7. Ein Zitat an Stelle eines Resumees
Renato Severino schrieb in seinem 1971 erschienen Buch
„Totaler Raum. Quantität und Qualität im Bauen“‘:
— 3,Die Forderung der Masse nach einem besseren Leben wurde
mit reiner Quantität beantwortet, wobei alle Macht der Technik
eingesetzt wurde, schneller und billiger mehr Erzeugnisse
zu produzieren. Aber wovon mehr? Mehr Elendsviertel?
Mehr Schäbigkeit? Mehr Entfremdung? Diese Art, an ein
Problem heranzugehen, ersetzt soziale Verantwortung durch
soziales Getue.‘““ 98)
Die Entwicklung der MH-Industrie in den USA ist dafür
ein deutliches Beispiel. Doch wer will allen Ernstes
behaupten, diese Entwicklung könne sich in Europa
nicht wiederholen?
II. MOBILE HOMES (MHEB) AUF DEM WEGE
NACH EUROPA
„Werden die Caravans und die Mobile Homes . . . auch
bei uns zu Konkurrenz-Produkten der Eigenheim- und
Fertighausprodukte? “ 99) Bereits seit Jahren gibt es Anzeichen,
daß eine solche Entwicklung auf dem Europäischen
Markt, vor allem auch in der BRD bevorsteht.
Der Vormarsch der MH auf den Kontinent begann von
Großbritannien (GB) aus. Dort, wo sie treffend als
„Residential Caravans‘ bezeichnet werden, hatten sie
zuerst Fuß gefaßt. 1974 wurden von insgesamt 570.000
MH und Caravans ca. 250.000 als stationäre Ferienwohnung
genutzt und ca. 100.000 MH dienten bereits
— ähnlich wie in den USA — jungen Ehepaaren und
Rentnern als „immobile Dauerwohnung‘‘ 100),
Die Startbedingungen waren für die MH ähnlich günstig
wie in den USA
auch für GB wurden die MH rechtlich von Anfang an als
Fahrzeuge definiert und unterliegen von daher nicht bzw.
kaum Planungs- und Baugesetzen;
auch in GB werden die MH nach einem einheitlichen Standard,
dem „British Standard of Construction‘ (BS 3632)
gefertigt, Der Standard wurde von dem wichtigsten Verband,
der „Caravan Council” (NCC), —wie in den USA — in
Zusammenarbeit mit einer unparteiischen, national anerkannten
Institution, dem „British Standard Institute‘; entwickelt;
auch in GB gewährleistet ein umfangreiches Händlernetz bequemen
Einkauf der MH anhand von Katalogen und Mustern,
Vermittlung günstiger Finanzierungsprogramme, Veranlassung
des Transports zum Bestimmungsort und selbstverständlich
auch Bereitstellung des Aufstellplatzes;
auch in GB hat sich die MH-Industrie ihren Markt systematisch
durch die Bereitstellung mietbaren Bodens in MH-Parks
aufgebaut
zeigt hat, versucht die MH-Industrie vor allem den Export
auf das Festland zu steigern 102), Seit 1970 hat die
Caravan- und MH-Produktion mit ca. 35% die größte Exportrate
aller Produktionszweige in GB.
Auch in den Niederlanden hat sich bereits eine eigenständige
MH-Industrie entwickelt: in ca. 150 Parks sind
ca. mehrere 10.000 MH aufgestellt, die als stationäre Ferienwohnungen
dienen. Die niederländische Caravan- und
MH-Industrie versucht ebenfalls, ihren Markt durch Exporte
vor allem in die BRD und die Schweiz, wo günstige
Finanzierungsbedingungen bestehen, auszudehnen. Nahezu
2/3 der exportierten MH gehen in die BRD 103),
IV. MOBILHEIME (MH) IN DER BRD
Eine Entwicklung des MH wie in den USA (und in GB)
— vom Trailer (bzw. Caravan) als mobile Ferienwohnung
und dann als mobile Dauerwohnung bis zum MH als immobile
Dauerwohnung — bzw. eine vergleichbare Entwicklung
des MH-Absatzes oder gar einer nationalen MH-Industrie
ist bisher in der BRD nicht erkennbar geworden.
1. Kein MH-Boom
Wenn in der BRD die Entwicklung wie in den USA vorangeschritten
wäre, so würden heute bereits ca. 2 Millionen
Bundesbürger ihren Dauerwohnsitz in einem MH
haben. In Wirklichkeit aber gab es Anfang der 70er Jahre
zwar mehr als 1 Viertelmillion Caravans in der BRD, von
denen fast 1/3 der stationären Naherholung diente 104),
Aber 1974 gab es darunter immer noch nicht mehr als
etwa 20.000 MH 105), die von etwa 75.000 Bundesbürgern
fast ausschließlich als stationäre Ferienwohnungen
genutzt wurden. Kaum 1% von ihnen diente als Dauerwohnung.
Trotz der relativ niedrigen Preise (sie liegen zwischen
7.000 und 23.000 DM/MH oder 350—800 DM/qm und
nur besonders „luxuriöse Modelle‘ kosten bis zu DM
65.000) haben sie jedoch nicht einmal einen größeren
Anteil am Ferien- und Zweithausmarkt. Und das, obwohl
die ersten Versuche der britischen und niederländischen
MH-Produzenten, auf dem bundesrepublikanischen Markt
Fuß zu fassen, schon 16 Jahre zurückliegen. Noch heute
wird die Mehrzahl der MH importiert und es gibt kaum
1 Dutzend inländischer Produzenten, die vor allem aus
der Caravanbranche stammen und meist nur zusätzlich
— weitgehend noch handwerklich — MH herstellen. Die
leistungsfähigen Zulieferindustrien der Automobilbranche
haben noch kaum Interesse an der Herstellung von MH-Montageteilen
gezeigt bzw. zeigen können.
2. Ungünstige Startbedingungen für MH
Allerdings haben auch in GB die Ressentiments der Bevölkerung
und der Widerstand einiger Behörden der Ausdehnung
des MH-Marktes Schranken gesetzt: Die Produktionsziffern
der MH erhöhten sich bisher jährlich nur um
etwa 4%, die Zahl der Parks nahm dagegen nur um ca.
1,5% zu 101), Obendrein ist die Aufstellung auf privaten
Grundstücken in der Regel nur erlaubt, wenn das MH
an ein vorhandenes Haus angeschlossen wird.
Da sich eine gewisse Sättigung des Inlandsmarktes ge-ARCH+,
H. 29, 1/76
Der wichtigste Grund dafür, daß die MH bisher in der
BRD auch als Ferienwohnungen relativ erfolglos geblieben
sind, liegt darin, daß sie rechtlich — ganz anders als
in den USA und in GB — nicht als Fahrzeuge bzw. wie
Caravans. sondern als Bauwerke eingeordnet wurden.
Nach Angaben der einzelnen Innenministerien der Bundesländer
galten die MH bisher ohne Rücksicht auf ihr
Fahrgestell bzw. ihre „Mobilität‘‘ als bauliche Anlagen,
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