Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

gezeichnet; und schon im 17. Jahrhundert
 in Perrault Analyse willkürlicher
Schönheit anzutreffen. Die Schönheit
der Form wird auch in der jüngsten Architektur
 als autonom und unabhängig
von ökonomischen oder sozialen Kräften
 angesehen. Ferner wird davon ausgegangen,
 daß es unmöglich seil sie
durch wissenschaftliche Analyse zu erforschen.
 Diese Negation einer sozialen
oder wissenschaftlichen Betrachtungsweise
 des Designs äußert sich dann in
der außerordentlichen Bedeutung, die
der Zeichnung oder dem Modell beigemessen
 wird und durch die ein technisches
 Mittel zu einem Ziel im Entwurfsprozeß
 wird. Dabei wird übersehen, daß
bereits ein einfaches Projekt zu seiner
Realisierung notwendigerweise technisches
 Denken und kollektive Behandlung
 erfordert; und im Gebrauch schließlich
 kommt es unweigerlich in Berührung
mit wissenschaftlichen oder sozialen Beschränkungen.
 Demgegenüber täuscht
die Zeichnung die Möglichkeit vor, daß
Formen „‚frei’” und unabhängig von
technischen und sozialen Beschränkungen
 existieren können.
Schlimmer noch: im Elitismus der
modernen Phase der Architektur wird
eine antisoziale und unwissenschaftliche
Haltung ausdrücklich als Tugen gerühmt.
Der Hedonismus läßt ein Gebäude als
ein Ziel für sich selbst erscheinen, als Gegenstand
 der Lust, mit dem die Bedürfnisse
 eines einzigen Individuums befriedigt
 werden sollen. Der Hedonismus ist
es auch, der das Individuum von seiner
Verpflichtung zu wissenschaftlicher Ge-Nnauigkeit
 und sozialen Verantwortlichkeit
 befreit. Die Berücksichtigung des
Menschlichen geht dieser neuen Phase
der Architektur ab. Ebenso fehlt ihr
die Fähigkeit, offenen Auges unverträgliche
 Tatsachen anzuerkennen. Begriffe
von Form und Bedürfnis werden mit der
größten Naivität und Willkürlichkeit gehandhabt.
 Wenn irgendetwas in den
Geistes- und Sozialwissenschaften während
 der letzten hundert Jahre erreicht
wurde, dann war es, daß aufgezeigt wurde,
 daß die Bedürfnisse von Individuen
nicht Ausdruck eines privaten Subjektes
 sind, sondern daß das Subjekt immer
eingebunden ist in soziale Kräftefelder,
daß das Subjekt in ständiger Interaktion
Mit einer kollektiven Umwelt existiert.
So gesehen kann der Glaube an die autonome
 Natur des Vergnügens nur die
Frucht vorsätzlicher Illusion oder sträflicher
 Ignoranz sein. Die Schönheit, die
Wir an entworfenen Formen wahrneh-Men,
 ist nicht in diesen selbst angelegt.
Sie besteht vielmehr im Geiste des Betrachters,
 im Geiste einer Kollektivität
Innerhalb der Gesellschaft. Wenn eine
Form Befriedigung hervorruft, dann deshalb,
 weil eine Botschaft übermittelt
wird, entsprechend einem kollektiv er-Zzeugten
 und sozial legitimierten Code;
eine Botschaft, die vom Individuum
verstanden und eingeschätzt, interpretiert
 und wiederverwertet werden kann.
Um sich der Bedeutung von entworfenen
Formen zu nähern, müssen beide Aspekte
 in gegenseitiger Abhängigkeit betrachtet

 werden,
Die narzistische Phase hat auf die
Welt der Architekten einen nicht zu
leugnenden Eindruck gemacht. Aber
ihr Platz in der Geschichte verspricht
von geringer Bedeutung zu sein. Ist es
doch eine Entwicklung, die sich, konträr
 zu Scientismus und Populismus,
die sehr viel genauer an den Kern des
Berufsstandes rührten, eine Entwicklung,
 die sich nur mit den Randaspekten
der Architektur beschäftigt. Während
Populismus und Scientismus plumpe
Avantgarden waren, welche immerhin
in die Zukunft hinein verwiesen, ist der
Narzismus ein unbedeutender konzeptioneller
 und institutioneller Rückfall
in einer Zeit allgemeiner Stagnation.
Bezeichnend ist, daß seine Protagonisten
 sich immer wieder darum bemüht
haben, ihn durch das Fehlen einer Definition
 zu definieren: als „Post-Funktionalismus”,
 „„Post-Modernismus” oder
„Post-Radikalismus”. So gekennzeichnet
 hat der Narzismus nichts, was ihn
zusammenhält und er kann auch nicht
als eine Bewegung angesehen werden.
Jede Kritik des Populismus, Scientismus
 und Narzismus in der Architektur
muß die Grenzen des institutionellen
und konzeptionellen Wandels im Verhältnis
 zum Wandel der gesellschaftlichen
 Machtorganisation in Betracht
ziehen. Auch die Architektur als ein
konzeptionelles System und als eine Institution
 kann diese Grenzen nicht überspringen.
 Dies ist ein Lehrsatz, der in
der Geschichte wiederholt nachgewiesen
werden kann; aber er ist abstrakt, leicht
dem Vorwurf ausgesetzt, dogmatisch zu
sein. Er verleitet zu dem Eindruck, daß
es zwei immer in der gleichen Weise aufeinander
 folgende Schritte im Ablauf
der Zeit gibt: Wechsel der Macht und
darauf folgend intellektuelle und institutionelle
 Transformation. In Wirklichkeit
 aber vollzieht sich der Wandel auf
viele komplexere und verwobene Art
und Weise, ohne daß deshalb der Lehrsatz
 in seinem Gehalt verletzt würde.
Zur Illustration wollen wir uns auf
ein Beispiel aus der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts in Frankreich beziehen,
 wo sich fortgeschrittene Entwick -
Jungen in konzeptioneller und institutioneller
 Hinsicht anbahnten. In den
Entwicklungen spiegelte sich das neu
entstehende Interesse am Markt genau
im Herzen eines alten feudalen Systems.
Die ganze moderne Architekturtheorie
und auch -praxis haben ihre Wurzeln in
dieser vormodernen Periode. Wir stoßen
hier auf ein deutliches Beispiel einer konzeptionellen
 und institutionellen Entwicklung,
 die die bis dahin vorherrschende
 Entwicklung überlagerte und zu einer
Fülle von Merkwürdigkeiten und Komplexitäten
 führte. Wir haben es hier mit
einer Innovation zu tun, die sich nur
deshalb durchsetzen konnte, weil sie genau
 innerhalb des Konfliktbereiches
zwischen verschiedenen Fraktionen des
Adels, zwischen Adel und dem absolutistischen
 Staat, zwischen Bauern und
Adel, und schtießlich zwischen dem Adel
und dem mit eigenen Forderungen auftretenden

 Handels- und Finanzkapital
vermittelte.
Die in jeder narzistischen Phase der Architektur
 angelegten Tendenzen der Verneinung
 und des Rückzuges riefen damals
eine Gruppe auf den Plan, die einen anderen
 Pfad einschlug, denn sie war der Konflikte
 und Allianzen zwischen den einzelnen
 Konfliktpartnern überdrüssig und mut
los geworden, weil ihr Kontrolle über die
Situation nicht zugestanden wurde; eine
Situation, die nämlich von Materialismus,
Opportunismus und Rücksichtslosigkeit
des absolutistischen Frankreich im 17. Jh.
bestimmt war. Die Gruppe nannte sich
„precieux’14_ Sie leisteten sich den Luxusveiner
 privaten Sprache, nur um sich
mit Vergnügen als Gegenstand ihrer
Diskussion auseinandersetzen zu können.
 Sie wählten füreinander aus der
klassischen Mythologie entlehnte Namen
aus und brachten ihre Phantasieträume
zu Papier, in denen sie in einer idealen
mythologischen Welt verkehrten. Wie
immer auch dieses seltsame allegorische
 Spiel den archaischen Ritualen,
die im 17. Jh. in hohem Maße in die Gesellschaft
 integriert gewesen waren, verbunden
 war, ist dies nur eine Art von
Anachronismus; mit anderen Worten:
ein Rückzug aus dem sozialen Leben,
kombiniert mit einer narzistischen Wendung
 nach innen hin zu einer unwirklichen
 Welt. Weil sich die „precieux’’
weigerten, sich mit der wirklichen Welt
auseinanderzusetzen, und weil sie sich
in der Folge als unfähig erwiesen, real
wirksame Instrumente zu entwickeln,
blieb dieser Gruppe ein Einfluß sowohl
auf ihre Zeitgenossen wir auch auf zukünftige
 Generationen versagt.
Wenn der Berufsstand der Entwerfer
noch weiterhin seinem humanistischen
Anspruch folgen möchte — einem An- .
spruch, der sich auf die Förderung sozialer
 Entwicklung und der Verbesserung
der menschlichen Lebensbedingungen
bezieht, — dann bleibt ihm nichts anderes
 übrig, als seinen Platz als Institution
gerade innerhalb solcher mehrdeutiger
dynamischer Situationen zu identifizieren;
 denn nur, wer sich solchermaßen
verortet, ist in der Lage, in der Gegenwart
 zu existieren und sich für die Zukunft
 vorzubereiten. Die Bewegungsmomente,
 aus denen heraus Architektur
 entstanden ist, können kaum als besondere
 Höhepunkte in ihrer Geschichte
bezeichnet werden. Insbesondere innovatives
 Denken entwickelt sich erst
langsam und spät und die grundlegenden
 Fertigkeiten sind, kaum gewonnen,
auch schon wieder dem Verlust preisgegeben.
 Das schematische Denken des
Funktionalismus wurde mittlerweile
verworfen und es ist kaum vorzustellen,
daß seine verführerischen Argumente
heute wieder aufgetischt werden können,
 um damit unbrauchbare Lösungen
 zu rechtfertigen. Auch ist es schwer
vorstellbar, daß wir den treuherzig-simplen
 Vorschlägen des Populismus und
Scientismus heute wieder Beifall spenden
 und uns von ihnen auf den Holzweg
unbrauchbarer Lösungen führen lassen.
Aber es ist traurig, sagen zu müssen, daß

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