Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

außer, daß der Architekt ‘als oberster 
Leiter ..... seine Gehilfen, Meister und 
Gesellen mit diesem (seinem) Geiste zu 
erfüllen‘ habe; kaum ein Wort zum Ab- 
lauf von Entwurf und Planung, außer, daß 
auf eine erste Phase der ‘“Composition” 
eine Phase der Durcharbeitung der Werk- 
pläne folgt, an die dann die Phase der 
Ausführung anschließt. 
Solcher Mangel an Hinweisen wird je- 
doch verständlich, wenn man das Entwer- 
fen als einen — bei vergleichsweise einfa- 
chen Bauaufgaben -—- gerade noch realisier- 
baren, auf Ganzheit bezogenen schöpferi- 
schen Vorgang in doppeltem Sinne ver- 
steht: zum einen ‘stehen Ausführung und 
Conception in innigster Beziehung zuein- 
ander”, sind eine Ganzheit, die in die 
Hand des “Architekten gleich Baumeister” 
gegeben ist; wo Arbeitsteilung mit der 
notwendigen Frage nach der Organisation 
vorkommt, wird sie vom Architekten 
dank seines umfassenden ‘Wissens und 
Könnens” zentral koordiniert, indem er 
alle Beteiligten ‘mit seinem Geist erfüllt” 
— nur so kann das Kunstwerk als Ganz- 
heit entstehen. Zum anderen ist es gerade 
dieses Kunstwerk als Ganzheit, auf das 
der Vorgang des ‘““Entwerfens”’ als ‘“ganz- 
heitlicher Gestaltungsvorgang”” gerichtet 
ist; ein Gestaltungsvorgang, der stets von 
der als Ganzheit verstandenen Aufgabe zu 
einer als Ganzheit verstandenen Lösung 
führt; vermittelt über die auf die Ganzheit 
des Kunstwerkes bezogenen Vorstellun- 
gen — die ‘Idee’” — im Kopf des individu- 
ellen Baukünstlers; so erscheint das Ent- 
werfen auch als ein schrittweiser Konkre- 
tisierungsvorgang, bei dem die in ‘der 
Stunde der Inspiration’ zugefallene An- 
fangsidee, ‘in langen Tagen des Ringens” 
zunehmend konkretisiert wird, und als 
ganzheitliche Idee auch das letzte Detail 
noch bestimmt: ‘dem Bau bis in die letz- 
ten Einzelheiten das Gepräge seines Gei- 
stes verleihen.” 
Etwa 25 Jahre später bringt Walter Gro- 
pius dieses Fehlen von Hinweisen auf Me- 
thode und Organisation auf den einfachen 
Nenner: ‘Kunst entsteht oberhalb aller 
Methoden, sie ist an sich nicht lehrbar, . . 
...” (Gropius (1919) 1964, 48). Die auf 
Ganzheit bezogene Vorstellung vom Ent- 
werfen und Bauen als “Kunst” setzt je- 
doch u.a. voraus: die individuelle Bauauf- 
gabe, das schöpferische Individuum, die 
Intuition als Grundlage seines Vorgehens 
und den mit Autorität ausgestatteten 
Schöpfer: das baukünstlerisch individuell 
-intuitive Entwurfsverständnis. Für den 
sich diesem Entwurfsverständnis verpflich- 
tet fühlenden Baukünstler zählt allein das 
Kunstwerk, das architektonische Ergeb- 
nis; dem Publikum gegenüber ist er keiner- 
lei Rechenschaft über das Zustandekom- 
men seines Werkes, weder über den Pro- 
zeß, noch über die Organisation noch 
über die Umstände schuldig: ‘Der Künst- 
ler ist seiner innersten Essenz nach glü- 
hender Individualist, freier spontaner 
Schöpfer .....'’. (H. van de Velde (1914) 
1964, 26) . 
Um dises hochgezogene berufliche 
Selbstverständnis auch ausfüllen zu kön- 
nen, bedurfte es allerdings der Erfüllung 
zweier wichtiger Anforderungen: 
— als Baukünstler muß der Architekt um- 
fassend und in hohem Maße qualifiziert, 
d.h. ein in besonderer Weise ausgezeichne- 
ter Mensch sein: ‘Herr der Form sein, 
heißt: 1) ein angeborenes Talent, einen 
lebendigen Sinn und ernsten Schaffens- 
drang für alles Große und Schöne besit- 
zen; 2) die Meisterwerke der Kunst genau 
erkannt, ihre Formsprache erfaßt und 
das Wesen der Architektur ergründet ha- 
ben, um ihren Aufgaben gewachsen zu 
sein; 3) die Reife des Urteils und der 
Selhsterkenntnis erworben haben, um 
nach Maßgabe der unwandelbaren Ge- 
setze der Architektur die Schöpfungen 
seiner Phantasie verkörpern zu können” 
(Wagner, 1883, 9). 
— muß er notwendigerweise mit hoher 
Autorität ausgestattet sein, um den ganz- 
heitlichen Vorgang der Produktion eines 
Baukunstwerkes von der ersten ‘“Idee’” 
bis ‘in die geringsten Einzelheiten” tra- 
gen zu können; diese auf die Kunstwerk- 
produktion gerichtete Autorität wird er- 
weitert und ideologisch überhöht auf ein 
grundsätzlich autoritäres, dem Architek- 
ten als Kunstwerksproduzenten und Ide- 
enträger eigentümliches berufliches Selbst- 
verständnis: autoritär gegenüber der Ge- 
sellschaft, dem Bauherrn, anderen Fach- 
leuten, Mitarbeitern, Bauarbeitern und 
schließlich den Nutzern des Bauwerks; sie 
alle haben sich dem Kunstwerk — “sei- 
nem Kunstwerk” — zu unterwerfen. 
Schon zur Zeit Heinrich Wagners mußte 
dieses Kunstwerk natürlich als mindeste 
Voraussetzung praktisch sein: ‘Damit das 
Bauwerk dem Zwecke, dem es seine Ent- 
stehung verdankt, diene, muß es vor allem 
den materiellen Bedingungen der Aufgabe 
entsprechen” (5). Neben die Baukunst als 
Quelle autoritärer Haltung des Architek- 
ten, kann so auch noch die ‘““Funktion””, 
das Fachwissen über den Gebrauchswert 
eines Gebäudes, zur Quelle weiterer Auto- 
rität werden. Daß auch damals die Zei- 
chen nicht in Richtung “reine (d.h. von 
Zwecken freie) Baukunst” deuteten, be- 
klagt Wagner in einem Nebensatz: “Die 
Baukunst ist zur Ware geworden; sie rich- 
tet sich nach Angebot und Nachfrage”. 
(36) 
Zur Modifikation des baukünstlerischen 
Entwurfsverständnisses 
Eine erste ‘Theorie des architektoni- 
schen Entwerfens*‘“ versuchte Friedrich 
Ostendorf 1914 in seinen “Sechs Büchern 
vom Bauen” ; sie gelang allerdings mehr 
zu einer - bewußt traditionalistischen - 
Gebäudelehre mit an vielen Stellen ein- 
gestreuten Überlegungen zum Entwurfs- 
verständnis. Gegenüber den Ausführungen 
Heinrich Wagners ist Ostendorf eigentlich 
nur ausführlicher - ansonsten fährt er 
ohne großen Unterschied auf der gleichen 
Bahn. So ist auch für Ostendorf Aus- 
gangspunkt des ‘künstlerischen Entwer- 
fens‘“ die “/dee”: ‘Die Idee für die kör- 
perliche Erscheinung ist das erste, der 
Grundriß entsteht erst unter der Herr- 
schaft der Idee‘ (Ostendorf, 1914,11). 
Nun gibt es zwei Arten von Entwerfen: 
vom ‘künsterlerischen Entwerfen“ grenzt 
Ostendorf das Entwerfen all jener in der 
tagtäglichen Baupraxis steckenden Archi- 
tekten ab, die seines Erachtens keine Bau- 
künstler sind und er meint zu ihren Bau- 
werken: “ (Hier) hat der Architekt gar 
keine künstlerische Idee gehabt. Er hat 
nach dem Raumprogramm den Grund- 
riß aufgezeichnet, sodaß die Räume mög- 
lichst praktisch angeordnet sind. Und 
dann hat er zu dem Grundriß einen Auf- 
riß gezeichnet, so gut es gehen wollte.‘ 
(4) Für Ostendorf bedeutet “Entwerfen”, 
“eine mit Baumaterialien zur körperli- 
chen Erscheinung gebrachte künstlerische 
Idee, wie ein Bild eine mit Malmateria- 
lien ausgeführte künstlerische Idee ist” 
(Ostendorf 1915,4). Gegenüber Wagner 
erwähnt Ostendorf immerhin den Bau- 
herrn in seiner Rolle als Programmge- 
stalter: ‘Das Bauprogramm (wird) wie 
in allen Fällen vom Bauherrn aufge- 
stellt, der ein Gebäude, wie er es versteht, 
errichten lassen will“ (1919,23), wobei es 
dann dem Architekten obliegt, ‘die ein- 
Fachste Erscheinungsform für ein Baupro- 
gramm zu finden“. (1914,3) Dabei ist der 
Architekt nun ganz gewiß nicht mehr 
“freier” Baukünstler: ‘Ein Gesetz bindet 
die Erscheinungsform an das Programm; 
es ist nichts willkürliches, auf der sie (die 
Erscheinungsform) beruht“ (129). 
Den Entwurfsprozeß beschreibt Osten- 
dorf dann wie folgt: ‘Bevor er (die künst- 
lerische Idee) zu Papier bringt/ schwebt 
ihm die Erscheinung des Bauwerks vor der 
Seele. Er wird das Raumprogramm nach 
allen Seiten hin durchdenken und wird 
sich bei vielräumigen und verwickelteren 
Bauten über die Möglichkeit der Grund- 
rißanlage auf dem Papier einige Klarheit 
verschaffen und hiernach in einer glück- 
lichen Stunde die Idee zur Gestaltung des 
Bauwerks... fassen und prägen und schließ- 
lich die fertige Idee in einer Skizze auf- 
zeichnen: wie der Maler die Idee eines Bil- 
des. Und wie dieser nun weiter von der ge- 
wonnenen Stelle aus die Idee durchdenkt 
und die Skizze verändert, verbessert, wie 
er sie so dem schließlich abgerundet in Er- 
scheinung tretenden Bild immer näher 
bringt, so wird auch der Baukünstler bei 
der ersten Skizze selten stehenbleiben. 
Auch er wird das Bauprogramm von neu- 
372
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.