Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

und anderer Teile der Arbeiterklasse eine
bestimmte Anzahl von Konzessionen
durchgesetzt hatten.

Der Zusammenstoß von Parteien und
Gewerkschaften

Wenn man lediglich die konventionellen
 Möglichkeiten politischer Einflußnahme
 in Betracht zieht, dann sehen allerdings
 die Perspektiven für die Möglichkeit
 der Abwehr dieses Angriffs alles
andere als rosig aus. Bestimmte Gruppen
 in den Stadtvierteln und in den Fabriken
 haben sich als Lobby organisiert,
um auf die gewählten Gemeindevertreter
 Druck ausüben zu können. Das hat
allerdings so gut wie keinen Sinn, wenn
man berücksichtigt, daß es nicht die
gewählten staatlichen und kommunalen
Repräsentanten, sondern Finanz- und
Bankgruppierungen sind, die durch ihr
parlamentarisch kaum beeinflußbares
Handeln die eigentlichen Schlüsselentscheidungen
 setzen und die die gerade
durch die Finanzkrise geschwächten Städte
 zu ihrem Vorteil schröpfen. Es ist
außerdem eine Wunschvorstellung zu
glauben, daß der Wahlsieg der Demokraten
 bei den Präsidentschaftswahlen im
November (1976) an der ganzen Situation
 etwas ändern könnte. Gerade Jimmy
Carter hat das Gros seiner Wähler aus den
Vorstädten und dem untersten Süden rekrutiert;
 aber auch wenn ein anderer demokratischer
 Kandidat sich bemühen
würde, mit ihm wettzueifern — an der
Tatsache, daß sich in den genannten Gebieten
 der eigentliche Reichtum und die
Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung
konzentrieren, ändert das nichts.
Die gewerkschaftlichen Organisationen,
deren Mitglieder ebenfalls unter den Folgen
 der Sozialpolitik leiden müssen, die
aus dieser Finanzkrise hervorgegangen ist,
weigern sich bislang ganz offen, zu so etwas
 wie den politischen Transmissionsriemen
 von Widerstand zu werden. Die Gewerkschaftszentralen
 der städtischen Bediensteten
 sind durch die Krisensituation
so durcheinandergebracht worden, daß
sie bislang keine Gegenmaßnahmen einleiten
 konnten, nicht einmal zur Selbstverteidigung
 Ihrer eigenen Mitglieder. Zwar
hat es Diskussionen über Streik und sogar
einen Generalstreik gegeben, aber es hat
sich von dieser Seite her nichts konkretes
daraus ergeben.
Was nun die Kommunalpolitik angeht,
so liegt hier die Entscheidungsgewalt nach
wie vor in den Händen der lokalen und
nationalen wirtschaftlichen Führungskräfte
 und die Gewerkschaften der städtischen
Bediensteten gehen schlicht und einfach
das Risiko der totalen Auflösung ein, wenn
sie es etwa wagen sollten, allzu rebellisch
zu werden. Zur Rettung des Überlebens
der Organisation und ihrer einzelnen Sektionen
 halten es die Gewerkschaftszentralen
 für klüger, die Rolle der ‚„‚Verantwortungsbewußten””

 zu spielen und in Zusam- viertel völlig im Recht, wenn sie sich diese
menarbeit mit Kommune und Bundesstaa- Einrichtungen aneignen. Für die Entwickten
 gemeinsam „‚unvermeidbare”” Haushalt- lung eines Bewußtseins der eigenen Unterkürzungen
 festzulegen. Wenn sich die ge- drückung können solche Aktionen einen
werkschaftlich organisierten Arbeiter rüh- wichtigen Stellenwert haben, während ihr
ren, dann einzig und allein, um etwas von Wert im Hinblick auf die unmittelbaren
den Privilegien zu retten, die ihnen noch Zielsetzungen doch recht beschränkt
bleiben, unter außer Achtlassung sowohl bleibt: bestenfalls tragen sie dazu bei, die
der neu entstehenden, wie der chronisch gewählten städtischen Vertreter in Verle-Arbeitslosen.
 Im Großen und Ganzen legen genheit zu bringen, die, wenn es erst eindie
 Gewerkschaften heute wieder genau mal soweit gekommen ist, nun nicht mehr
jenes Verhalten an den Tag, das sie schon in der Lage sind, einfach auf den vorgesein
 den 30er Jahren gezeigt hatten. Bereits henen Budgetkürzungen zu bestehen und
damals konnten die Arbeitslosen und die damit gezwungen werden können,
Unorganisierten nur durch den eigenen die betreffenden Einrichtungen wieder
militanten Widerstand einige Erfolge er- zur Benutzung freizugeben und zu finanringen,
 z.B. durch neuartige Formen der zieren. Mit Zunahme der Politisierung
Selbstorganisation, wie branchenbezogene in den Stadtquartieren kann es auf längere
vertikale Gewerkschaften, gegen die die Sicht jedoch dazu kommen, daß die komnach
 einem korporativen Modell organisier-munalpolitisch Verantwortlichen mit Beten
 traditionellen örtlichen Gewerkschafts- schlüssen zur Schließung sozialer Einrichführungen
 halsstarrig ankämpften. In der tungen generell vorsichtiger werden, —
aktuellen Situation verschärft sich die eine Möglichkeit, ernsthafteren und über-Spaltung
 zwischen gewerkschaftlich Orga- legteren Formen des Massenwiderstandes
nisierten und Unorganisierten noch da- eine wachsende Legitimität zu verleihen.
durch, daß sich in der ersten der beiden Eine andere Form des Widerstandes
Gruppierungen eine rasch ansteigende könnte in einer Art Übernahme von For-Zahl
 von Weißen befindet, während in der men der „Selbstreduzierungs’’kampagnen
zweiten Gruppierung Schwarze und Lati- bestehen, die in Italien einen gewissen Ernoamerikaner
 weithin vorherrschen. folg erzielt haben. Die „autoreduzzione”
Welche positiven Möglichkeiten bleiben soll deutlich machen, daß sich die Bevölalso
 noch den pauperisierten Schichten kerung weigert, die Gesamtheit oder auch
der Arbeiterklasse der Großstädte? Das nur einen Teil der Kosten bestimmter öfeinzige
 Machtmittel, das ihnen noch bleibt, fentlicher Dienstleistungen selbst zu zahscheint
 es zu sein, sich systematisch einer len. So ist z.B. die Durchsetzung einer Takooperativen
 Haltung zu verweigern und riferhöhung im öffentlichen Nahverkehr
zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Von ganz offensichtlich darauf angewiesen, daß
punktuellen Aktionen, die die Kommunen die Benutzer „‚mitziehen‘”. Kampagnen
stören und belästigen würden,bis hin zu ähnlicher Art könnten gegenüber den Telegroßangelegten
 Aktionen, die geeignet phon-, Gas- und Elektrizitätsgesellschaften
wären, die städtische Wirtschaft regel- laufen. Dies würde nicht nur für die privarecht
 lahmzulegen, kann man sich eine ten Gesellschaften, die praktisch alle Mögganze
 Reihe von Dingen vorstellen. Jenen lichkeiten zur reibungslosen Durchsetzung
Schichten, die gegenwärtig durch die Krise höherer Tarife verlieren würden, einen haram
 härtesten betroffen werden, ist der Zu- ten Schlag bedeuten; dasselbe würde für
gang zu den klassischen Formen proletari- solche privaten Unternehmen gelten, die
schen Widerstandes verschlossen. Auch den derartige Gesellschaften versichern. Beson-Streik
 als Durchsetzungsmittel können sie ders wirkungsvoll wären solche Kampagnicht
 einsetzen, sind doch die meisten von nen insbesondere dann, wenn es organiihnen
 arbeitslos oder nur in peripheren sierte Kolonnen aus der Bevölkerung gä-Wirtschaftsbereichen
 beschäftigt. Was sie be, die systematisch stillgelegte Gas-, Eleksich
 einzig und allein vorstellen können, trizitäts- und Telephonleitungen wieder
sind Formen eines massenhaften zivilen in Funktion setzen würden.
Ungehorsams; nur dadurch könnten die Was aber die politischen und wirtschaftpauperisierten
 Teile der Arbeiterklasse der lichen Führungen am meisten treffen würde,
Großstädte auf die politischen Eliten und wäre eine Mobilisierung der Arbeiterbevöldie
 Kreise des Business einen effektiven kerung der städtischen Zentren zur Blok-Druck
 ausüben. kierung des Waren- und Personenverkehrs
Bislang augenfälligste Aktionen in diese auf Straßen, Brücken, Autobus- und Bahn-Richtung
 sind die Besetzungen von sozia-  |inien. Aktionen dieser Art hätten unmittel
len Einrichtungen durch die Bevölkerung bare Auswirkungen auf den Produktionsgewesen,
 welche durch Budgetkürzungen fluß der Fabriken und könnte sogar rasch
zur Schließung bestimmt waren. (Kinder- zu seiner Paralysierung führen. Das wäre
gärten, Schulen, Bibliotheken, Altentreffs, auch zweifellos der Grund, warum sie
Feuerwehrstationen.) In New York hat es ohne Zweifel harte Repressalien der Gegenbereits
 Aktionen dieser Art gegeben: die seite auslösen würden. Damit solche Ak-Besetzung
 solcher Einrichtungen machen tionen jedoch überhaupt Erfolg hätten,
keine sonderlichen organisatorischen müßten sie in jedem Fall das Werk breite-Schwierigkeiten
 und außerdem fühlen sich rer Massenbewegungen sein, entschlossen
die Bewohner der entsprechenden Stadt- = genug, um sich durch Gummiknüppel,

26
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.