Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1976, Jg. 8, H. 29-31)

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Die Anna Mad war auch mal jung 
Das ift fechzig Jahre her 
Da trug ihre Mutter das jechste Kind 
Und der Bater trug ein Gewehr 
ie lernte den Krieg an der Heimatfront 
Und den Frieden in der Zabrik 
Da bekam fie Kartoffeln und Quark dazu 
Und wurde davon etwas di 
Bar Köchin und Pußfrau und Wäfcherin 
Und Samstag Abend war fie fchön 
Bar Krankenfchweiter und Tröfterin 
Und fie lernte beifeite ftehn 
3a, man lehrte fie, wenn’s nach Händel roch: 
„Halt dich raus, mein Kind 
Stell dich taub und blind 
Aber laß dich 
Auf feinen Streit ein! 
ZTrag den Kopf nicht zu hoch 
Du verliert ihn noch 
Und das Leben 
Bird dir lcid fein!” 
Die Anna Mack war zwanzig Jahr 
Und der Zlieder blühte im Mai 
Da wurde fie ing Gras gelegt 
Der Mann hatte Spaß dabei 
Der war fehr ftark und Aug und reich 
Mit einem Schmiß im Gesicht 
Der hat ihr mit Gemalt ein Kind gemacht 
Senommen hat er fie nicht... 
ie hatte die Sünde und die Arbeit dazu 
Und es murde über fie gelacht 
Sie fagte: „den Kerl bring ich vor Gericht 
Und hätt der auch noch fo viel Macht!” 
Doch die Mutter fagte (die kannte fich aus) 
„Halt dich raus, mein Kind 
Stell dich taub und blind 
Aber laß dich 
Auf feinen Streit ein! 
Zrag den Kopf nicht zu hoch 
Du verlierft ihn noch 
Und das Leben 
Bird dir leid fein!” 
Sie fand einen Mann, der brauchte fie 
Der hat ihr das Kind verziehn 
Der machte ihr noch zwei dazu 
Und fie lebte nur für ihn 
Dann fchlugen die Trommeln zum zweiten Krieg 
Der Mann 309 in Waffen hinaus 
Und fie fchmiß den Laden zehn Jahre lang 
Mit der Liebe war’s zehn Jahre aus 
Sie jaß unter Bomben und fchrie vor Angft 
und jagte den Kindern: „Seid fill!” 
Und fah die Verbrecher mit Orden gefchmückt 
Und faß zwifchen Schutt und Müll 
Sie jabh die 447 ‚doch ihr Haß blieb tumm 
„Halt dich raus, mein Kind 
Stell dich taub und blind 
Aber laß dich 
Auf feinen Streit ein! 
Trag den Kopf nicht zu hoch 
Du verliert ihn noch 
Und das Leben 
Mird dir leid fein!” 
Der Mann kam aus Rußland heim am Stock 
Und starb zwanzig Jahre lang 
ie legte fich Frumm und betete nachts: 
„Mein Gott, mas Frieg ich zum Dank?” 
ie fchickte die Kinder zur Kirche und mar 
Doch felber keine von den Zrommen 
Hatte Schulden und Angft, daß cs abwärts geht 
Und jagte: „Da muß noch was kommen!” 
Die Kinder gingen aufs Gymnafium 
Sie fparte am Zleifch und am Zett 
Und träumte, ihr Sohn wird ein großer Herr 
Und der macht dann alles wett 
Und fie fagte dem Sohn, wenn er Streit fuchen ging: 
„Halt dich raus, mein Kind 
Stell dich taub und blind 
Aber laß dich 
Auf feinen Streit ein! 
Trag den Kopf nicht zu hoch 
Du verlierst ihn noch 
Und das Leben 
Mird dir leid fein!” 
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