Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

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Leon Labrouste. Biblioth&que Nationale. 1854 — 1875 
Erlebniswert auf der Bildung von Berei- 
chen und von Beziehungen im Inneren 
und nach außen beruht. Edgar Wisniews- 
ki: „Weder die Abgeschiedenheit in Kabi- 
nette und Säle, (aber) auch nicht die 
Zentralform eines kuppelgekrönten 
großen Lesesaales wird versucht, sondern 
die gleichberechtigte, in gegenseitigem 
Wechsel wirkende, einer Landschaft äh- 
nelnde Lesesaalstruktur.’”1 Es sind also 
nicht organisatorische Aspekte der Funk- 
tion, die im Vordergrund standen, son- 
dern die Idee einer großen Gemeinschaft 
von sich sonst spezialisierenden, sich 
gegenseitig abschließenden oder in einer 
Großform aufgereihten Individuen. Das 
Erlebnis einer Gemeinschaft,man möch- 
te beinahe sagen, einer Öffentlichkeit 
unter den Besuchern ist Scharouns Aus- 
gangspunkt für die Formfindung des 
Saales gewesen, das was er als das „,Hu- 
mane” bezeichnete, das bei ihm vor 
dem „Organisatorischen’’ gestanden 
habe. 
Das Programm für eine offene, an 
Gemeinschaft interessierte Gesellschaft 
haben die Architekten um Bruno Taut 
nach dem 1. Weltkrieg im „Volkshaus- 
gedanken” formuliert. Im Zentrum der 
Städte sollte es Bauten geben, die nur 
dem Vergnügen und dem Gemeinschafts- 
drange dienen sollten. Zum Vergnügen, 
als „die Erhebung über das Alltagsda- 
sein’, komme ‚‚der Wille, sich an der 
Gemeinschaft zu bilden und sich mit 
der Mitwelt eins, als Mensch unter Men- 
schen zu fühlen.”’2 Bei einer Bebauung 
der „‚Wiese”’ in Gelsenkirchen, 1920, 
als ein Zentrum mit Theater, Volks- 
haus und Kulthaus, sollte nach Scha- 
rouns Worten das Volkshaus dem „‚ge- 
meinschaftlichen Bildungsdrange” die- 
nen und der „‚Freundschaft Tempe!” 
seinS. In.seinem Entwurf dür das Hy- 
giene-Museum in Dresden, 1921, schlägt 
er einen kristallenen, „Dem Menschen” 
geweihten Zentralbau vor, in dem „ge- 
meinschaftliche, kosmische Gefühle” 
erwachen sollen. 
Scharouns Entwürfe für Kulturbau- 
ten enthalten Räume, die nicht eine or- 
ganisatorische Funktion haben, sondern 
gewisse ideale soziale Beziehungen und 
Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen sol- 
len. 
Im Werke Scharouns, besonders in den 
Ledigenhäusern der Vorkriegszeit, in den 
Schulen, Theatern und Konzerthäusern 
nach dem Kriege zieht sich dieser „‚Volks- 
hausgedanke” wie ein roter Faden durch. 
Jedes dieser Bauwerke ist eine Gelegen- 
heit, soziale (und visuelle) Beziehungen 
neu zu interpretieren; in dem er diese 
Beziehungen in den Vordergrund stellte, 
hat Scharoun Bautypen neu definiert. 
Das Wohnheim der Werkbundausstellung 
in Breslau 1929 wurde durch seine Lage 
in einer Ecke der Siedlung und durch 
den Einbau eines öffentlichen Restau- 
rants zum Treffpunkt der Siedlung. Bei 
der Darmstädter Volksschule, 1951, 
bringt eine Serie von kleinen, mittleren 
und großen Räumen jeden Schüler in 
eine Folge in sich definierter, verschie- 
dener Gruppen von der Teilklasse bis 
zur gesamten Schulgemeinschaft. 
Scharoun hat die Vorstellung einer 
sich selbst erlebenden, großen Gemein- 
schaft auch dann offenbar noch festhal- 
ten wollen, als man in der Staatsbiblio- 
thek die Zahl der Leser auf die Hälfte re- 
duziert hat. Die Zeit wird zeigen, ob 
Scharouns Utopie doch trägt. 
Vergleicht man die Staatsbibliothek 
mit der Pariser Nationalbibliothek von 
Labrouste (1854—75), so fällt auf, wie- 
viel Scharouns Bauwerk Freiraumele- 
mente, um nicht zu sagen, städtische 
Elemente aufgenommen sind. 
Dort betritt man den Lesesaal mit 
seinen leichten Kuppeln auf dünnen, 
gußeisernen Säulchen direkt vom schma- 
len Eingangsfoyer aus, achsial, nachdem 
man den Innenhof überquert hat, der 
von der Straße durch eine Toreinfahrt 
quer zur Eingangsachse getrennt ist. 
Das Foyer der Staatsbibliothek ist im 
Innenraum, was der Cour d’Honneur, der 
Innenhof, in der Pariser Nationalbiblio- 
thek ist — halböffentlicher Ort, von dem 
aus Lesesaal und Büroräume ersichtlich 
sind, Orientierung und Ort gelegentli- 
cher Begegnung; aber auch innerstädti- 
scher Platz ohne spezielle Funktion. 
Scharoun hat gerne seine Innenraum: 
folgen mit Vorstellungen aus der Stadt 
bezeichnet: „offener Bezirk’’ und „,ge- 
heimer Bezirk’ als Metapher für Markt- 
platz und Kirche, z.B. für die Klassenbe- 
reiche und die sie verbindende Halle in 
der Darmstädter Schule. Solche Polari- 
tät — aus der mittelalterlichen Stadt ent- 
lehnt4 — finden wir auch in der Philhar- 
monie: Foyer und Saal, doch nicht, wie 
in einer Stadt Markt und Kirche neben- 
einanderliegend, sondern mit verschobe: 
nen Achsen übereinandergestellt — eine 
Gelegenheit zugleich für die großartigen 
Treppen und Galerien. Was er als Prinzip 
in der mittelalterlichen Stadt entdeckt 
hat, mag genauso für den Aufbau der 
Raumgruppen der Bibliothek gelten: 
„Die gruppenweise Zusammenfassung 
(der Menschen in der Stadt) beruht im 
Bewußtsein des Beieinanderseins und in 
der Gemeinsamkeit schöpferischer Arbeit. 
Diesem menschlichen Aufbau entsprechen 
die räumlichen Zusammenfassungen der 
Straßenzüge und Plätze. Die Übergänge 
von Raum zu Raum sind — als Gelenk- 
punkte — reizvolle Vermittler.’’5 
Charakteristika, die seit Camillo Sitte 
der mittelalterlichen Stadt zugesprochen 
werden, finden wir ebenso bei Scharoun: 
unregelmäßige Wandzüge, platzartige 
Räume, deren freie Mitte durch die Zu- 
gänge in den Ecken gebildet wird, Gelenk- 
punkte, die hier als Treppen die Raum- 
folge zu einer Höhenentwicklung stei- 
gern.6 
Der sachliche, direkte Zugang der Pari- 
ser Bibliothek wurde bei Scharoun in 
einer eng-weit, dunkel hell, von unten 
nach oben aufsteigenden Raumfolge 
dramatisiert. 
Genauso wie sozial-utopische Ideen 
der 20er Jahre im Lesesaal wieder auftau- 
chen, hat Scharoun in der Raumfolge 
Vorstellungen bewahrt, die in seinen 
Aquarellen der Kriegszeit als Visionen 
erscheinen: riesige, oft zelt- oder schleier 
artig überspannte Räume mit enormen 
Treppenanlagen, die die Besucher in die 
auf Hügeln zu liegen scheinenden Hallen 
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