Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

drängten oder es zumindest stark in Rich- 
tung auf Versachlichung umprägten. Der 
progressive Gehalt, der in den ‘“program- 
matischen Vorgriffen’’ enthalten war, 
blieb dabei weitgehend auf der Strecke. 
Welche Berührungspunkte hatten nun 
diese beiden Nebenströmungen mit der 
Hauptströmung des baukünstlerischen in- 
dividuell-intuitiven Entwurfsverständnis- 
ses der Zwanziger Jahre? Eine Berührung 
ist auf drei Ebenen festzustellen: 
These 4 besagt, daß unter dem Zwang 
der sich wandelnden gesellschaftlichen 
Verhältnisse bereits seit Beginn des Jah- 
hunderts und verstärkt in den Zwanziger 
Jahren eine deutlich ablesbare Verände- 
rung des baukünstlerisch individuell-intui- 
tiven Entwurfsverständnisses bemerkbar 
wird: bautechnische, soziale und ökono- 
mische Frägen drängen beim Bauen nach 
vorn; das veränderte Aufgabenfeld und 
die damit verbundene Arbeitsweise modi- 
fizieren das baukünstlerische Entwurfsver- 
ständnis — allerdins ohne Einbuße seiner 
Position als ideologische Hauptströmung. 
Bei dieser inhaltlichen Modifikation spie- 
len die Verfechter der beiden Nebenströ- 
mungen lediglich eine mittelbare Rolle: 
als Vorkämpfer und z.T. als Prediger in 
der Wüste, deren Worte nach passenden 
Brocken durchsucht werden, und die so 
zufällig und punktuell Einfluß zu nehmen 
scheinen. 
These 5 besagt, daß einzig die auf der 
Grundlage des kooperativ-objektivisti- 
schen Entwurfsverständnisses erzielbaren 
spezifischen architektonisch-städtebauli- 
chen Ergebnisse von den Vertretern des 
baunkünstlerisch individuell-intuitiven Ent: 
wurfsverständnisses gewürdigt und z.T. 
sogar begierig in ihr Form- und Stilreper- 
toirs aufgesogen wurden; allerdings um- 
gedeutet als lediglich formale Leitbilder. 
So konnte der Frage nach ihrem Zustan- 
dekommen, nach der neuen Methode des 
Entwerfens leicht aus dem Wege gegangen 
werden; als formale Leitbilder konnten 
sie beliebig vom baukünstlerischen Stand- 
Punkt aus angeeignet und in die individu- 
elle Intuition beim baukünstlerischen 
Entwerfen einbezogen werden. 
These 6 schließlich behauptet, daß trotz 
der Würdigung ihrer architektonischen Er- 
gebnisse, es gerade das Entwurfsverständ- 
nis der Verfechter beider Nebenströmun- 
gen war, das von den Vertretern der herr- 
schenden Hauptströmung des baukünstle- 
rischen Entwurfsverständnisses heftig und 
Zum Teil militant abgelehnt wurde — traf 
es doch genau den Nerv ihres beruflichen 
Selbstverständnisses: nämlich ihre ange- 
maßte gesellschaftliche Position als “indi- 
viduelle und autoritäre Künstler‘. Wegen 
dieses Entwurfsverständnisses und ihres 
vom Hautstrom abweichenden berufli- 
Chen Selbstverständnisses wurden die Ver- 
fechter beider Nebenströmungen als Ego- 
zentriker und schrullige Einzelgänger dif- 
famiert oder als Umstürzler verketzert. 
Versuchen wir im folgenden, diese The- 
sen zu belegen und zu verdeutlichen. 
“COMPONIEREN"”: DAS BAUKÜNST- 
LERISCHE INDIVIDUELL-INTUITIVE 
ENTWURFSVERSTÄNDNIS 
Im Handbuch der Architektur von 1883 
finden wir eine der wenigen Auseinander- 
setzungen mit dem ‘baukünstlerischen 
Schaffen’ — damals auch “Componieren” 
genannt. Geschrieben von Heinrich Wag- 
ner, einem fortschrittlichen Vertreter des 
sich damals schon abzeichnenden frühen 
Funktionalismus — ‘Damit das Werk der 
Menschenhand . .... seinem Zwecke in 
vollkommener Weise diene, muß jeder 
einzelne Theil diejenige Function erfüllen, 
die ihm zugewiesen und diejenige Gestalt 
erhalten, welche hierzu geeignet ist” 
(H. Wagner, 1883, 5); wollen wir diese 
Auseinandersetzung als stellvertretend 
für die Hauptströmung des Entwurfsver- 
ständnisses kurz vor der Jahrhundertwen- 
de ansehen. 
Ausgangspunkt für das Verständnis der 
damaligen Architekturproduktion ist der 
vom Bildungsbürgertum getragene und 
zum kaiserlichen Kulturprogramm 5) er- 
hobene Anspruch, “den Schöpfungen der 
Architektur (sei) die höchste Weihe und 
Vollendung der Kunst zuzusprechen” (35) 
Architektur verstanden als Kunstwerk be- 
deutet jedoch zugleich, jede Bauaufgabe 
als etwas einmaliges, die Schöpferkraft 
forderndes zu verstehen. Solche einmali- 
gen Kunstwerke jedoch gehen hervor aus 
der “architektonischen Composition”” 
(6); sie ist ‘der Inbegriff des Wissens und 
Könnens, welche die Lebenserfahrung, 
die Wissenschaft und die Kunst von den 
Schöpfern des Bauwerkes fordern; in ihr 
offenbart sich der Dreiklang der Ideen, 
den wir in den Worten zusammenfassen: 
Erfüllung des Zwecks, Wahrheit des Ge- 
dankens und Schönheit der Form” (6). 
“Architektonisches Componieren”” geht 
über das einfache Konstruieren von allein 
zweckmäßigen Bauwerken hinaus: ‘“Da- 
mit (das Bauwerk) zugleich eine Schöp- 
fung der Baukunst werde, muß zur Er- 
kenntnis des Wahren (nach heutiger Dik- 
tion: “des Rationalen”’ d.V.) sich die Er- 
kenntnis des Schönen gesellen; es muß 
die Phantasie dabei mitwirken” (6). Der 
Schlüssel zum Entwurfsverständnis ist In 
der Produktion des auf Phantasie grün- 
denden “schöpferischen Gedankens” (5), 
der “/dee” zu finden, die “in künstleri- 
scher Arbeit” (6) gewonnen wird: *“ Die- 
se Idee, dieses geistige Bild des Gegenstan- 
des, wird zur vollen Klarheit und wirkli- 
chen Anschauung gebracht mittels der 
Darstellung. Die architektonische Com- 
postition ist somit der zur klaren Darstel- 
lung gebrachte schöpferische Gedanke” 
(11). Diese seine Idee zu verwirklichen, 
ist Anliegen des Baukünstlers und er muß 
ein tiefes Interesse daran haben, daß alles 
genau gemäß seiner und nur seiner Idee 
realisiert wird. Die Kunstproduktion 
darf nicht geteilt sein: weder bei der Ide- 
enfindung noch bei der Verwirklichung: 
“Die künstlerische Arbeit ist eine beson- 
ders intensive nicht aber die einzige Auf- 
gabe des Architekten in der architektoni- 
schen Composition ..... Ist er ein Mei- 
ster seiner Kunst. .... so hört sein Schaf- 
fen erst mit dem fertigen Werke auf, und 
zur Verwirklichung desselben muß er 
Herr der Form, zugleich aber Herr der 
Construction sein... . . In seiner Eigen- 
schaft als Constructeur wählt und verwen- 
det er den Baustoff nach Maßgabe der na- 
türlichen Beschaffenheit . .... er bemißt 
die einzelnen Constructionsteile nach ihrer 
Beanspruchung ..... Ihre formale Aus- 
bildung erhalten sie wiederum von der 
Hand des (Architekten als) Künstler” (7). 
‘In dieser Weise vorbereitet, durch Wort 
und Bild nach jeder Richtung klargestellt, 
nach Maß und Preis genau normiert, ist 
das Werk reif zur Ausführung. Damit be- 
ginnt ein neuer Wirkungskreis des Archi- 
tekten, der im vollen Sinne des Wortes 
der Baumeister seines Werkes sein soll. 
Denn Ausführung und Conception stehen 
in der Architektur, gleichwie in jeder an- 
deren Kunst, in innigster Beziehung zu- 
einander. Wer den Bau erdacht, dem 
kommt es auch zu, ihm bis in die gering- 
sten Einzelheiten das Gepräge seines Gei- 
stes zu verleihen; als oberster Leiter des- 
selben seine Gehilfen, Meister und Gesel- 
/en mit diesem Geiste zu erfüllen, um mit 
ihrer Hilfe . ... . ein Werk;zu schaffen, in 
dem das Kunstprinzip Harmonie, die Ein- 
heit der Empfindungen, zu vollkommener 
Erscheinung kommt. was er in einer Stun- 
de der Inspiration ersonnen, was er in lan- 
gen Tagen des Ringens mit den äußeren 
und inneren Bedingungen der Aufgabe im 
Geist aufgebaut, das bedarf Monde und 
Jahre rastlosen Schaffens und Wirkens; es 
bedarf der Arbeit vieler fleißigen Hände, 
der Mitwirkung des gesamten Bauhand- 
werks‘......‘." (7). 
In diesem kurzen Text offenbart sich 
ein Weltbild, wie es nur der bildungsbür- 
gerliche Kulturbetrieb der Gründerzeit 
hervorbringen konnte, der dem Architek- 
ten eine besondere gesellschaftliche Posi- 
tion einräumte: nämlich diesem bildungs- 
bürgerlichen Kulturbetrieb und -bedürfnis 
Ausdruck zu verleihen: ‘Harmonie’ und 
“Einheit der Empfindungen”. Zugleich 
können wir an dem Text den Abstand zur 
gegenwärtigen Situation abmessen. So er- 
scheint es aus heutiger Sicht seltsam, daß 
kaum eine Angabe zum Vorgang und zur 
Methode des Entwerfens gemacht wird, 
außer, daß es “in langen Tagen des Rin- 
gens” und auf der Grundlage von “Inspi- 
ration” stattfindet; kaum ein Hinweis auf 
die Planungs- und Entwurfsorganisation, 
51
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.