Misere durch Design zu lösen; die Aufdek- diesen Lösungen trotz allem keimhafte Sp’1-kung
der Ursachen der Misere würde die- ren eines „‚gegensätzlichen Raumes” (Lesem
Angebot die Geschäftsgrundlage ent- febvre) — gegensätzlich zum zerfallenen
ziehen. Soweit also sind die Fronten klar. kapitalistischen Raum.
Klotz ist zweifellos ein begnadeter Propa- Und hierin.— im Versuch, der kapitaligandist
und als solcher nimmt er es im stischen Auflösung des städtischen Raumes
Interesse des Zwecks, den er verfolgt, mit Modelle seiner Reorganisation entgegenzuden
Unterschieden der verschiedenen Posi- stellen, welche freilich — wie auch anders —
tionen, die er sich anheischig macht zu von dessen Realität noch durchdrungen
propagieren, nicht allzu genau — nur keine sind, — scheint uns die Bedeutung dieser
Nebenfronten aufbauen. ( Er sucht selbst Bemühungen zu liegen — nicht jedoch in
J. Posener, welcher eine diametral entge- dem in sich kreisenden Bemühen um eine
gengesetzte Position bezieht (vgl. ARCH+ Erneuerung der Form ohne Erneuerung des
33 u. 27), mit einer kleinen Reverenz vor Inhalts. Wenn wir in jenen „‚städtischen”
seinen Karren zu spannen). Was Klotz da- Strukturen in der Architektur das weitermit
verwischt, ist die gravierende Differenz führende neue Moment der Bemühungen
zwischen einer Propagande des Bau- der Avantgarde sehen, so wird dies freilich
Design, der versöhnlerischen Verkleidung, durch den Kontext, in dem sich diese
also einer gewissermaßen negativen Ästhe- Avantgarde selbst sieht, Lügen gestraft:
tik, und den Bemühungen der internatio- dem Versuch einer Wiederbelebung der
nalen Avantgarde, die Probleme, zumin- Architektur als autonomer Disziplin der
dest so wie sie sich ihnen stellen, wirklich bildenden Künste — und dies zu einer Zeit,
zu lösen: da die anderen, seit langem autonomen,
— das Problem des Verlusts einer „‚positi- d.h. von der Lebenspraxis verselbständigven”
ideologischen Funktion der Archi- ten bildenden Künste nurmehr fürs Museum
tektur in dieser Gesellschaft. Dies ist produzieren. Doch hat die Architektur, weldie
oben behandelte Frage der Form che sich von den anderen beiden bildenden
der Monumentalität, welche nach dem Künsten durch die Erfordernisse der Konerreichten
Stand weder auf Fragen der struktion und der Gebrauchsfunktion von
Konstruktion noch der Funktion rück- je her unterscheidet, in der Tat eine bis dato
geführt werden kann, nicht gekannte, gleichsam negative, Autound
die Frage, welche Konsequenz aus nomie gewonnen, welche als Ausgangsder
Auflösung der Stadt, dem Chaos der punkt festgehalten werden muß: Ihre Form
kapitalistischen Raumorganisation zu folgt weder aus der Konstruktion noch aus
ziehen sind. der Funktion: Das Pathos einer zum Er-Daß
letztere Frage überhaupt gestellt wird, scheinen gebrachten technischen Perfekhebt
Architekten wie etwa Rossi, Aymoni- tion der Konstruktion muß hohl wirken in
no, Stirling oder hierzulande Ungers weit einer Zeit, da baukonstruktive Aufgaben
über das Niveau der oben angesprochenen technische Trivialitäten sind, und muß zu-—
von/ihnen gleichwohl munitionierten — gleich bedrückend wirken angesichts der
Propagandakampagne hinaus. (Umgekehrt längst nicht mehr gesellschaftlichen Fortist
Klotz diesen Architekten in der Erfas- schritt ausdrückenden, allgegenwärtigen
sung der realen Entwicklungstrends um Verbindung technischer und bürokratimehr
als Nasenlängen voraus)! scher Mammutapparate. Und die Funk-Auf
die Gefahr hin, unsererseits unzu- tion? Was wäre fataler als die Funktion
reichend zu differenzieren, scheint uns das jener entsetzlichen Wohnapparate, welche
verbindende Moment der verschiedenen Lö- unsere Städte umgeben, zum Erscheinen
sungsversuche des zweiten der oben genann- zu bringen? (Daß sie nackt erscheint, ist
ten Probleme in einer Umkehrung der bishe- das Problem — für Ästheten). Unter diesen
rigen Fragestellung zu liegen: statt des hoff- Bedingungen einer „negativen”” Autononungslosen
Versuchs, die sich auflösende mie an der Architektur a/s bildnerischer
Stadt durch Architektur zu organisieren, Kunst festzuhalten, läßt in der Tat nur
werden die einzelnen Architekturen nach den Weg offen, dem die Avantgarde folgt:
dem Muster, dem Bild der Stadt organi- den des bloßen Spiels der Massen nach
siert — pars pro toto. Die verlorengegan- bloß syntaktischen Regeln.
gene Einheit der Stadt wird durch „‚städti- Wenn die Architektur „wieder zum
sche” Strukturen in den architektonischen Sprechen gebracht” werden soll, indem
Einheiten kompensiert. Die zerstörte Be- sie ihre eigenen formalen Regeln erzählt,
deutung und Gebrauchsvielfalt der städti- dann ist dies eine „Selbstverständigung”,
schen Straße wird durch „Straßen im, am, die nicht nur in gehabt elitärer Manier
unter und über dem Gebäude zu rekonstru- dem (Nutzer-)Publikum gegenübertritt,
leren versucht. sondern es gleich vor der Tür läßt. Eine
Die Architekturen verlieren dabei tenden- wirklich neue Architektur hätte ihm nur
ziell den Charakter, Behälter einzelner Funk- das eine zu sagen: ‘Sprecht doch selbst!’
tionen zu sein; der klassische Gegenstand Wenn nun in der BRD die Rezeption
der Architektur: das Haus, das Gebäude, der Versuche der Avantgarde um Jahre
verliert seine einstige Bedeutung zugunsten verspätet auch an den Hochschulen eindes
gebauten Zusammenhangs der Funktio- setzt, dann aufgrund von Bedingungen,
nen — eine Tendenz, auf die Julius Posener die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene
schon Anfang der 60er Jahre hingewiesen durch die „zweite Restauration”, im Wishat.
Wenngleich diese „‚städtischen’” Struk- senschaftsbereich durch eine erneute ‚,Verturen
/n der Architektur die Reintegration säulung’ bzw. Abschottung der Disziplider
geschiedenen Lebensbereiche mehr sym- nen und an den Architekturabteilungen
bolisieren als realisieren, so zeigen sich in durch die Rearession auf die „neue Entwurfsorientierung””
gekennzeichnet sind,
die nicht nur jede Frage nach den gesellschaftlichen
Bedingungen der Produktion
von Architektur verdrängt, sondern gar
noch den linken Kritikern die Schuld an
der Misere der Architekturlehre zuschiebt.
Wer die Resultate dieser „‚Disziplinierung”
im doppelten Wortsinne in Form der
jüngsten Diplomarbeiten betrachtet, wird
freilich feststellen, daß man nicht ungestraft
so tun kann, als hätte es die letzten
10 Jahre nicht gegeben. Die vollständige
Willkür, die aus diesen Arbeiten spricht,
zeigt allzu deutlich die Ratlosigkeit nicht
nur der Studenten. — Kein Wunder, daß
unter diesen Bedingungen das Versprechen
der Rationalisten, Ordnung in dieses Chaos
zu bringen, sei es auch eine Ordnung ohne
Inhalt, auf offene Ohren und begierige
Augen trifft. Damit verbindet sich einerseits
durchaus die Chance einer weiterführenden
Architekturdiskussion, welche die
neuerliche Friedhofsruhe der Architekturschulen
beenden könnte, zugleich aber die
Gefahr eines von Berufsangst getriebenen
vollständigen Rückzugs ins Schneckenhaus
der Disziplin oder gar nur einer epigonenhaften
Übernahme nicht einmal der Methode,
sondern nur einiger Versatzstücke aus
der Formensprache der Avantgarde, welche
das Chaos nur verschlimmern könnte.
Deren Versprechen freilich, die ,,moralische
Unbewohnbarkeit” unserer Städte
mit den Mitteln der Disziplin allein zu
überwinden, wird sich nicht einlösen lassen.
Diesem Zustand ist, aller öffentlichen Ar-Cchitektenschelte
zum Trotz, gerade nicht
durch deren In-Sich-Gehen abzuhelfen,
sondern nur politisch. Bei der Wiederholung
dieser simplen Wahrheit braucht
man indessen gewiß nicht stehenzubleiben:
wenn die Vorprüfer des Wettbewerbs
„Strategien für Kreuzberg” in ihrem untenstehenden
Bericht feststellen, daß gerade
die Arbeiten von Architekten nur scheinbar
auf das gestellte Problem eingehen, dann
offenbart dies nur aufs Neue, daß die räumlichen
Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungs-
und Altersgruppen, nach wie
vor eine terra incognita sind, von der nur
Zerrbilder existieren. Wer meint, derlei
an andere Disziplinen verweisen zu können,
verkennt die Lähmung, welche von solcher
“Disziplinierung’ ausgeht und übergeht
zentrale „Entwurfsaufgaben”’: die Entwicklung
des Programms — und die Strategie
seiner Realisierung.
Wie kritisch man immer diese „Bedürfnisse”
selbst sehen will, ein Bauen, das auch
nur die derzeitigen Bedürfnisse ernstnimmt,
wäre etwas radikal neues, noch utopisches,
noch nicht von diesem Ort. Eine wirklich
gebrauchsfähige Architektur, das war stets
nur die Rechtfertigung des Funktionalismus,
auch seiner Pioniere. Gegenüber dieser
Aufgabe erscheinen die Bemühungen
der heutigen Avantgarde als resignative,
„regressive Utopien”’ (Tafuri); soll heißen:
als Utopien, die keinen Ort in der Zukunft
haben.
Mit anderen Worten: ARCH+ oder
ARCH minus ist hier die Frage.
Marc Fester, Nikolaus Kuhnert