nern) hat sich die Einkommensverteilung
insgesamt zwar völlig verändert, ins
besondere hat sich die Mitte erheblich
verbreitert und differenziert; aber die
Unterschiede zwischen den großen sozialen
Gruppen sind im Zeitablauf mehr
oder weniger gleich geblieben. Daraus
folgt, daß auch im Wohnungssektor die
Versorgungsverhältnisse zwar nahezu
überall besser geworden sind, aber auf
dem höheren Niveau keineswegs eine
Nivellierung eingetreten ist; die sozialen
Unterscheide und damit auch die
räumlichen Unterschiede bleiben im
wesentlichen trotz allen Fortschritts
erhalten.”’®
Die Autoren der „Sickerstudie”’
meinen zu dieser Frage lapidar: „Ob
neben der voraussichtlichen absoluten
tatsächlich eine relative Besserstellung
besteht, ist theoretisch nicht zwingend
und bedarf der empirischen Überprüfung.””?
Genau diese Überprüfung findet
jedoch nicht statt, und dazu war der
methodische Ansatz der Studie — die
Befragung von rund 2000 Beziehern
neuer Wohneinheiten sowie der „‚Sickerhaushalte””
— auch gar nicht geeignet.
Der verteilungspolitische Aspekt unter
Einbeziehung des gesamten Wohnungsangebots
bleibt völlig außer acht. Somit
bleibt auch ein Pferdefuß verdeckt, der
prominenten Vertretern der „‚,Filtering””
Theorie längst geläufig ist!® : Liegen die
freigemachten Wohnungen nicht in der
ökonomischen Reichweite der „Sickerhaushalte’””
— was vor allem auf dem
unteren Teilmarkt zu erwarten ist—so reagiert
der Hauseigentümer mit Desinvestition.
In diesem Fall werden die
„Siekerhaushalte” nicht mit dem Sog
des Neubauangebots nach oben in der
Qualitätsskala gezogen, sondern umgekehrt,
ihre Wohnqualität nimmt beschleunigt
ab.
Auch das Bundesbauministerium
könnte es besser wissen. Es hat,nämlich
10 regionale Wohnungsmarktstudien in
Auftrag gegeben, welche einige Daten zutage
gefördert haben, um die Eigentumseuphorie
zu bremsen.
Der Wechsel von Miete zu Wohneigentum
kann nur von einer kleinen Minderheit
der mobilen Haushalte vollzogen
werden. Bei den Wohnungsmarktanalysen
liegt der Anteil bei etwa 10—20% der
Wechsler. Ein etwa gleich großer Anteil
der Wechsler gibt Eigentumsbildung als
ausschlaggebendes Motiv zu Wohnstandortwechsel
an. Diese Angaben decken
sich auch mit jenen der Bundesregierung.!!
(Beiseite: Es ist natürlich ein Unterschied,
ob ich jemanden frage, ob er
gerne einen Rolls Royce haben will oder
ob er sich auch einen leisten kann.)
Aus den Wohnungsmarktanalysen
wird auch die Polarität des Wohnungsmarktes
deutlich. Als Beispiel seien einige
Daten aus der Saarbrücker Analyse
herausgegriffen: !?
® Trotz Überversorgung eines großen
Anteils der Haushalte sind 27% der
Mieterhaushalte flächenmäßig unterversorgt.
# Trotz Verbesserung durch Umzug
sind 26% der Wechsler schlechter versorgt
als der Durchschnitt aller Haus- 1)
halte. 2)
22% der 1- und 2-Personen-Haushalte ©
und 17% der 3-Personen-Haushalte
wenden über 25% des Nettohaushaltseinkommens
für die Miete auf.
Die Bundesregierung verhält sich jedoch Sl
nach Art jenes Pennälers, der nur eine
Lektion, nämlich die über die Würmer, gelernt
hatte und auf die unerwartete Frage
über Elefanten antwortete: Der Ele- 6)
fant hat einen wurmartigen Rüssel. Die 7)
Würmer unterteilen sich in Mehlwürmer,
Bandwürmer ... 8)
Pardon: Der soziale Wohnungsbau fördert
das Eigentum der Gemeinnützigen
Gesellschaften. Die Eigentumsförderung 9)
unterteilt sich in 2. Förderungsweg, 7b- !'09)
Abschreibung ...
Bundestagsdrucksache 8/2085 vom 7.8.78
3.23.0.5;.71
Vgl. Sonderdruck ARCH+ zusammen mit
dem Landesverband Südwestdeutscher
Mietervereine. Heinz Hammer (Landesvorsitzender):
Der soziale Wohnungsbau ist
gesetzliche Aufgabe,
Bundestagsdrucksache 8/2085
Schriftenreihe des Bundesministers für
Raumordnung, Bauwesen und Städtebau:
Sickereffekte verschiedener Formen der
Wohnbau- und Bausparförderung. (07.003.
1978).
ebenda, S. 39
ebenda, S. 15. Hervorhebung von F.
Gschwind
Günter Fuderholz: Auswirkungen von
Stadt-Umland-Wanderungen und Betriebsverlagerungen
auf die Entwicklung der
Innenstädte, Manuskript, ARPUD 78.
Sickereffekte ... S. 11
Vgl. Ira S. Lowry: Filtering and Housing
Standard: A Conceptual Analysis, In: Land
Economics Vol, 36, 1960
Bundestagsdrucksache 8/2085, S. 4
isoplan/coplan: Regionale Wohnungsmarktanalyse
Saarbrücken 1976/77. Saarbrücken
1978
11)
12)
Wolfgang Voigt
Nach der Demontage des Sozialen
Wohnungsbaus:
Drückt sich der Staat
um die Nachsubvention?
Am Ende eines von oben betriebenen Demontage-Prozesses
ist vom „Sozialen Wohnungsbau”’,
dem einstigen Interventionsinstrument
des Staates zur Wiederankurbelung des
Massenwohnungsbaus nach 1945, ein Subventionstorso
übriggeblieben, dessen Fragwürdigkeit
die Sozialmieter vor allem in der vorprogrammierten
‚„„‚Mietenexplosion”” zu spüren
bekommen: Dabei bewirkt der schrittweise
Subventionsabbau, daß bei der Mehrzahl der
in den letzten 10 Jahren gebauten Neubauwohnungen
die Sozialmieten schon bald das
Niveau freifinanzierter Neubauwohnungen
erreichen und weit überschreiten können.
In diesem Beitrag wird versucht, das noch
immer praktizierte Förderungssystem am
Beispiel einer 1973 gebauten Sozialwohnung
zu demonstrieren, indem die Finanzierung,
Art und Größenordnung der staatlichen Subvention
sowie deren Einfluß auf die Entwicklung
der Sozialmieten in einer Beispielrechnung
dargestellt werden. Mit Hilfe
desselben Fallbeispiels wird der eventuelle
Nachsubventions-Bedarf exemplarisch hochgerechnet,
um Anhaltspunkte für zukünftige
Auseinandersetzungen zu erhalten, die sich
zwischen den betroffenen Sozialmietern auf
der einen und Staat und Wohnungswirtschaft
auf der anderen Seite an der Frage
entzünden werden, wer für die Folgelasten
der verfehlten Förderung, die als Nachsubventionsbedarf
bis weit über das Jahr 2000
hinaus entstehen werden, aufkommen wird:
Der Staat als Verursacher oder eine angebliche
„Solidargemeinschaft’’ der Sozialmieter,
die dieses Bündel z.Zt. in Form verschiedener
Projekte zur „‚Mietenentzerrung”” geschnürt
bekommt.
Zusätzliches Gewicht erhält diese Frage
durch die Massierung des neueren Sozialwohnungsbestandes
in jenen neuen Wohngebieten
am Rande der Städte, deren „‚Absinken”’ sich
in der Abwanderung zahlungskräftiger Mieter-Schichten
zunehmend abzeichnet.
Die Ausführlichkeit in der Darstellung des
Fallbeispiels in den Kästen 2—4 soll die Aufstellung
analog durchgeführter Berechnungen
erleichtern. Die wichtigsten Daten sind für jede
Sozialwohnung in der Wirtschaftlichkeitsberech
nung enthalten, die jedem Mieter nach & 29 der
Neubaumietenverordnung vom Vermieter auf
Anforderung vorgelegt werden muß.
1. Die Krisensymptome des Sozialen
Wohnungsbaus
In einer — verkürzten — Darstellung
jassen sich die Krisenerscheinungen im
Sozialen Wohnungsbau auf die folgenden
Symptome eingrenzen:
® die sogenannte „‚Mietenverzerrung”
zwischen den mietengünstigen älteren,
zwischen 1949 und ca. 1965 errichteten
Sozialwohnungen, und dem neuesten
Sozialwohnungsbestand der letzten 10
Jahre. Während die älteren Sozialwohnungen
durch hohe Kapitalsubvention
des Staates (öffentliche Baudarlehen,
die durch lange Laufzeit und sehr niedrige
Zinsen ‘vie verlorene Zuschüsse wirken!
, gefördert wurden, mußten die seit
ca. Mitte der 60er Jahre gebauten Sozialwohnungen
überwiegend mit Mitteln
des Kapitalmarkts finanziert werden,
da die öffentlichen Baudarlehen, die
während der 50er Jahre noch durchschnittlich
40% der Gesamtkosten einer
Wohnung trugen, auf 10—15% reduziert
worden sind. Die daraus entstandene
hohe Belastung mit Hypothekenzinsen
hat die Kostenmieten? des neueren
Sozialwohnungsbestandes von 3,40 DM
(1962) auf 11,40 DM (1974) pro m?
und Monat ansteigen lassen,* wobei die
Durchschnittswerte in städtischen Ballungsgebieten
wegen der höheren Bau-