Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Zur Diskussion 
L. Böttcher, E. Fricke, P. v. Kodolitsch, B. Leber, H. P. Richter, J. Schulz z. Wiesch 
„Strategien für Kreuzberg“ 
Bericht der Vorprüfergruppe über den Wettbewerb 
Die Symptome der ‚„‚Kreuzberger Krank- 
heit“ 1) sind nicht neu und sie sind auch 
keine Berliner Spezialität. Sie wiederho- 
len sich vielmehr in vielen anderen Städ- 
ten: die Bausubstanz der alten Innen- 
stadtbezirke verkommt, weil die Instand- 
setzung lange vernachlässigt und die Mo- 
dernisierung unterlassen wurde; diejeni- 
gen der alteingesessenen Bevölkerung, 
die es sich leisten können, ziehen weg 
und machen Gastarbeitern Platz. So 
bleiben schließlich nur noch jene im 
Quartier, die auf billigen Wohnraum an- 
gewiesen sind: Alte, Gastarbeiter, jene, 
die am Rander der ‚„‚Wohlstandsgesell- 
schaft‘ leben müssen. Diese „Verschlech- 
terung‘ der Bevölkerungsstruktur wirkt 
sich auf das örtliche Gewerbe und auf 
die Investitionsbereitschaft der Hausei- 
gentümer aus. Das Quartier wird ökono- 
Misch uninteressant und verkommt da- 
her immer weiter. 
Die „Kreuzberger Krankheit” unter- 
scheidet sich nur insofern von der ent- 
sprechender Quartiere anderer Städte, 
als hier die Probleme besonders krass zu 
Tage treten. Denn die Teilung Berlins 
hat diesen alten Stadtbezirk von der 
Früheren City Berlins abgeschnitten, hat 
ihn an den Rand West-Berlins gedrängt. 
Kreuzberg unterscheidet sich hier in 
SO 36, in dem Quartier rund um den 
ehemaligen Görlitzer Bahnhof, noch in 
anderer Hinsicht von anderen westdeut- 
schen Innenstädten: hier wurde mit den 
„Strategien für Kreuzberg“ ein Experi- 
Ment zur Revitalisierung eines Stadtteils 
9ewagt, das — sollte es gelingen — eine 
Alternative. zu der üblichen „Sanierung“ 
nach dem StBauFG zu bieten vermag. 
ZUR VORGESCHICHTE DER 
„STRATEGIEN FÜR KREUZBERG“ 
Das Dilemma der bisherigen Sanierungs- 
Draxis 
In den Problemen alter Stadtquar- 
tiere manifestiert sich die Unzulänglich- 
keit des bisher eingesetzten Instrumenta- 
riums. Die Frage nach angemessenen Er- 
NEUErUNGsstrategien für überalterte Wohn- 
Quartiere ist gegenwärtig noch nicht be- 
Friedigend beantwortet. 
Die Sanierung von Altbaugebieten in 
Berlin hat seit Einleitung des ersten 
Stadterneuerungsprogramms 1963 zum 
weitaus größten Teil aus Abriß und Neu- 
bau bestanden. Der Anteil der in Berli- 
ner Sanierungsgebieten bis Dezember 
1973 erneuerten im Vergleich zu den 
abgerissenen Altbauten beträgt gerade 
0,8 %. 2) 
Diese Erneuerungspraxis geriet in 
ein quantitatives Mißverhältnis zwi- 
schen Erneuerungsbedarf und Erneue- 
rungstempo: Trotz eines vergleichswei- 
se hohen Sanierungsvolumens in Berlin 
läuft der Alterungs- und Verfallsprozeß 
der Erneuerungsplanung davon.3) Selbst 
im Falle einer Realisierung des ersten 
Berliner Stadterneuerungsprogramms 
mit rund 60.000 WE bis zum Jahr 
2000 würde sich allein in den sechs in- 
nerstädtischen Berliner Bezirken die 
Zahl der sanierungsbedürftigen Altbau- 
wohnungen, die älter als 75 Jahre sind, 
von derzeit rund 200.000 auf rund 
340.000 erhöhen 4), Dieses Volumen 
wäre auch mit einer forcierten Sanie- 
rung nach dem StBauFG nicht zu be- 
wältigen. 
Die finanziellen und verfahrensmäßi- 
gen Engpässe der traditionellen Sanie- 
rungspraxis, ihre unerwünschten Neben- 
folgen und Konflikte sowie die gewalti- 
gen Dimensionen des Erhaltungspro- 
blems machen die Suche nach alternati- 
ven oder komplementären Lösungswegen 
zur dringlichen Aufgabe der Stadtent- 
wicklungspolitik. 
Hier versuchten die Initiatoren des 
Wettbewerbs „Strategien für Kreuzberg“ 
(insbesondere der Kreuzberger Pfarrer 
Duntze) anzusetzen, indem sie sich aus- 
drücklich nicht auf eine Sanierung nach 
dem StBauFG festlegten, sondern eine 
„Revitalisierung‘ des Quartiers mit an- 
deren Mitteln und aus eigener Kraft an- 
strebten. 
Zur Durchsetzung der „Strategien für 
Kreuzberg“ 
Das Projekt „Strategien für Kreuz- 
berg“ stieß zum Zeitpunkt seiner Pla- 
nung und Ausschreibung zwar in ein 
planerisches Vakuum, rief aber dennoch 
den Widerstand der „Sanierer‘ und 
„„Entwicklungsplaner‘“ beim Senator für 
Bau- und Wohnungswesen hervor. Dort 
galt das Gebiet um den Görlitzer Bahn- 
hof als dasjenige, das die gravierendsten 
Mißstände in ganz Berlin aufwies, und 
das Gebiet nördlich des Bahnhofs wur- 
de sogar als „Sanierungsverdachtsge- 
biet‘ in das 2. Stadterneuerungspro- 
gramm aufgenommen. Doch angesichts 
der knappen Finanzen des Landes Ber- 
lin blieb völlig offen, wann dieses Ge- 
biet Gegenstand von ‚‚Vorbereitenden 
Untersuchungen‘ nach dem StBauFG 
werden sollte, und das Quartier südlich 
des Bahnhofs, das kaum geringere Miß- 
stände aufweist, konnte erst gar nicht in 
das 2. Stadterneuerungsprogramm auf- 
genommen werden. 
Trotz dieser Lage waren die „Sanierer” 
und „Entwicklungsplaner”’ nicht bereit zu 
akzeptieren, daß der rapide Verfall des 
Gebietes dazu nötigte, nicht erst die Er- 
gebnisse langwieriger und schwieriger Pla- 
nungsprozesse abzuwarten. Um den Ver- 
fall zu stoppen, mußten Maßnahmen er- 
griffen werden, bevor die Ziele und Not- 
wendigkeiten der künftigen Sanierungs- 
und Stadtentwicklungsplanung nach regio- 
nalen und zeitlichen Prioritäten differen- 
ziert und aufeinander abgestimmt werden 
konnten. 
Obwohl die „Strategien für Kreuzberg” 
gegen den Widerstand der „,Sanierer’” und 
„Entwicklungsplaner’”” beim Bausenator 
politisch durchgesetzt werden konnten 
(die Initiatoren des Wettbewerbs fanden 
vor allem die Unterstützung der Kreuz- 
berger SPD), blieb der grundsätzliche Kon- 
flikt ungelöst. Auslober und Betreiber des 
Vorhabens gingen nach wie vor von zwei 
recht unterschiedlichen Zielsetzungen aus: 
Der Auslober sieht in den ‚Strategien 
für Kreuzberg” vor allem einen für ihn 
unverbindlichen Ideenwettbewerb, wäh- 
rend die Betreiber hier eine Chance se- 
hen, über die Entwicklung neuer Ideen zu 
einem Verbesserungskonzept zu kommen, 
das sich vom herkömmlichen Sanierungs- 
verfahren unterscheidet, das sich auch 
baulich-räumlich und nicht nur im sozia- 
len Bereich ausdrückt, wie es der Auslo- 
ber erwartete. 
Der Ausschreibungstext spiegelte die- 
sen ungelösten Konflikt wider. Der Auslo- 
ber, so wird dort formuliert, verzichtete 
bewußt „auf eine einheitliche Abstim- 
mung bei der Einschätzung des Gebietes’’ 
und unter den „‚Zielvorstellungen”” wur- 
den die ‚zum Teil.konträren Ziele und 
6“
	        

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