Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 26 
Kernen der teilweise dörflichen Nebenzentren Stuttgarts, 
die zum Teil kleine bürgerliche Mietshäuser sind oder 
aber den Charakter ländlicher Siedlungshäuser und Neben- 
erwerbsstellen haben und von den Eigentümern selbst be- 
wohnt werden. 
In diesen dörflichen Nebenzentren wird die nachhal- 
tige Verbesserung der Wohnverhältnisse ebenfalls nur 
durch eine Verbindung von Modernisierungs- und Sanie- 
rungsmaßnahmen herbeizuführen sein. 54) 
4. Modernisierung innenstadtnaher Wohngebiete 
als besonderes Problem der Stadtentwicklung 
Wenn wir — auf der Basis konkreter Erhebungen über das 
Wohngebiet zwischen Alexander- und Hohenheimer 
Straße (vgl. Abbildung 1, Untersuchungsgebiet U) — un- 
sere Überlegungen auf die Modernisierungsprobleme in 
innenstadtnahen, an die City angrenzenden Wohngebie- 
ten (mit bürgerlichem Mietwohnungsbau) konzentrieren, 
so hat dies folgende Gründe: 
4.1 Modernisierungswürdige innenstadtnahe Wohnge- 
biete sind umnutzungsgefährdet 
In diesen Wohngebieten befindet sich ein großer Teil der 
modernisierungsbedürftigen Stuttgarter Wohnungen (vgl. 
Tabelle 4). Bei diesen Gebieten handelt es sich fast durch- 
weg um bürgerliche Stadterweiterungen aus der Zeit der 
Jahrhundertwende, deren Wohngebäude in der Regel so- 
lide gebaut und deren Wohnungen — trotz des hohen 
Baualters — fast immer modernisierungswürdig sind. Die 
verzierten Fassaden und die Plätze der Quartiere bieten 
für die Bewohner erhaltenswerte räumliche Identifikations- 
möglichkeiten, die zur „Milieubildung” beitragen. 
Die innenstadtnahen Wohngebiete sind jedoch vor allen 
umnutzungsgefährdet. Die an die City angrenzende oder 
verkehrsgünstig zur City gelegene Wohnnutzung wird 
schrittweise von gewerblicher Handels- und (auch staat- 
licher) Dienstleistungsnutzung verdrängt. Diese Entwick- 
lung, in ihrem Ausmaß als „Dienstleistungsexplosion” zu 
charakterisieren, hat das heutige Gesicht der Städte bereits 
entscheidend geprägt. 
Der Dienstleistungssektor ist das dominierende und 
dynamische Element der städtischen Wirtschaftsentwick- 
lung. Von Bedeutung sind dabei weniger die persönlichen 
Dienstleistungen, also Dienste, die im weitesten Sinn 
der Reproduktion des Individuums dienen (Gesundheits- 
fürsorge, Freizeitangebote etc.). Ausgedehnt haben sich 
vor allem die Zirkulationsdienstleistungen, die ausschließ- 
lich der Zirkulation von Waren und Kapital dienen 
(Banken, Versicherungen, Handel, aber auch Interessens- 
verbände und ein großer Teil der staatlichen Verwaltung) 
Zwischen 1961 und 1970 wies beispielsweise in Stuttgart 
die Wirtschaftsabteilung 90 (Gebietskörperschaften) 
mit 56,8% den größten Zuwachs an Beschäftigten aus, 
1: 
3 
gefolgt von der Wirtschaftsabteilung 80 (Organisationen 
ohne Erwerbscharakter) mit einem Zuwachs von 23,1%. 55) 
Handels- und Dienstleistungsunternehmen sind, eine 
günstige Betriebsgröße vorausgesetzt, mit hoher Zah- 
lungsfähigkeit ausgestattet. Dies erlaubt es ihnen, sich 
im Konkurrenzkampf um die günstigsten Standorte 
durchzusetzen. Ihre Standortpräferenzen orientieren 
sich sowohl an materiellen als auch an immateriellen 
Elementen (an materiellen wie z.B. günstigen Verkehrs- 
anbindungen, an immateriellen wie z.B. Prestigevor- 
teilen, Statussymbolen). 
In aller Regel bestehen solche Standortvorteile in der 
Innenstadt und der ständige Nachfragedruck nach Laden- 
und Büroflächen führt zur Ausdehnung des Geschäfts- 
und Verwaltungsbereichs der City — auf Kosten der 
angrenzenden Wohngebiete. Diese werden in Misch- und 
Kerngebiete umgewidmet, die Wohnnutzung an den Stadt- 
rand verdrängt. 56) 
1970 befanden sich bereits 80% aller Arbeitsplätze 
des Stuttgarter Bankgewerbes, 50% aller Arbeitsplätze 
des Stuttgarter Versicherungsgewerbes und mehr als 
40% aller Arbeitsplätze der in Stuttgart ansässigen öffent- 
lichen Verwaltungen im Bereich des Stadtbezirks Stutt- 
gart-Mitte (City), der nur 2% der gesamten Stuttgarter 
Fläche umfaßt. 57) 
In der Regel verläuft die Umnutzung der innen- 
stadtnahen Wohngebiete in zwei Phasen: die erste ist 
gekennzeichnet durch eine „schleichende” Umnutzung. 
Die Wohngebäude bleiben weitgehend erhalten, einzel- 
ne Wohnungen werden nach und nach in Geschäfts- 
und Verwaltungsräume umgewandelt. Theoretisch ist 
die Umnutzung in dieser Phase wieder rückgängig zu 
machen. Die zweite Phase ist gekennzeichnet durch eine 
'physische Umstrukturierung. Die Wohngebäude werden 
abgerissen und an ihrer Stelle großflächige Geschäfts- 
und Verwaltungsbauten errichtet. 
Bedingt durch die spezifische topographische Lage 
der Stuttgarter Innenstadt treten diese Umnutzungspha- 
sen nicht nur zeitlich hintereinander, sondern auch räum- 
lich nebeneinander auf. Große Geschäfts- und Verwal- 
tungsbauten sind an den Hängen des Talkessels technisch 
kaum zu realisieren. Ihre Verkehrsanbindung — vor 
allem an den Massenverkehr — wäre extrem ungünstig. 
Die politische Durchsetzung einer höheren Bebauungs- 
dichte ist schwierig, da sie schwerwiegende klimatische 
Störungen im gesamten Talkessel zur Folge hätte. Der 
Umnutzungsprozeß bleibt daher auf die Talsohle be- 
schränkt — mit Expansionstendenz nach Westen und 
Norden. 
Andere Dienstleistungsunternehmen, z.B. solche oh- 
ne Erwerbscharakter, deren Funktion als Verband o.ä. 
in der Repräsentation einer Interessengruppe besteht, 
bevorzugen dagegen die „guten Wohnlagen”” am Kessel- 
rand. Bei geringer Betriebsgröße ist ihr Verkehrsaufkom- 
men gering und ihr Betriebsablauf ist in den Villen am 
Hang gut organisierbar.
	        

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