Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

gleichzeitig durch ihre eigene Gegenwart 
die Pulverisierung der städtischen Struk- 
tur und öffnen den Hypothesen über die 
Autosuffizienz der Wohngebiete (Quar- 
tiere) als numerischer, aber auch „‚kom- 
positorischer’”” Faktor gegenwärtiger Sied- 
lungen den Weg. 
Es ist Tony Garniers Projekt der Cite 
industrielle, wo wir das Moment einer 
Synthese zwischen so augenscheinlichen 
Widersprüchen finden; die Projekte der 
einzelnen Gebäude behalten, einzeln be- 
trachtet, in der Tat die typologischen 
Charakteristika der äußeren Anlage und 
der inneren Anordnungen — der Realisie- 
rungen des 19. Jahrhunderts — bei: die 
Eisenbahnstation, der Schlachthof, das 
kommunale Gebäude, das Theater sind 
noch Typen, die sich auf einen Prototyp 
beziehen. Trotzdem präzisieren sie sich, 
d.h. sie deformieren sich (im Verhältnis 
zum Prototyp), indem sie eine Form an- 
nehmen, die innerhalb der Gesamtbezie- 
hungen klar erkennbar ist, in einem Pro- 
jekt, das vollkommen entworfen worden 
ist, ohne verwirklicht worden zu sein. 
Dieses ist möglich, da Garnier die Unab- 
hängigkeit der beiden Faktoren — der 
Menge der Wohnbauten und die Gebäude 
der städtischen Ausstattungen — jeder mit 
eigenen ökonomischen, technischen und 
kompositorischen Gesetzen, nicht akzep- 
tiert, sondern deren gegenseitige Abhängig- 
keit akzentuiert, indem er sie zusammen 
entwirft und sich gleichzeitig weigert, das 
Konzept der Autosuffizienz als organisa- 
torischen und kompositorischen Maßstab 
der Stadtentwicklung anzunehmen. 
Ein ähnliches Vorgehen werden wir 
vielleicht nur in den Realisierungen zeitge- 
nössischer, vollkommen neuer Städte wie 
Brasilia oder Chandigarh wiederfinden. 
Es ist zweifellos ein Verdienst der funk- 
tionalistischen Bewegung, die Thematik 
der Bautypologie auch auf die Masse der 
Wohnbauten ausgedehnt zu haben, die bis 
dahin — abgesehen von wenigen Ausnah- 
men — nur dem privaten Eingriff vorbehal- 
ten waren und den von diesem während 
eines Jahrhunderts konkreter Erfahrungen 
erarbeiteten Instrumenten (Parzellierun- 
gen, Bauordnungen, Bindungen usw.), die 
sich alle auf eine allgemeine städtische 
Masse ohne jeglichen Bezug zu architekto- 
nisch definierten Gebäuden bezogen (Aus- 
dehnungs- oder Entwicklungspläne). Ty- 
Pisch sind in diesem Sinn die für die neuen 
amerikanischen Städte angewandten Maß- 
nahmen: 
Es ist der Boden, der organisiert und 
reglementiert wird, nicht die Architektur. 
(Eine Ausnahme könnten die englischen 
Reihenhäuser, die cottages, darstellen, 
die sicherlich zu Tausenden nach einem 
gut präzisierten und wiederholbaren Bau- 
typus errichtet worden sind; es ist trotz- 
dem zu bemerken, daß, wie Engels zeigte 
und wie es zahlreiche Untersuchungen be- 
stätigten, 13) dieser Bautypus sich nicht 
auf eine „distributive’”” oder formale Hy- 
pothese einer bestimmten sozialen Schicht 
zurückführen läßt, sondern einfach die ge- 
eignetste konstruktive Lösung der Aus- 
nutzung eines bestimmten bebaubaren 
Bodens war.) 
Wenn also in bezug auf Wohnbauten 
die Äußerung von Argan 14), daß „man 
erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ver 
sucht hat, eine klassifizierende Typologie 
in Abhängigkeit von den Funktionen ein- 
zurichten, die jedoch keine wichtigen 
ästhetischen Ergebnisse gebracht hat”, 
als solche akzeptiert werden kann, können 
wir nicht ignorieren, daß die Bildung von 
„typologischen Serien’”” bezogen auf die 
praktischen Funktionen, denen die Ge- 
bäude entsprechen müssen (und nicht be- 
zogen auf ihre äußere Gestaltung, auch 
wenn man immer versucht hat, ihnen 
eine überzustülpen), die Entstehung einer 
neuen städtischen Quantität erlaubt hat, 
die nicht allein durch die Masse der Woh- 
nungsbauten bedingt war. Genauer gesagt, 
hat sie der Masse der Wohnbauten erlaubt, 
städtische Bezüge aufzunehmen, und zwar 
durch die Anordnung einiger Ausstattun- 
gen, die nicht nur als „Dienstleistungen” 2) 
verstanden werden, sondern vor allem 3) 
auch als Bezugspunkte der Stadt; man 
konnte jedoch nicht die allgemeine Form 
der Stadt kontrollieren und auch nicht 4) 
die Bezüge, die sich hieraus für die ein- 
zelnen „Teile”” ergaben, da die Beziehung ss) 
zwischen Wohnbauten und den Gebäuden 
der kollektiven: Ausstattung von Anfang 6) 
an auf einen Teil der Stadt begrenzt war, 
nämlich auf den, der neu „erbaut’” und 
der zuvor existierenden städtischen Struk- 
tur „hinzugefügt’” wurde. 
Während des gesamten 19. Jh. wohnen 
wir der gleichzeitigen Gegenwart von Typen Sg} 
und von Modellen bei; das große Ideal der 
Architekten der Aufklärung, durch die 9) 
neuen zivilen Architekturen eine neue 
Stadt zu realisieren, löst sich im Konkre- 19) 
ten in den sich in schneller Umwandlung 11) 
befindenden Städten auf und bestätigt 
somit die Äußerung Starobinskis, daß 12) 
: n „... mit der Auflösung der feudalen Ordnun 
rd web an nen N ran nr die revolutionäre Aktion einen Vorgang in el 13) 
hundert Fuß nicht überschreiten... Die tl wegung setzte, der innerhalb kurzer Zeit die 
schen Baugrundstücke haben Abmes: u idealen Vorstellungen und die utopischen 
56 x 99 Fuß und 50 x 120 Fuß in er en Entwürfe, die noch innerhalb des ‘ancien 14) 
tralen Zone, die für den Handel Vorgesehen. Ir regime und als Opposition zu diesem entstan- 
sollten die Grundstücke kleiner als in den übri. den waren, unbrauchbar mache, Dieses ist, 015) 
gen oder den Wohngebieten sein. Ein Stadtblock wird Hegel sagen, die Ironie der Geschichte. 15) 
Mit anderen Worten eine Gebäudeinsel N d De Man kann erkennen, daß, während die 
Raum Zwischen Wei anlie audeınsel, de) er n ,’ x 
genden Straßen Modelle immer mehr zur Lösung klar funk- 
tionaler und innerhalb der gesamten städti- 
schen Struktur notwendig wiederholbarer 
Aufgaben angewandt werden (typisch das 
Schema der Kasernen; aber auch das der 
Irrenhäuser, Gefängnisse, Schulen), die 
Typen oft auf jene Einrichtungen bezogen 
werden, die, bezüglich der städtischen Mor- 
phologie, thematische und standortspezifi- 
sche Bedeutungen haben, die nicht immer 
wiederholbar sind — Theater, Parlament, 
Justizpalast — und die in einem exakten 
Bezugsrahmen zur Stadt, zu ihren Straßen- 
verläufen stehen und dadurch die Rolle 
ermöglichen, die die Typen auch auf- 
grund der immer unsicherer werdenden 
Gesamtform der Stadt selbst zu erfüllen 
haben. 
Übersetzung: Nicolaus Kuhnert und 
Michael Peterek 
1) 
Vgl. Emil Kaufmann, Architecture in 
the age of reason, und die Rezension 
von Aldo Rossi in: Casabella-continuita, 
Nr. 222 
Vgl. Marcel Poete, La cittä antica, Torino 
1958, S. 69 
Francesco Milizia, Prinzipii di architettura 
civile, Finale 1781, wieder abgedruckt in 
der Ausgabe von 1847, Milano 1973 
C.N. Ledoux, L’Architecture considerede 
sous le rapport de L’art, des moeurs et la 
legislation, Paris 1804 
J.M. Perouse de Montclas, Etienne — Louis 
Boullee, Paris 1969 
M. Quatremere de Quincey, Architektur, 
in: Encyclopedie methodique, 3 voll., 
Paris 1788—1825 (ita. Ausgabe, Mantova 
1842) 
J.N.L. Durand, Precis de legons donnees 3 
l’&cole royale polytechnique, Paris 1819, 
die erste Ausgabe, aber mehr summarische, 
wurde 1804 publiziert 
Leonardo Benevolo, Storia dell’architettura 
moderna, Bari 1964, vol. I, S. 79 
Giuseppe Samona, L’Urbanistica e l’avvenire 
della citta, Bari 1959, S.15 
Raffaello Stern, Lezioni di architettura ci- 
vile, Roma 1822 
Vgl. Carlo Aymonino, Origini e sviluppo 
della citta moderna, Padova 1971 
Aus: Manual of Instruction for the Survey 
of Domination Land (1918), zitiert nach 
Marcel Po&te, a.a.0. 5. 92 
George Godwin, Another Blow for Life 
(1864), rezensiert in: Architevtural Re- 
view, Nr. 814, Dezember 1964 
Giulio Carlo Argan, Sul consetto di tipi- 
logia archittetonico, in: Progetto e desti- 
no, Milano 1965 S. 77 
J. Starobinski, Elementi per una semiotica 
dell’anno 1789, in: Nuovo Argomenti, Nr.16 
1969 
7) 
a
	        

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