Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Manfredo Tafuri 
Das Konzept der typologischen Kritik 
In den letzten Jahren hat sich ei- 
ne neue Art einer operativen Kritik 
herausgebildet, die auf neuen Grund- 
lagen einen Aspekt der architektoni- 
schen Kultur der zwanziger Jahre wie- 
deraufnimmt, erweitert und entwickelt. 
Angesichts der Untersuchungen der 
Smithons, von Copcutt, von De Carlo, 
von Aymonino und von Aldo Rossi 
über die architektonischen Aspekte 
der städtischen Strukturen in Bezug 
zu Systemen untergeordneter Struktu- 
ren, von Copcutt oder von Tange 
über die Fähigkeiten eines architekto- 
nischen Fragmentes, einer vorgegebe- 
nen Gesamtheit neue Bedeutungen zu 
verleihen, von einem großen Teil der 
englischen Kultur über das Problem des 
„housing‘“, vom LCC über die „neue 
Stadt‘ Hook oder von der Kommis- 
sion des ‚„„Buchanan Report‘ über Ver- 
kehrssysteme und ihre Verflechtungen 
mit der Stadtplanung, ist es ohne 
weiteres berechtigt, von einer neuen 
Blüte der „typologischen Kritik“ 1) zu 
sprechen. 
„Kritik“ deshalb, weil sie ihre Un- 
tersuchungen entwickelt, indem sie 
von einem weitreichenden, schon 
existierenden Material ausgeht: sie un- 
terscheidet sich von den analytischen 
Untersuchungen der Meister des euro- 
päischen „Rationalismus‘” oder von 
deren Epigonen — von Taut über 
Klein bis Hilbersheimer — durch ihren 
historischen Charakter. „7ypologisch“, 
weil sie auf Phänomen formaler Inva- 
rianz beharrt: in diesem Sinn ändert 
sich augenscheinlich die Bedeutung 
des Begriffs „Typologie‘” auf radikale 
Art und Weise, da dieser von Mal zu 
Mal auf Grund der konkreten Pro- 
bleme neu definiert werden muß. 
(Seine Dimensionen können sich ver- 
ringern auf die Untersuchung eines 
einzelnen „Objektes‘‘, und sich dann 
sofort auf die Betrachtung desselben 
Objektes in der städtebaulichen The- 
matik ausweiten; oder sie können 
vollkommen neue Themen berühren, 
die nur aus experimentellen Absich- 
ten formuliert worden sind: die der 
tertiären Strukturen der Stadt, z.Bsp., 
oder von Dienstleistungssystemen, die 
nicht notwendigerweise in Gebäuden 
konkretisierbar sein müssen.) 
Der „operative“ Charakter dieser 
typologischen Kritik ist durch ihre 
gleichzeitige Anwendung als Regel für 
die präzise Entwurfsentscheidungen 
gegeben, wenn auch nur auf der 
Ebene der Struktur von Vorstellungen. 
Wenn die Smithons und der Bucha- 
nan Report sich eine geschichtete 
und komplexe städtische Struktur, die 
von unterschiedlichen Straßenführun- 
gen durchschnitten wird, vorstellen 
oder wenn Canella und Aymonino in- 
nerhalb eines gestalterischen Prozesses 
das Problem der tertiären Systeme 
aufgreifen, so gehen sie über eine ein- 
fache Verifizierung der vorhandenen 
Daten und Untersuchungen hinaus, 
obwohl sie: sich noch diesseits eines 
wirklichen Entwurfs befinden. 
Es existieren vielmehr in dieser 
analytischen Sichtweise zwei Arten . 
von Kritik: Einerseits ist der Gegen- 
stand der Kritik die architektonische 
Situation selbst. Dies bestätigt schon 
die alleinige Auswahl der Untersuchun- 
gen: schon die Wahl, die innovativen 
Fähigkeiten von Systemen zu beur- 
teilen, die formal und funktional 
komplex und mehrwertig sind (oder 
im Gegenteil, einfach und einwertig), 
die sich diffus in die regionale Um- 
gebung einordnen und keine physi- 
sche Struktur besitzen (oder sich ge- 
nau lokalisieren lassen und in ihrer 
architektonischen Dimension perfekt 
strukturiert sind), die ‘offen‘ in der 
Zeit und im Raum sind (oder ‘ge- 
schlossen‘ und als monumentale Wer- 
ke definiert) vermittelt der Betrach- 
tungsweise der architektonischen Phä- 
nomene einen typisch operativen Cha- 
rakter. 
Andererseits entwickelt sich eine 
Kritik am städtischen System als sol- 
chem. Statt sich gemäß einer Tradi- 
tion, die von Pugin bis Mumford 
reicht, auf eine Kritik der Ideologien 
zu beschränken, akzeptiert diese Rich- 
tung der Kritik, die wir hier, erläu- 
tern, die Realität als Ausgangsbasis 
und entwickelt ausgehend von ihr ei- 
ne Betrachtungsweise, die sich unmit- 
telbar in Systeme übersetzen läßt, die 
auf der Veränderung ihrer einzelnen 
Elemente oder im weitesten Sinne, 
auf der Veränderung ihrer grundle- 
genden Gesetzmäßigkeiten aufbauen. 
Es ist aber ersichtlich, daß eine ty- 
pologische Kritik vor allem Kritik 
städtischer Strukturen ist. Und man 
kann noch mehr sagen: durch diese 
Art von Untersuchungen wird der apo- 
kalyptische Ideologismus der bildenden 
Künste in Frage gestellt, der die mei- 
sten ihrer Betrachtungsweisen der 
Stadt auszeichnete. 
Ein gemeinsames Merkmal der hier 
behandelten typologischen Untersuchun- 
gen ist es, daß sie anstelle eines ste- 
rilen Utopismus, der im Rahmen ei- 
nes einzigen Aktes der Neuplanung 
den gesamten städtischen Zusammen- 
hang (in seiner Form und seinen In- 
stitutionen) verändern möchte und 
daß sie anstelle einer aristokratischen 
Distanz, mit der die Kritiker der zeit- 
genössischen Stadt ihre sekundären Pro- 
bleme begreifen und sie zugleich mit 
deren fundamentalen verwechseln, ein 
globales Urteil über die Stadt vermeiden 
zugunsten der Konzentration der Ana- 
Iyse auf begrenzte Teilbereiche, die je- 
doch aus den lebensnotwendigen Kno- 
tenpunkten der städtischen Struktur 
ausgewählt worden sind: also ein Realis- 
mus bei der analytischen Wahrnehmung 
des „„Musters‘” und ein vorurteilsfreies 
Experimentieren in der operativen For- 
mulierung neuer ‘Modelle‘. Die Unter- 
suchungen von Aldo Rossi über die Rol- 
le der „primären Orte‘ der Stadt, von 
Canella über die städtische Morpholo- 
gie und das Schul- und Theatersystem 
von Mailand, die Untersuchungen und 
Projekte von Aymonino über die terti- 
ären Systeme von Bologna finden hier- 
in, auch wenn sie unterschiedlich ausge- 
richtet sind, ihre konvergierenden Aspek- 
te2). 
Soweit sie kritische Analysen sind, 
demonstrieren sie, beurteilen sie und 
entwickeln sie in neuen Dimensionen 
„reale“ strukturelle Zusammenhänge, 
die die heutige Stadt als auf unveränder- 
baren und nicht mehr diskutierbaren 
Werten aufgebaut erscheinen lassen. 
Und soweit sie operative Kritiken 
sind, formulieren sie Entwurfshypothe- 
sen, die zweierlei deutlich machen: 
1) die Möglichkeiten alternativen Lö- 
sungen zu denen, die die „Stadt der 
Konsumbedürfnisse‘ als „‚real‘‘ und ‚,na- 
türlich‘“ vorgibt und 
2) den Zusammenhang zwischen forma: 
len Ideen und neuen Typologien im 
Rahmen der neuen Beziehungen zwi- 
schen der städtischen Morphologie und 
den architektonischen ‘Formen’. 
In dieser Art von Erfahrung verbin- 
den sich unlösbar historische Analyse, 
kritische Bewertung, die kritische Funk- 
ed
	        

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