Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

tion der Vorstellungen und der demon- 
strative Wert des Entwurfs. Will man die- 
se Erfahrung in einem historischen Kon- 
text stellen, dann kann man sagen, daß 
sie die typische Tradition der Aufklä- 
rung fortsetzt: der ‘Essai sur L‘Archi- 
tecture theatrale‘ von Pierre Patte 
(1782), die ‘Architecture moderne‘ von 
Tiercelat (1727), die ‘Distribution des 
maisons de plaisance‘ von J.F. Blondel 
(1737), die ‘Encyclopedie du cottage‘ 
von Loudon (1750), das Buch von Bal- 
tard über die Architektur der Gefäng- 
nisse (1829) und das Traktat von Louis 
Bryere über die Gebäudetypologie — 
neben den bekannteren Schriften und 
Entwürfen von Ledoux, Boullee, Durand 
oder Debut3) — unterscheiden sich von 
den reinen funktionalistischen Schriften 
gerade durch den entscheidenden Wert, 
den sie den Vorstellungen und formalen 
Formulierungen der neuen funktionalen 
Programme beimessen. Durch diese Be- 
sonderheit vollzieht die typologische 
Kritik, welches immer ihre idealen Grund- 
'agen auch sein mögen, eine propositive 
Operation gegenüber den geläufigen Di- 
mensionen des Entwerfens. 
Nimmt man die Existenz von a priori 
schon definierten Formen, auf die die 
Idee des städtischen Organismus sich be- 
zieht, nicht als gegeben an — im Grenz- 
fall kann man zum Beispiel, wie es eini- 
ge Untersuchungen über die Dienstlei- 
stungen in der Stadt zeigen, die Notwen- 
digkeit einer präzisen Konfiguration ih- 
rer Strukturen zugunsten ihrer Verbrei- 
tung in der Stadt negieren — dann zwingt 
uns diese Annahme, das architektonische 
Phänomen selbst auf seinen Ursprung zu- 
rückzuführen. Fortlaufend fühlen sich 
auch diese Untersuchungen gezwungen, 
die Architektur neu zu definieren, ihren 
Sinn umzukehren: aber nicht auf der 
Grundlage abstrakter Verallgemeinerun- 
gen, sondern auf Basis von Teilfragen 
versuchen sie, der Architektur eine neue 
Qualität abzugewinnen — Fragen, die 
von der Architektur an die Architektur 
selbst gestellt werden. In diesem Sinne 
knüpfen derartige Untersuchungen weni- 
ger an den orthodoxen Funktionalis- 
Mus als vielmehr an den Kritizismus der 
Aufklärung, an. 
Indem die typologische Kritik das 
Physische Vorhandensein städtischer 
„Organismen“ (also von Strukturen, 
„Einrichtungen“, die in einer eindeuti- 
gen Beziehung zu ihrer Funktion stehen; 
Anm. 2R.) oder die Möglichkeit, Funk- 
tionen zu präzisieren, nicht als gegeben 
annimmt — denken wir zum Beispiel an 
die Debatte über das Thema der Conte: 
nitori 4) —, stellt sie aile Probleme, die 
die funktionalistische Literatur als defi- 
Nitiv angenommen hatte, in Frage. Die 
„Form“ wird nun als typologisches The- 
Ma an sich zum eigentlichen Geaen- 
stand der Untersuchung — auf unter- 
schiedlichen Wegen haben Louis Kahn 
und Aldo Rossi auf diesem Thema be- 
standen — und die am Schreibtisch ent: 
wickelten Mo delle sollen es ermögli- 
chen, neue Instrumente zur Verifizie- 
rung ihrer Hypothesen zu bilden. 
Aus diesem Grunde unterziehen sie 
das gesamte Erbe der modernen Bewe- 
gung einer kritischen operativen Bewer- 
tung. Der Gesichtspunkt der typologi- 
schen Kritik ist aber nicht im eigentli- 
chen Sinne historisch: er wird historisch, 
nachdem er sich — als Unterstützung 
des analytischen Momentes — die Ergeb- 
nisse der historischen Kritik angeeignet 
hat 
Wenn Kahn, Copcutt, Samona und 
Aymonino in ihren experimentellen Pro- 
jekten tertiärer Strukturen (wir beziehen 
uns auf das Projekt für den ‘Market East‘ 
in Philadelphia, auf das Projekt für das 
tertiäre Zentrum von Turin) eine Dia- 
lektik zwischen dem symbolischen 
Wert des ‚Organismus‘ in seinem kom- 
plexen, aber endlichen Ausdruck und 
den offenen und flexiblen funktionalen 
Systemen herausstellen, dann gerät ge- 
nau das in die Krise, was für die moder 
ne Bewegung typisch ist, nämlich die 
gesamte Tradition der ‘Tendenzstadt‘. 
Darum lehnen sich jene Projekte an 
komplexe Analysen an, deren Ergebnis- 
se nichts als mögliche Beispiele darstel- 
len. In diesem Sinne schickt sich die 
typologische Kritik an, eine neue kriti- 
sche Geschichte der modernen Bewegung 
zu schreiben: die von ihr selbst verwen- 
dete Beziehung zwischen literarischen 
und zeichnerischen Instrumenten si- 
chert ihr dabei eine bequeme operative 
Verbreitung und belädt sie im Ver- 
gleich zur Tradition der typologischen 
Untersuchungen mit neuen Verantwor- 
tungen. Und es muß auch gesagt wer- 
den, daß bei ihr die typischen Deforma: 
tionen jeder operativen Kritik ganz und 
gar gerechtfertigt erscheinen: ihr histo- 
rischer Instrumentalismus ist von vorn- 
herein gegeben, weil die typologische 
Kritik sich ausschließlich an den experi- 
mentellen Möglichkeiten des Entwerfens 
orientiert. 
Ausgehend von den kritischen Erfahrun- 
gen, die die traditionellen Hindernisse 
zwischen der Kritik und der konkreten 
Intervention überwinden wollen, sind 
wir dazu gekommen, einen Zwischenbe- 
reich herauszustellen, innerhalb dessen 
eine fruchtbare Begegnung zwischen Ge: 
schichte, Kritik und Entwurf möglich 
erscheint. 
Das folgende Problem stellt sich dann: 
Nimmt diese neue Art operativer Kritik 
all jene Qualitäten, die bisher die Eigen- 
schaften der verschiedensten wissenschaft 
lichen Disziplinen bildeten und die nun- 
mehr zusammenfallen, in sich auf oder 
bleiben ihnen noch besondere Freiräu- 
me erhalten? Und wenn diese Freiräu- 
me existieren sollten, wie können die 
Geschichte und die Kritik sich bezüglich 
des Entwerfens wieder zusammenfinden? 
Mit anderen Worten, es scheint so zu 
sein, daß es an diesem Punkt auch für 
die Disziplin ‚Stadtgeschichte‘ nur 
zwei Möglichkeiten gibt: 
a) entweder eine besondere Rolle zurück- 
zugewinnen, die die Aufmerksamkeit auf 
die eigenen autonomen Instrumente kon- 
zentriert und auf eine Rolle zu verzich- 
ten, die viel besser von den neuen ar- 
chitektonischen Disziplinen zwischen der 
Kritik, der empirischen Wissenschaft 
der Entwurfsmethoden und dem Ent- 
werfen selbst übernommen werden kann 
b) oder die eigenen Untersuchungen — 
Untersuchungen von Spezialisten — so 
umzumodellieren, daß diese innerhalb 
einer interdisziplinären Gruppe eine 
eigene Rolle ausfüllen können, die der 
Formulierung neuer architektonischer 
und urbanistischer Programme dient. 
Man beachte: in beiden Fällen wird 
es eine operative Kritik geben, die — 
nur auf eine höhere Ebene verschoben - 
sich durch alle Ambiguitäten auszeich- 
net, die diese Position mit sich bringt. 
Die typologische Kritik und die reine 
Kritik erweisen sich nämlich dadurch, 
daß sie nicht zum Erkennen der ideolo- 
gischen Wurzeln der Architektur als Dis: 
ziplin vordringen können, als Instru- 
mente der Integration der Kritik selbst 
in die beabsichtigte Aktivität. 
Übersetzung: Nicolaus Kuhnert und Mi- 
chael Peterek 
1) Wir können, um die Art der Forschung, 
auf die wir uns hier beziehen, zu präzisie- 
ren, verschiedene Studien zitieren zum Pro- 
blem des housing in den Zeitschriften ‘Ar- 
chitectural Review‘, ‘Architectural Design’ 
u.a.; die Forschungen von Tange und Cop: 
cutt über die städtischen Systeme von To- 
kyo und Glasgow (für letzteres vgl., weni- 
ger bekannt, 'Casabella continuitä‘ 1963, Nr. 
280), die italienische architektonische Kul- 
tur hat im letzten Jahrzehnt diese Art von 
Studien in einer besonderen Weise entwik- 
keit, zuerst innerhalb von ‘Casabella con- 
tinuita‘, von ca. 1960 bis 64 unter der Di- 
rektion von E.N. Rogers und später in ei- 
ner breit gestreuten Reihe von Pulikati- 
onen; AA., VV., La cittä territotio. Leonar: 
do da Vinci, Bari 1964, AA., VV., L‘Uto- 
pia della realitä, Un esperimente didattico 
sulla tipoligia della scuola primaria, ivi 
1965, N. Sansoni Tutino, Scuala e territo- 
tio, ivi 1966, C. Aymonino und P,L. Gior- 
dani, | Centri direzionali, ivi 1967, G. Ca- 
nella, II sistema teatrale a Milano, Dedabo 
libri, Bari 1966, C. Aymonino, Documenti 
dei corsi di caratteri degli edifici,pressol’Is. 
Univ.. di Arch. di Venezia, AA., VV., ‘Edi- 
lizia moderna‘, Nr. 88 (1966), diese Num- 
mer ist der Form des Territotiums gewid- 
met, A. Rossi, Contributi al problema dei 
rapporti tra tipologia edilizia e mor- 
fologia urbana, Milano 1964,. Ein wichti- 
ger theoretischer Beitrag ist von Argan ge- 
Fortsetzung auf Seite 62
	        

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