ABe.
Der PUPPENSCHUPPEN (Spanplatte mit Holzdübeln verleimt, M 1:,20 ) stellt den Wohnungstyp des Aachener Rehmvwiertels dar. Die einzelnen schubla-
denartig herausziehbaren Geschosse, Fassaden und Dach können beklebt, bemalt, collagiert oder sonstwie verändert werden, An den Spielergebnissen kön-
nen alternative Gebrauchsweisen und deren soziale Bedeutung thematisiert werden.
zeitlich begrenzte, der Nutzung vorausgehende
Phasen begriffen, und nicht als ein permanenter,
mit der Nutzung zusammenfallender Prozeß der
Aneignung und Umformung der räumlichen Um-
welt. Entsprechend intendieren die meisten Me-
thoden keine längerfristige Organisierung der Be-
troffenen um ihre sozialen Interessen und entbeh-
ren damit einer politischen Perspektive.
Sie beschränken sich zudem oft auf über den
Intellekt und nicht auch sinnlich vermittelte Ar-
tikulation und übertragen damit in unzulässiger
Weise intellektuelle Mittelschicht-Artikulations-
formen auch auf andere Bevölkerungsgruppen.
Auch dort, wo sie sich — wie bei flexiblen Woh-
nungsgrundrissen und Typenkatalogen — eher
auf Gestaltungsprozesse beziehen, reduzieren
diese Methoden die Selbsttätigkeit der Beteilig-
ten auf eine bloß konsumtive „Auswahl“ zwi-
schen vorgegebenen „Alternativen“ und halten
sie damit abhängig von aufgezwungenen, bereits
internalisierten Normen. Die Freiheit der Mit-
entscheidung ist die scheinhafte Freiheit der Part-
ner im Warentausch. Die Form der Artikulations-
prozesse bestimmt dabei auch deren Inhalte.
Die Arbeit mit dem Medium Architektur
in veränderten Beziehungen zwischen Architek-
ten und Nutzern kann zweierlei leisten:
— sie kann den integrativen Charakter vieler
„‚gängiger‘‘ Beteiligungsmethoden aufheben
und die problematischen Autoritätsverhält-
nisse zwischen ‚Fachleuten‘ und „Betroffe-
nen‘ abbauen helfen, weil sie zu konkreten
und sinnlich faßbaren „‚Ergebnissen“‘ führt,
und damit eine Kontrolle der Fachleute
durch die Betroffenen erleichtert wird;
sie kann — etwa durch die Form des Spiels —
auch solche Bevölkerungsgruppen erreichen
und eventuell mobilisieren, die von einer nur
intellektuell zu verarbeitenden Argumenta-
tion eher abgeschreckt würden.
Dadurch, daß die Arbeit mit dem Medium
Architektur die alltägliche räumliche Umwelt
der Straße, des Hofes und des Stadtviertels zum
Ausgangspunkt nimmt, macht sie die Alltagser-
fahrung der Bewohner in dieser räumlichen Um-
welt zur Vermittlungsebene für politische Sozi-
alisation. Zentraler Punkt dieser politischen Ar-
beit mit der Architektur ist die (symbolische
und materielle) Aneignung der räumlichen Um-
welt durch die Bewohner. Mit dieser Aneignung,
die eine Form der Produktion und nicht des Kon-
sums ist, können Bedürfnisse artikuliert werden,
die intellektuell überhaupt nicht bewußt oder
vermittelbar sind. Gleichzeitig werden die ge-
genwärtigen gesellschaftlichen Schranken erfahr-
bar, die einer bedürfnisgerechten Änderung der
gegebenen Gebrauchswerte durch die selbstbe-
stimmte Aneignung im Gebrauch entgegenste-
hen. Deshalb stehen die durch das Medium Ar-
chitektur vermittelten Aneignungsprozesse im-
mer in einem dialektischen Verhältnis zu sozi-
alen und politischen Prozessen. Die Arbeit mit
dem Medium Architektur als Methode und de-
ren Ergebnisse als „architektonische Alternati-
ven“ sind erst dann nicht mehr im integrativen
Sinne und zur Reparatur von Widersprüchen im
System funktionalisierbar, wenn sie Bestandteil
einer anderen sozialen und politischen Praxis
sind. Gleichzeitig aber können ästhetisch-kul-
turelle Medien wie auch die Architektur diese
andere soziale und politische Praxis unterstüt-
zen.
2 Architektur als politisches
Medium
2.1 Elemente eines gesellschaftlichen
Architekturverständnisses
2.1.1 Der „erweiterte Funktionsbegriff”“
Wir wollen in diesem Abschnitt unter-
suchen, ob Architektur als Medium dazu
geeignet ist, die in Teil 1 formulierten An-
sprüche an eine veränderte Berufspraxis
des Architekten einzulösen. Ziel einer al-
ternativen Berufspraxis ist es, im Kontext
gegenwärtiger kapitalistischer Stadtzerstö-
rung die Durchsetzung sozialer Interessen
der Bevölkerung zu unterstützen. Daß wir
diese Frage heute wieder stellen müssen,
reflektiert einen Zustand der gegenwärti-
gen Architekturdiskussion und -praxis, der
ein „verkürzter Funktionsbegriff‘“ zugrunde
liegt (Architektur als Hülle für utilitäre
Zwecke oder als subjektives „„Kunst-
werk“), Da wir Architektur auch ästhe-
tisch und kulturell begreifen, und ihr einen
medialen Charakter zur Unterstützung po-
litischer Emanzipationsprozesse zumessen,
bezieht sich unsere Argumentation haupt-
sächlich auf diese kulturelle Dimension
von Architektur, in der u.E. Momente an-
gelegt sind, die Architektur für eine poli-
tische Arbeit brauchbar machen. Dagegen
werden als spontane Einwände etwa fol-
gende formuliert werden:
1. Die Architektur unterliegt wie jede an-
dere Ware auch dem Verwertungsprozeß
des Kapitals,
2. Architektur hat zwar verschiedene Di-
mensionen, jedoch ist die kulturelle Dimen-
sion des Mediums Architektur im Unter-
schied zu anderen ästhetisch-kulturellen
Medien eindeutig von der ökonomischen
Dimension bestimmt. 27)
Unsere Gegenthesen zu diesen Einwän-
den, die weiter unten ausgeführt werden
sollen, lauten:
zu 1: Dieser Einwand reflektiert lediglich
ein ökonomistisch verkürztes Architektur-
verständnis, welches die gegenwärtige Bau-
produktion („Bauwirtschafts-Funktionalis-
mus’) und deren ökonomische Bestim-
mung mit „Architektur“ gleichsetzt. Die-
ser verkürzte Funktionsbegriff (Architek-
tur bloß als Ort und Gegenstand der Kapi-
talverwertung) schränkt die gesellschaftli-
che Funktion von Architektur auf deren
Skonomische Determination ein. Die ge-
sellschaftliche Funktion von Architektur
ist nur dann diskutierbar, wenn man sich
nicht nur auf die ökonomische Dimension
bezieht, sondern ebenso auf die soziale und
kulturelle Dimension.
zu 2: Trotz der objektiven Abhängigkeit
der Architektur vom materiellen Produk-
tionsprozeß und dessen gesellschaftlicher
Form besteht kein einseitiges Determina-
tionsverhältnis der kulturellen Dimension
durch die ökonomische.
Wenn hier von den verschiedenen Di-
mensionen von Architektur die Rede ist,
Projektgruppe Lehrbauspiele