Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

sowie 8 Gruppen (Parteigruppen, Kirchenge- 
meinden, Schulklassen, Gemeinwesenarbeits- 
teams), insgesamt also etwa 300 Personen, 
hatten 129 Arbeiten als Wettbewerbsbeiträge 
eingereicht. 
Die Form der Arbeiten reichte vom. hand- 
geschriebenen Brief älterer Bürger aus dem 
Quartier bis zu ausführlichen Exzerpten wis- 
senschaftlicher Arbeiten von Studenten, vom 
Profi-Planentwurf bis zu Wandzeitungen von 
Bürgerinitiativen, 
Die Inhalte der Arbeiten konzentrierten 
sich auf folgende Bereiche: 
Bürgerbeteiligung 26% 
Städtebauliche Konzepte 17% 70% 
Bürgerbeteiligung und 
städtebauliche Konzepte 27% 
Detailvorschläge zu 
Einzelprojekten 25% 
Sonstige 8% 
Eine „Soziologie‘” der Teilnehmer wird 
durch die nur unvollständig vorliegenden 
persönlichen und beruflichen Daten erschwert. 
Die Zuordnung zu bestimmten Berufsgrup- 
pen ergibt dennoch eine gute Übersicht über 
die qualifikationsbezogene Teilnehmerstruktur: 
Architekten /Planer 
Sozialwiss./Sozialpäd. 
sonstige Wissensch, 
Andere 
Regionale Zuordnung: die meisten Teilneh- 
mer kamen aus Berlin (71%). Die Teilnehmer- 
quote des Quartiers SO 36 lag bei 12%. 
Berlin 
SO 36 12% 
Bin.-61 Kreuzberg 10% | 71% 
andere Bezirke 49% 
Westdeutschland 
19% 
Ausland 10% 
Die offene Ausschreibung des Wettbe- 
werbs war ein erster Schritt hin zu einer 
breiteren Beteiligung der Öffentlichkeit 
an Planungsproblemen, die Ausschreibung 
selbst jedoch war kaum geeignet, diesen 
Anspruch erfolgversprechend umzusetzen. 
Aufbau, Umfang und Stil der Ausschrei- 
bung waren fast nur dem Fachmann ver- 
ständlich und daher konnte sich die Er- 
Wartung, von Laien verwertbare Wettbe- 
werbsbeiträge zu erhalten, nicht erfüllen. 
Ein problemdeckender, umfassender Lö- 
SuNngsansatz, wie er nach dem in der Aus- 
schreibung vorgegebenen Kriterien- und 
Bewertungskatalog hätte erarbeitet wer- 
den Müssen, war von Laien nicht zu lei- 
sten. Der Zielkonflikt, einerseits inhalt- 
liche, praktikable, d.h. umsetzbare Lö- 
Sungsansätze geliefert zu bekommen 
Und andererseits der Wunsch nach einer 
regen Beteiligung breiter Bevölkerungs- 
kreise mit der entsprechenden Repräsen- 
tation auch im Spektrum der honorarwür- 
digen Arbeiten, blieb unauflösbar. 
Es ist unrealistisch anzunehmen, daß - 
VOM weitgehend uninformierten und un- 
geschulten Bürger Lösungsansätze erar- 
beitet werden können, die der Komplexi- 
tät eines Problems wie Kreuzberg SO 36 
gerecht werden könnten. Wenig überra- 
schend war es daher auch, daß sehr viele 
Arbeiten reine Wunschkataloge waren, 
deren Inhalte nur selten auf Sinnfällig- 
keit oder Durchführbarkeit hin unter- 
sucht und beschrieben waren. 
Es ist zu vermuten, daß ein Wettbe- 
werb als Abschluß und Erfolgskontrolle 
eines breit angelegten und wenigstens 
einige Monate dauernden Informations- 
programms mit einer genaueren Defini- 
tion der erwarteten Wettbewerbsbeiträge 
ein besseres Ergebnis zur Folge hätte. 
Dennoch war die offene Ausschreibung 
ein Erfolg, weil ein großer Teil der hono: 
rarwürdigen Arbeiten zwar nicht von Lai: 
en an sich, aber von Laien im Selbstver- 
ständnis des Auslobers, einer Bauverwal- 
tung, verfaßt worden waren. Arbeiten von 
Planern und Architekten wurden in der 
Beurteilung zwar zu Anfang relativ hoch 
eingestuft, schieden später jedoch meist 
wegen ihres übersteigerten Anspruchs an 
Lösungskompetenz schließlich aus. 
Schritte des Auswahlverfahrens 
Die Projektkommission stand bei der Aus- 
wahl der Arbeiten vor einem doppelten 
Problem. Sie sollte nicht nur in drei Mo- 
naten insgesamt 129 Arbeiten überprüfen 
und bewerten, sondern sie sollte auch das 
Auswahlverfahren und die Auswahlkrite- 
rien bestimmen, nach denen die besten 
Arbeiten herausaefiltert werden sollten. 
Prinzipien des Auswahlverfahrens 
Auf Vorschlag der Vorbereitungsgruppe 
entschloß sich die Projektkommission da- 
zu, zwei Kategorien von Arbeiten zu bil- 
den: 
Der Kategorie „nicht wettbewerbsfähig‘” 
wurden all jene Arbeiten zugeordnet, die 
im Vergleich mit den übrigen Arbeiten und 
mit den Wettbewerbsbedingungen für eine 
Auftragsvergabe in der zweiten Wettbewerbs 
phase nicht in Betracht kamen, Dies waren 
Arbeiten, die den spezifisch Kreuzberger 
Verhältnissen nicht gerecht zu werden ver- 
mochten, die die Rahmenbedingungen des 
Wettbewerbs sprengten (indem sie Flächen- 
sanierungen, die Änderung der Verfassung , 
den Abriß der Mauer 0.ä. vorschlugen), die 
keine klaren Ziele formulierten oder die 
Wege nicht zeigen konnten, auf denen die 
angegebenen Ziele erreicht werden sollten. 
Der Kategorie „grundsätzlich wettbewerbs- 
fähig’ wurden darauf jenen Arbeiten zuge- 
ordnet, die nach diesen mehr formalen Kri- 
terien nicht ausgeschieden werden konnten, 
Für die Auswahl der besten Vorschläge 
zur Revitalisierung von SO 36 wurden 
dann anhand der einzelnen Arbeiten Maß- 
stäbe entwickelt wie: die Bürgerbeteiligung 
dürfe sich nicht in Anwaltsplanung erschöp- 
fen, müsse projektgebunden und nicht nach 
schematischen Vertretungsmustern erfolgen; 
die Bürger seien nicht mit abstrakten Kon- 
zeptionen, sondern nur durch konkrete, 
ihre Lebensbedingungen unmittelbar betref- 
fende Projekte zur Mitarbeit zu motivieren 
USW. 
Damit gute Vorschläge, die aus Arbeiten 
stammten, die ausgeschieden werden 
mußten, nicht verloren gingen, wurde 
auf Vorschlag der Vorbereitungsgruppe 
die „‚Vorschlagsliste”” eingerichtet. Diese 
Liste guter Vorschläge sollte den Auf- 
tragnehmern der zweiten Wettbewerbs- 
phase übergeben werden. Damit wollte 
die Projektkommission insbesondere den 
meist nicht wettbewerbsfähigen Beiträ- 
gen von Bürgern aus dem Quartier selbst 
gerecht werden. 
Die Ausscheidungsrunde 
Das Auswahlverfahren war anfangs, 
WO es darum ging, die nicht wettbewerbs- 
fähigen Arbeiten auszuscheiden, vor allem 
von folgenden Problemen belastet: 
— Der Konflikt um die Feuerwache (vgl. 
unten) führte zu einem tiefen Miß- 
trauen zwischen Vertretern der Bürger 
und der Verwaltung in der Projekt- 
kommission. 
Die Bürger, aber auch die Verwaltung, 
für die diese Art von Wettbewerb ja 
auch neu war, mußten erst lernen, 
Wettbewerbsbeiträge zu lesen, zu ver- 
stehen und zu bewerten, die sich mit 
so speziellen Fragen wie Stadtplanung, 
Bürgerbeteiligung, Kommunalpolitik, 
Genossenschaftsrecht, Finanzierungs- 
alternativen für Modernisierung und 
Instandsetzung, Sozialarbeit usw. be- 
faßten. 
Die Projektkommission war dabei auf 
die Hilfe und den Rat der Vorprüfer 
(Vorbereitungsgruppe) angewiesen, de- 
nen insbesondere die Bürger in der Pro- 
jektkommission nicht trauten. Dieses 
Mißtrauen war nicht nur das Resultat 
der weitverbreiteten Abneigung gegen 
die Besserwisserei von Fachleuten und 
Akademikern, sondern auch das Resul- 
tat des Umstands, daß die Vorberei- 
tungsgruppe vom Auslober (d.h. der 
Verwaltung) honoriert wurde und der 
Unkenntnis der Bestimmungen der 
GRW über die Unabhängigkeit der Vor- 
prüfer. 
Während die Bürger in der Projektkommis- 
sion in der Auseinandersetzung um die 
Feuerwache schnell lernten, sich kritisch 
mit den Planungen der öffentlichen Hand | 
auseinanderzusetzen und so erste, zur 
Weiterarbeit motivierende Erfolgserlebnis- 
se hatten, schien es bei der Diskussion 
um die auszuscheidenden Wettbewerbs- 
beiträge lange so, als sollte das Auswahl- 
verfahren vor allem durch die Vorberei- 
tungsgruppe bestimmt werden. 
Die Vorbereitungsgruppe hatte in 
Kenntnis aller Arbeiten insgesamt 85 Ar- 
beiten für die Ausscheidungsrunde ausge- 
wählt und stellte diese, jeweils 20 in 
einer Sitzung, der Projektkommission zur 
Beurteilung vor. Dabei zeigte es sich, 
daß meist nur wenige Mitglieder der Pro- 
jektkommission die Gelegenheit genutzt 
AF
	        

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