Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

von 4 Personen-Arbeitnehmer-Haushal- 
ten um 125%, während in der gleichen 
Zeit die Wohnungsmieten um 251%, also 
fast doppelt so schnell stiegen. In jüngerer 
Zeit haben sich Mietpreise und allgemeine 
Lebenshaltungskosten in ihrer Entwick- 
lung allerdings angeglichen. Überpropor- 
tionale Mietsteigerungen waren dagegen 
in den 60er Jahren zu verzeichnen. 
Die Erhöhung der Mietpreise (dem 
entsprach zumindest teilweise eine erheb- 
lich verbesserte Versorgung mit Wohn- 
fläche und Qualität) bewirkte, daß sich 
der Anteil der Ausgaben für Wohnungs- 
miete an den verfügbaren Einkommen 
der Haushalte von 9% im Jahre 1960 auf 
11% im Jahre 1969 erhöhte. Auf diesem 
Niveau verharrt die Ausgabenquote für 
Mieten seitdem.? Wenngleich damit die 
Belastung der Haushaltseinkommen im 
Durchschnitt immer noch tragbar er- 
scheint, so werden doch die Bezieher 
niedriger Einkommen weit stärker durch 
Mietausgaben belastet. Für die 25% der 
Haushalte mit den niedrigsten Einkom- 
men betrug die Mietbelastungsquote 
im Jahre 1974 mehr als 17%.” Noch hö- 
here Belastungen (nicht selten über 1/4 
ihres Einkommens) haben oftmals junge 
Familien und Haushalte von Rentnern 
und Sozialhilfeempfängern zu tragen. 
Das trifft vor allem für Ballungsgebiete 
zu. 
3. BEGRÜNDUNG EINER SOZIAL- 
POLITISCH ORIENTIERTEN 
WOHNUNGSPOLITIK 
Obwohl die Wohnsituation der Haus- 
halte in der Bundesrepublik Deutschland 
hier nur schlaglichtartig beleuchtet wer- 
den konnte, sollte ein Tatbestand doch 
hinlänglich deutlich geworden sein: Es 
sind die Bezieher niedriger Einkommen, 
die in den besonders kleinen und den be- 
sonders schlecht ausgestatteten Wohnun- 
gen leben und dennoch einen wesentlich 
größeren Anteil ihres Einkommens für 
Mieten aufwenden müssen als die Haus- 
halte im Durchschnitt. Es erschiene des- 
halb folgerichtig, wenn die staatliche Woh- 
nungspolitik verstärkt auf die Befriedi- 
gung der Wohnbedürfnisse dieser Bevölke- 
rungsgruppe ausgerichtet würde, nachdem 
das Ziel der Schaffung von Wohnraum 
generell nicht mehr die allerhöchste 
Priorität hat. Nach einer Untersuchung 
der SPES-Gruppe!® hat der Anteil der 
Personen in „„Armen-Haushalten”” (mit 
einem Einkommen unterhalb 60% des 
durchschnittlichen Nettoeinkommens) 
von 11,1% in den Jahren 1962/63 auf 
12,4% im Jahre 1969 zugenommen.!! 
Diese Untersuchungen sind bislang nicht 
aktualisiert worden, so daß nicht zu sagen 
ist, ob sich der Trend fortgesetzt hat. Es 
kann aber ausgeschlossen werden, daß 
sich der Anteil der Haushalte mit gerin- 
gem Einkommen inzwischen wesentlich 
reduziert hat.!? 
Trotz vielfacher gegenteiliger Beteue- 
rungen haben die sozialpolitischen Anstren- 
gungen in der Wohnungspolitik jedoch in 
jüngerer Zeit eher nachgelassen und die 
Maßnahmen zur Förderung der Eigentums- 
bildung immer mehr Gewicht erlangt. Wäh- 
rend 1969 lediglich 45% der Subventio- 
nen für den Wohnungsbau im weitesten 
Sinne der Eigentumsbildung zugute ka- 
men, waren es 1977 schon 57%, obwohl 
sich in diesem Zeitraum die Wohngeld- 
zahlungen nahezu verdreifacht haben und 
die Zahlungen von Bausparprämien durch 
die Senkung der Prämiensätze seit 1975 
stark rückläufig sind (Tabelle 2). 
4. ZUR BEDEUTUNG DES SOZIALEN 
WOHNUNGSBAUS IM RAHMEN 
EINER SOZIALPOLITISCH ORIEN— 
TIERTEN WOHNUNGSPOLITIK 
Wesentlicher Aspekt einer verteilungs- 
politisch orientierten Wohnungspolitik ist 
eine wirksame Begrenzung der Mietbe- 
lastung für die unteren Einkommensschich- 
Tabelle 2: Struktur der wohnungspolitischen Subventionen 1969 und 1977 
1969 
Mrd. DM | Anteil 
in v.H. 
1977 
Mrd. DM | Anteil 
in v.H 
Förderungsmaßnahme 
Bausparförderung 
Wohnungsbauprämien 
Steuerbegünstigtes Bausparen 
Arbeitnehmersparzulage ! ) 
1,4 
0,8 
0.1 
1.9 
0,7 
1,1 
21 
26 
37 
27 
Steuervergünstigungen zur 
Eigentumsbildung 
58 7b, 54 EStG 
Grundsteuervergünstigung 
0,92) 
0,7 
2,9 
1,2 
1,6 
0,6 
3,9 
19 
7 
48 
4,1 
30 
PS 
AS 
Wohngeld 
Finanzhilfen für den Wohnungsbau 
(Sozialer Wohnungsbau, Wohnungs- 
fürsorge, Lastenausgleich) 
Fr 
1,5 
44 
71 
32 
100 
Ba 
Pt 
13,7 
100 
1) rd. 40% der Gesamtsumme wurden der Bausparförderung zugerechnet. 
2) korrigiert, weil 1977 die Steuervergünstigung nach & 7b EStG neu definiert worden ist. 
Quelle: Sozialbericht 1976 und 1978 
Naturgemäß kommen Maßnahmen zur 
Eigentumsbildung, zumal in Form von 
Steuervergünstigungen überwiegend Haus- 
halten mit mittleren bis höheren Einkom- 
men zugute. Unter sozialpolitischen Ge- 
sichtspunkten ist eine solche Eigentums- 
förderung allenfalls dann vertretbar, wenn 
dadurch Umzugsketten ausgelöst werden, 
die den Wohnungsstandard der Bevölke- 
rung insgesamt und insbesondere der 
Haushalte mit niedrigen Einkommen an- 
heben. Bislang konnte nicht nachgewie- 
sen werden, daß ein solcher Prozeß gerade 
den am schlechtesten versorgten Haushal- 
ten zugute kommt.!? Selbst wenn ein 
Sickereffekt aber festzustellen wäre, der 
die unteren Einkommensklassen in quali- 
tativ bessere Wohnungen so „hochfiltern” 
würde, daß sich die Versorgungsunterschie- 
de verringern, so wäre dieser Effekt doch 
zugleich mit höheren Mietbelastungen ver- 
bunden, die Bezieher niedriger Einkom- 
men kaum zu tragen vermögen. 
Sehr viel effektiver sollte deshalb eine 
Politik sein, die sich nicht über diesen 
Umweg, sondern direkt an die unteren 
Einkommensschichten richtet. Welche 
Rolle kann der soziale Wohnungsbau im 
Rahmen einer verteilungs- und sozizlpoli- 
tisch ausgerichteten Wohnungspolitik 
spielen? 
ten. Relativ preiswerte Wohnungen finden 
sich vor allem im älteren Sozialwohnungs- 
bestand. Selbst wenn man in Betracht 
zieht, daß die älteren Sozialwohnungen 
im Mittel einen geringeren Wohnwert ha- 
ben als die neuen, sind die Mieten der äl- 
teren Sozialwohnungen erheblich niedri- 
ger als die der neuen. Nach einer Unter- 
suchung des DIW!* betrug Ende 1976 
die m? -Miete von vor 1965 gebauten So- 
zialwohnungen durchschnittlich 3,50 DM 
gegenüber 4,50 DM für später gebaute 
Wohnungen und 5,00 DM für neueste 
Sozialwohnungen. 
Die älteren Sozialwohnungen waren 
damit im Durchschnitt billiger als die 
Altbauwohnungen (3,75 DM). Die Mieten 
der neueren Sozialwohnungen überstiegen 
dagegen manchmal sogar die Mieten ver- 
gleichbarer frei finanzierter Wohnungen 
und sind bereits jetzt für einen nicht un- 
beträchtlichen Teil der Bewohner kaum 
noch zu bezahlen. Dabei sind weitere 
Mietsteigerungen durch den fortgesetz- 
ten Anstieg der Betriebskosten und die 
degressive Förderungsmethode schon vor- 
programmiert. Für eine 1975 gebaute So- 
zialwohnung kann danach die m? -Miete 
1980 im Mittel schon 6,50 DM und 1985 
sogar mehr als 8,50 DM betragen. 
Noch wesentlich höher sind allerdings 
die effektiven Kostenmieten, die durch 
den öffentlichen Mitteleinsatz auf die 
von den Bewohnern zu zahlenden Sozial- 
mieten heruntersubventioniert werden. 
Ihr Niveau liegt gegenwärtig bei 11,50 DM 
pro m? Wohnfläche und dürfte nach
	        

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