Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

tisierten Innenbereichen eine weit dar- 
über hinausgehende Bedeutung. In den 
USA läuft diese Umdefinierung der 
City über rücksichtslose private Bauspe- 
kulation, als Verlagerung der im Um- 
land verstreuten Einkaufspaläste in 
die alte City. In Europa fehlen dazu die 
sozialen und stadtgeographischen Vor- 
aussetzungen. Aber das Centre Pompi- 
dou wie das Berliner Kongreßzentrum — 
bei allen Funktions- und Qualitätsdiffe- 
renzen zuungunsten des Berliner Alu- 
minium-Sauriers — bieten doch in ver- 
gleichbarer Weise kulturelle Zentrierun- 
gen an, die das, was sie an gerade noch 
vorhandener eigener Kultur der Sanie- 
rungsviertel zu zerstören mithelfen, in 
voragefertiater Form ersetzen. 
In solchen Anlagen hat die Techno- 
logie eine doppelte Aufgabe: zum ei- 
nen, die Tragekonstruktion zu erstellen, 
zum andern, sich soweit ästhetisch dar- 
zustellen, daß eine attraktive Massen- 
form entsteht, die bei Benutzung wider- 
spruchslos in Teilangebote zerfällt. Sol- 
che Gebäude sind Vorgriffe: bevor sich 
— angesichts der entgegenstehenden 
Schwierigkeiten — individuelle Bedürf- 
nisse zu einer vergleichbaren Komplexi- 
tät bündeln können, wird ein Angebot 
gemacht, das die eigentlich progressive 
Trennung von Ingenieurbau und Ästhe- 
tik als staatliches Regiemodell kontrol- 
liert (so wie in den USA — siehe San 
Franciscos Embarcadero-Center — als 
privates in der Hand von Hotelketten 
oder anderer großer Kapitale). Massen- 
tätigkeit wird zur Gebäudeeigenschaft, 
zu einer attraktiven Folie. In dieser Mas- 
senästhetik von oben erstickt gerade der 
sich mühsam aus langer Erstarrung re- 
gende Wille nach Selbsttätigkeit bereits 
wieder im Keime, mitten in der Illusion 
befriediat zu werden. 
Technische und ästhetische Praxis: wer, 
wie, wo? 
Es wäre nun schön, wenn man dem Mo- 
dell der Massenästhetik von oben Ver- 
hältnisse entgegensetzen könnte, in de- 
nen technische und ästhetische Kompe- 
tenz sinnfällig zusammenkämen. Aber 
die Trennung von Technologie und 
Ästhetik ist das Realitätsprinzip, mit dem 
sich alle Versuche der Gegenwehr her- 
umschlagen müssen. Der Zwang dazu 
steckt schon in der Zugänglichkeit nur 
bestimmter Baustrukturen und der 
Nichtzugänglichkeit der Herstellungs- 
und Entwurfsprozesse. In den vorhan- 
denen Lücken von Pilotprojekten, 
Kleinaufträgen oder Umnutzungen im 
Zusammenhang von Bürgerinitiativen 
oder ähnlicher Zusammenschlüsse gibt 
es, soweit ich sehe, nur zwei Möglich- 
keiten: zu basteln mit den als Abfall 
erreichbaren oder billig auf dem Markt 
erstehbaren vorgefertigten Elementen, 
gleich welchen Materials und technolo- 
gischen Niveaus, oder eine Art negati- 
ver Technologie zu entwickeln, die in 
der konsequenten räumlichen Ausformu- 
lierung von Lebensverhältnissen die feh- 
lende technologische Beweglichkeit 
privativ ausdrückt. 
Ich sehe zwischen beiden Möglich- 
keiten keine prinzipielle Entscheidung. 
Natürlich kann man aus dem Basteln 
eine reaktionäre Ideologie machen, die 
mit dem technischen Material wie mit 
einer zweiten Natur umgeht, die man 
einfach vorfindet und die einen, außer 
daß sie irgendwo reinpaßt, nichts an- 
geht, wo also der Herstellungsprozeß 
ausgegrenzt und dämonisiert wird. Aber 
in einer Situation aufgezwungener Re- 
duktion muß man die Bastel-Haltung 
in vielen Situationen sicherlich als beste 
Möglichkeit annehmen, während ande- 
re Probleme eine Reichweite haben, die 
sich über Fundsachen nicht areifen läßt. 
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