ha- 
ben, daß die Modernisierungsrichtlinien anfänglich die 
Ausweisung von Modernisierungszonen dort ausschlos- 
sen, wo eine Verbesserung der Wohnverhältnisse ohne 
ergänzende Sanierungsmaßnahmen nicht möglich gewe- 
sen wäre. 
Im folgenden werden wir jedoch gerade — am Bei- 
spiel des Wohngebiets zwischen Alexander- und Hohen- 
heimer Straße 53) — die Probleme der Modernisierung 
innenstadtnaher Wohngebiete mit bürgerlichem Miet- 
wohnungsbau genauer untersuchen. 
3.4 Sonstige Kategorien 
Bevor wir uns auf die Modernisierungsprobleme in innen- 
stadtnahen Wohngebieten konzentrieren, muß noch be- 
merkt werden, daß die bisher genannten Kategorien 
nicht den gesamten, wohl aber den am dringlichsten mo- 
dernisierungsbedürftigten Stuttgarter Wohnungsbestand 
umfassen. Berücksichtigt wurde ausschließlich der Miet- 
wohnungsbau. Unerwähnt blieben beispielsweise die 
modernisierungsbedürftigen Wohnhäuser in den alten
	        

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