Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1976, Jg. 8, H. 29-31)

politische Arbeit mit der Architektur. 
3. Die Ansatzpunkte für eine politische 
Arbeit, die an der sozial-kulturellen Di- 
mension von Architektur anknüpft, liegen 
in der wechselseitigen Bedingtheit der Pha- 
sen des Produktionsprozesses und der ver- 
schiedenen Dimensionen von Architektur. 
2.1.4 „Produktionsästhetik“ — Strategie 
für einen veränderten Produk tions- 
prozeß von Architektur ? 
Zu dem Anspruch, mit einer veränder- 
ten Berufspraxis im kulturellen Bereich po- 
litisch arbeiten zu wollen, können wir teil- 
weise auf Erfahrungen zurückgreifen, die 
die These der politischen Relevanz von äs- 
thetischen Medien erhärten. Es sind dies 
Erfahrungen vor allem mit dem Theater, 
die S. Tretjakov 33) in der UdSSR gesam- 
melt hat, und weitere Erfahrungen Benja- 
mins 34) und Brechts, die heute wieder 
aufgegriffen, in der materialistischen Äs- 
thetikdiskussion (Gorsen 35), Brückner 36) 
u.a.) Niederschlag gefunden haben. Es soll 
im folgenden auf diese Diskussion etwas 
näher eingegangen werden, nicht etwa um 
die Aussagen, die für andere ästhetische 
Medien gelten, blindlings auf die Architek- 
tur zu übertragen, sondern um Anregungen 
und Ansätze zu finden, in welche Richtung 
die Diskussion um Architektur als politi- 
sches Medium führen soll, und welche wei- 
teren Fragestellungen sich daraus ergeben. 
Wir beziehen uns im wesentlichen auf 
P. Gorsens Rezeption und Kritik des Kunst- 
begriffs der Kritischen Theorie (vor allem 
Habermas und Marcuse), aus der er anschlies- 
send das Konzept einer alternativen ästheti- 
schen Praxis, der „„Produktionsästhetik‘‘ für 
einen kulturrevolutionären und antikapita- 
listischen Kampf entwickelt. Die Kritische 
Theorie geht von der These aus, daß das 
Kapitalverhältnis nunmehr selbst die bür- 
gerliche Kultur und Kunst zerstört. Nach 
Habermas sind an die Stelle der autono- 
men auratischen Kunst 37) der klassischen 
bürgerlichen Kunst heute ‚,. . . Popularsyn- 
thesen aus wissenschaftlichen Einzelinfor- 
mationen (einerseits), eine(r) Kunst, die 
sich esoterisch zurückzieht oder entsubli- 
miert ins Leben tritt, (andererseits)‘“ 38) 
getreten, 
Die nachauratische Kunst kennzeichnet 
„... der Verlust von universellen Sinn und 
die eingebüßte ästhetische Differenz von 
Kunst und Leben“ 39). Die autonome au- 
ratische Kunst hat im historischen Verlauf 
gegenüber der Herrschaft schon immer ein 
Reservat für die Befriedigung illegal gewor- 
dener Bedürfnisse in der bürgerlichen Ge- 
sellschaft abgegeben. Kunst hatte somit ei- 
nen sublimierenden Charakter, der innerhalb 
der bürgerlichen Gesellschaft eine Sonder- 
stellung einnahm. Mittels der Kunst konn- 
te auf mögliche veränderte und utopische 
Gehalte einer anderen Gesellschaft als der 
ARCH+ 30.8. Ju. 
da 
bürgerlichen hingewiesen werden; die Dif- Widerstände und Utopien der jeweilig ge- 
ferenzen zur bestehenden Realität, die sellschaftlich etablierten Ordnung gegen- 
durch die Antizipationen und Utopien im über.“ 45) 
Kunstwerk sichtbar wurden, konnten, ver- Die Kritische Theorie zieht jedoch aus 
mittelt über die Subjekte ‚, . . . eine Funk- der gegenwärtigen Krise der auratischen 
tion für eine gesellschaftsverändernde Kunst den Schluß, daß die subversiven Mo- 
Praxis (haben) .. . Als ‘Ideologie‘ (setze) mente bürgerlicher Kunst heute eine politi- 
Kunst die herrschende Ideologie ‘außer sche Funktion erfüllen können. Die traditio- 
Kraft‘.‘“ 40) nelle Trennung von Produzent und Produkt, 
Gorsen bezweifelt jedoch die in der die Trennung von politischem Subjekt und 
Position der Kritischen Theorie vertrete- ästhetischem Objekt bleiben aber in der Kri- 
ne Meinung, unter gegenwärtigen spätkapi- tischen Theorie erhalten, Diese Trennung 
talistischen Bedingungen habe Kunst noch von Produzent und Produkt aufzuheben, 
eine Legitimationsfunktion; denn unter ist zentraler Anspruch einer „„‚produktions- 
heutigen Bedingungen ist künstlerische Kul- ästhetischen“ Praxis. 
tur und Tradition von der Schicht oder Klas- Produktionsästhetik „„. . . (umspannt) 
se der Herrschenden repräsentiert, „‚.. .für den operierenden Künstler und sein Werk 
deren emanzipatorische Erfahrungen und gleichermaßen, (praktiziert). . . in perma- 
Symbolisierungsbedürfnisse Kunst weitge- nenter Korrektur der fortwährenden Äs- 
hend irrelevant, auswechselbar, zufällig thetisierung und Entpolitisierung der eige- 
geworden ist, und die nicht mehr ausge- nen Arbeit durch das System eine Strate- 
rechnet der Kunst bedürfen, um Herrschaft gie, die auf dauernden Wechsel von Form 
auszuüben und zu symbolisieren.‘“ 41) und strategischer Formvermittlung, auf 
Kunst ist heute dagegen immer mehr Lernen, Verwerfen, neu Projektieren einge- 
zum Spekulationsobjekt zwecks materiel- stellt ist.‘ 46) Dies führt zu einer Produk- 
ler Bereicherung einiger Kunstsammler na- tion von Kunst, „. . . wo Kunst als Mittel 
hezu reiner Tauschwert geworden; dadurch zum Erlernen historischer Prozesse, zum 
hat sich der Prozeß der ‚,. . . objektiven Einüben von Erkenntnis und Phantasietä- 
und subjektiven Zerstörung des histori- tigkeit, zur Versinnlichung des Differen- 
schen Bewußtseins im Medium der bürger- _wissens zum Status quo instrumentalisiert 
lichen auratischen Kunst . .. in allen sozia- ist und sich in permanentem Einstellungs- 
len Schichten‘ 42) durchgesetzt. Anstelle wechsel zur Realität manifestiert.“ 47) 
der kulturellen Überlieferungsfunktion von Eine Alternative zur bestehenden Kunst- 
auratischer Kunst, die sich durch ihren af- produktion kann nicht darin bestehen, die 
Firmativen Charakter zur herrschenden Klas. Alltäglichkeit, die von den Subjekten nega- 
se auszeichnete, übernimmt heute die nach- tiv erfahrbare Realität, innerästhetisch zu 
auratische Kunst die Funktion der Legiti- transformieren. Diese Alltäglichkeit kann 
mation des ökonomischen und adminstra- dagegen nur durch die Subjekte selbst ak- 
tiven Systems. Indem jedoch selbst der af- tiv, d.h. als Produzenten deutlichgemacht 
firmative Charakter von auratischer Kunst und transformiert werden, indem sie die 
durch den kapitalistischen Zerstörungspro- ‚,... Alltäglichkeit neu begreifen (und 
zeß bedroht ist, kann diese eine Funktion nicht etwa verleugnen oder aufgeben oder 
zurückgewinnen für eine ‘subversive Gegen- sich davon absetzen oder ausweichen.)‘‘ 48) 
kultur‘ . . . die zur szientifizistischen, utili- Nur indem das Produkt von den Subjekten 
taristischen und didaktisch nivellierten äs- als Produzenten selbst hergestellt und auch 
thetischen Erfahrung im Spätkapitalismus angeeignet wird, können vorwärtsweisende 
kontrovers steht.“ 43) Identifikationen mit einer vorweggenom- 
Somit kann bürgerliche auratische Kunst menen Realität, Antizipation und Utopien 
als subversives, dysfunktionales Element erreicht werden und von daher die beste- 
mehr und mehr mit in den „antikapitalisti-  hende Realität, die bestehenden gesell- 
schen Kampf“ integriert werden; denn .im schaftlichen Verhältnisse, kritisiert und 
Gegensatz zur nachauratischen Kunst, die verborgenes Widerstandspotential politisch 
vom Design der Warenästhetik, von den geweckt werden. Diese möglichen Poten- 
Kunstcharakter annehmenden und perfekt tiale ästhetisch vermittelter Gegenerfah- 
ästhetisierten Waren, beherrscht wird, be- rung im ideologischen Überbau können * 
steht der subversive Wert auratischer Kunst auch an der ökonomischen Basis politisch 
darin, daß sie nicht ‚,. . . jeglicher Differenz- wirksam werden. In der Funktionalisierung 
erfahrungen zum gesellschaftlich Bestehen- ästhetischer Medien für das Erlernen poli- 
den entbehrt.‘““ 44) Dagegen fehlt der nach- tischen Widerstands kommt der Ästhetik 
auratischen Kunst jegliches alternatives eine politische Relevanz zu. 
Wissen, das ‘im Bild‘ als Antizipation ‘fest- „Das objektivistische Argument, Verän- 
gehalten‘ ist; damit ist Kunst nicht unter- derungen müßten an der Basis beginnen 
scheidbar vom schlechten Bestehenden. ist falsch.‘ 49) Dabei stimmen wir mit der 
„Die bürgerliche Literatur, Musik und Kunst Auffassung von P. Brückner überein, der 
war nicht nur Geschichte der Unterdrück- den Stellenwert von Kunst als politisch re- 
ung durch die herrschende Klasse, sondern levantem Medium folgendermaßen ein- 
ebenso eine der Antizipation, Alternativen, schätzt: „Und doch kann Kunst — jeden- 
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