Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Roland Günter: Fotografie als Waffe 
Bei Roland Günters Buch handelt es 
sich — so der Untertitel — um die „Ge- 
schichte der sozialdokumentarischen Fo- 
tografie‘“, die unter den Gesichtspunkten 
„einer sozialwissenschaftlich orientierten 
Ästhetik“ untersucht wird. Es ist der 
dritte Band zu diesem Thema, welcher 
jedoch aus Gründen der Aktualität vorge- 
zogen wurde, denn — so der Autor: „Ak: 
tualität muß für den Wissenschaftler eine 
Verpflichtung sein: jetzt müssen wichti- 
ge Aufgaben gelöst werden — jetzt. Ein 
Wissenschaftler darf sich zukünftig nicht 
mehr aus dieser Verpflichtung davonsteh- 
len‘. 
Günter /st Wissenschaftler (er ist als 
Professor für Kunst- und Hüttengeschich- 
te tätig), was sich schon in der Menge 
des verarbeiteten Quellenmaterials aus- 
drückt. Ein Viertel des Buches (!) be- 
steht aus Anmerkungen und Literatur- 
nachweisen, erhebt jedoch keinen An- 
spruch auf Vollständigkeit, was bei der 
Fülle und der Verstreutheit des Materials 
wohl auch nicht zu leisten wäre. 
Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt: 
1. Frühe Sozialfotografie, 2. Analytische 
Sozialfotografie und Fotoreportage, 3. 
Fotografie als Waffe und 4. Die fort- 
schrittlichen Möglichkeiten der Sozialfo- 
tografie. 
Im ersten Kapitel untersucht der Au- 
tor, was Sozialfotografie ist und erkennt, 
daß „nicht alles ... Sozialfotografie 
(ist), was sich dafür ausgibt‘ und daß Fo- 
tos von bestimmten Interessen gelenkt 
werden und daher parteilich sind. 
Günter geht in den folgenden Ab- 
schnitten auf die Geschichte der Sozial- 
fotografie ein und weist nach, daß die 
Fotografie der „„‚malerischen‘” Armut, der 
subkulturellen Boheme und des Lumpen- 
proletariats großbürgerlich gelenkte Fo- 
tografie ist, die den Zweck hat, Vorur- 
teile zu bestätigen — oder zumindest poli- 
tisch irrelevant ist, da der Fotograf die 
Menschen nicht liebt, sondern nur das 
Malerische an seiner Situation hervorhe- 
ben will, mit dem Anspruch, Kunst pro- 
duziert zu haben. 
Im weiteren geht der Autor in diesem 
Kapitel auf echte Sozialfotografie ein 
und. auf gute Ansätze — wie die ameri- 
kanische „Film und Photo League‘ —, 
die jedoch zum Scheitern verurteilt wa- 
ren. 
Im zweiten Kapitel stellt Günter die 
Sozialfotografen Z///e und Sander vor, 
geht auf Arbeiterfotografie ein und zeigt 
auf, daß die Foto-Reportage besonders 
geeignet ist, den Arbeiter zu erreichen, 
weil der eine Kultur hat, „‚in der das Vi- 
suelle eine außerordentlich große Rolle 
spielt‘, denn „sein täglicher Umgang ist 
nicht das Gedruckte, sondern der Um- 
gang mit Werkstücken.‘‘ Ferner entwik- 
kelt sich die Reportage „in Form der 
Geschichte, die sich Stück für Stück ent- 
hüllt‘‘, was der Darstellungsweise der Ar- 
beiter entspricht. Günter geht dann noch 
im einzelnen auf Fotoreportagen ein, die 
im Ruhrgebiet in Verbindung mit Bürger- 
Initiativen gelaufen sind und welche deut- 
lich machen, was engagierte Sozialfoto- 
grafie zu leisten vermag. 
Das dritte Kapitel ist der Fotografie 
als Waffe gewidmet. Der Autor geht auch 
hier historisch vor und weist nach, daß 
der wirtschaftliche Expansionszwang der 
Foto-Industrie zur Folge hat, daß die > 
Massen ein Produktionsmittel erhalten, 
was wiederum zur Folge hat, daß Arbei- 
ter anfangen, selbst zu fotografieren. Im 
weiteren widmet der Autor einen Arti- 
kel der Fotomontage, geht dabei. auf die 
Bilder von Heartfield und Staeck näher 
ein und gibt sogar eine Anleitung zum 
Fotomontieren, sowie eine Anleitung 
zum Ausstellen. 
Im /etzten Kapitel schließlich beschäf- 
tigt sich der Autor mit den Möglichkei- 
ten, die die heutige Sozialfotografie im 
politischen Kampf hat. Er geht dabei so 
ziologisch vor und untersucht u.a. wie 
visuelle Phänomene gespeichert werden 
und welche Folgen dies hat. 
Dem durch wissenschaftliches Studium 
„verdorbenen“ Leser fällt es sicher an 
einigen. Stellen schwer, dieses Buch zu 
begreifen. Er wartet auf die Erklärung 
des Autors zu bestimmten Punkten und 
wird sich enttäuscht sehen, da dieser 
das umfangreiche Material (fast) ohne Er- 
läuterung vorstellt. Er macht es vielmehr 
durch — gewissermaßen montierte — Zi- 
tate transparent,indem der Autor so vor- 
geht, wird dieses Buch für mehrere Le- 
serschichten verständlich. Das ‚,nicht- 
wissenschaftliche‘‘ Publikum versteht 
dieses Buch durch seine klare Gliederung 
und der gut verständlichen Sprache des 
Verfassers. Für die „wissenschaftlichen‘‘ 
Leser ist das vierte Kapitel geschrieben, 
in dem der Autor die Sozialfotografie 
und deren Möglichkeiten aus soziologi- 
scher Sicht untersucht. 
Dem Autor wird sicherlich der Vor- 
wurf gemacht werden, daß dieses Buch 
ideologisch gefärbt sei; aber Günter woll- 
te ja auch kein Geschichtsbuch der Foto- 
grafie schreiben (davon gibt es genug), 
sondern engagiert Partei ergreifen für Ar- 
beiter, für sozial Schwächere und für 
Randgruppen und er wollte zeigen, daß 
das Medium Fotografie für den Kampf 
dieser Gruppen eine geeignete Waffe sei. 
Mir scheint, dies ist ihm gelungen. 
Der Autor schreibt: 
„Es darf nicht irritieren, daß das Ma- 
ximum an Fototechnik und Präsenta- 
tionsfähigkeit von Fotografen mitent- 
wickelt wurde, die — vor allem auch 
heute — für die Werbung arbeiten. Ge- 
rade umgekehrt: da die soziale Bewegung, 
in der wir arbeiten, keine asketische 
Glaubenssekte sein kann, müssen wir die 
entwickeltesten kulturellen und ästheti- 
schen Formen aufgreifen und für unsere 
Ziele nutzbar machen.‘ Voila! 
Rolf J. Rutzen 
Fortsetzung von Seite 49 
geben worden, in: Sul concetto di tipolo- 
gia architettonica (in: ‘Boll, A. Palladio‘ 
Vorlesungen, gehalten an der Architektur- 
fakultät Rom und dann in: Progetto e de- 
stino). Außerdem ist unter den vielen aus- 
ländischen Beiträgen der Buchanan Report 
über Verkehr in der Stadt anzuführen: Traf 
fic in Towns, London, HMSO, 1963, The 
Planning of a New Town, LCC, London 
1961, Geoffrey Copcutt, Planning and De: 
signing the Central Areas of Cumbernauld 
New Town, London 1965. 
2) 
Vgl. A. Rossi, L‘Architettura delle Citta. 
G. Canella, Relazioni fra morfologia, ti- 
pilogia dell’organisma architettonico e 
ambiente fisico, in: ‘Utopie della realita , 
S. 66, und Il sistema teatrale di Milano, 
C. Aymonino e P.L. Giordani, | Centri di- 
rezionali. 
3) eine kurze historische Analyse der typolo- 
gischen Kritik des sechzehnten Jahrhun- 
derts hat Collins vorgelegt, vgl. P. Collins, 
Changing Ideals, Rationalism and New 
Planning Problems (vgl. aber auch: Giusta 
Nicco Fasola, Ragionamenti sull‘architettu- 
ra, Macri, Citta di Castello, passim). 
Für die Überprüfung der Bedeutung einer 
aktuellen Beschäftigung mit einem rigoro- 
sen Kritizismus ist auch die von Aymonino 
vorgeschlagene Wiederaufnahme der typolo- 
gischen Kritk der Aufklärung interessant, 
vgl. C. Aymonino, La Formazione del con- 
cetto di tipologia edilizia, CLUVA, Venezia, 
1965. 
nn
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.