Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

ihren Gott geschieht im gemeinsamen Ge- 
bet in der Moschee, nachdem sie sich ri- 
tuell vom Kontakt mit Schmutz und 
fremden Körpersäften gereinigt haben. 
In ähnlicher Weise hat die Beschneidung 
an ihnen entfernt, was ihre männliche Na- 
tur mit Weiblichem kontaminierte. Beide 
Reinigungen befähigen den Mann erst 
zum Gebet. 
Ein Blick auf die Situation im Kaffee- 
haus, an der ich die Grundzüge des Ver- 
haltens der Männder außerhalb des reli- 
giösen Kontexts zusammenfassen möch- 
te, zeigt, daß ihr Umgang nicht nur einer 
von Gleichen und Einzelnen ist: Die Sitz- 
folge, die Reihenfolge der Begrüßungen, 
die Ausführlichkeit der Gespräche, auch 
die Hartnäckigkeit, mit der auf Argumen- 
ten bestanden wird, reflektieren ein kom- 
plexes Gefüge von Prestige — seref —, das 
jeder dem Grundstock seiner familienbe- 
zogenen Ehre — namuz — hinzuzufügen 
bestrebt ist. Die Kriterien für die Bewer- 
tung von Prestige sind vielfältig und 
schließen Reichtum, Großzügigkeit ge- 
genüber Gästen und Klienten, Redege- 
wandtheit, religiöse und säkulare Bildung 
und Einfluß bei der Bürokratie ein. Wirt- 
schaftliche Transaktionen und politische 
Koalitionen sind von ihnen bestimmt. 
Prestige kann aber nicht durch gewisse 
Handlungen einfach erworben werden, 
es hängt gänzlich von seiner Einschätzung 
durch andere ab. Gerüchte und Klatsch 
sind daher wirkungsvolle Waffen bei der 
Bildung von dorfpolitischen Bündnissen, 
die einzelne Männer ad hoc oder dauer- 
haft eingehen. Dabei können neben dem 
Prestige auch verwandtschaftliche Bin- 
dungen, Allianzen mit Schwägern, Paten- 
schaften und Nachbarschaft bedeutsam 
werden. Gerade die Bedeutung verwandt- 
schaftlicher Beziehungen zu Brüdern, 
Cousins oder entfernteren Angehörigen 
der eigenen Verwandtschaftsgruppe, 
etwa bei Blutfehden, wirtschaftlicher 
Kooperation oder der Konkurrenz um po- 
litische Dorfämter, variiert innerhalb Ana- 
toliens sehr stark. Lokale Normen in die- 
ser Hinsicht werden aber leicht durch die 
individuellen, materiellen oder symboli- 
schen Interessen der einzelnen Männer 
konterkariert. Ihr dominanter Verhaltens- 
zug untereinander ist gegenseitige Ab- 
grenzung und die Betonung ihrer Indivi- 
dualität. Dem entspricht ein auch in ana- 
tolischen Städten zu bemerkendes Fehlen 
von dauerhafter Kooperation und von 
kommunalen Organisationsformen. Koali- 
tionen sind vornehmlich von augenblick- 
lichen Interessen bestimmt, die sich im 
Laufe der Zeit ändern können, und da- 
her eher instabil, zumal jeder einzelne 
Mann in der Regel über ein weitgefächer- 
tes Netz persönlicher Beziehungen, auch 
in andere Dörfer, verfügt, das jederzeit 
noch erweitert und ergänzt werden kann. 
Die Sphäre der öffentlichen Interak- 
tionen unter den Männern, also der wirt- 
schaftlichen Transaktionen, dorfpoliti- 
schen Bündnissen und von der Arbeit ab 
gelösten Unterhaltungen, als deren idea- 
len Ort ich das Kaffeehaus ausmachte, 
kann aber auch in Häuser einzelner Be- 
teiligter hineingetragen werden. Das 
Gastzimmer oder der häusliche Wohn- 
raum wird dann durch die Abwesenheit 
der Frauen oder jedenfalls durch ihre 
stille Zurückhaltung in einen öffentli- 
chen Raum des Hauses verwandelt. 
DIE FELDER 
Insofern der Großteil der Arbeitstätig- 
keit der Männer in der unmittelbaren 
Bearbeitung der Natur besteht, wird 
die Arbeit vornehmlich vom Bereich 
der innerdörflichen Interatkion unter 
den Männern geleistet. Die Männer ar- 
beiten einzeln oder zusammen mit an- 
deren männlichen Familienmitgliedern 
zu denen auf dem Höhepunkt der Ar- 
beitsperiode Frauen hinzutreten, auf 
ihren eigenen oder gepachteten Feldern. 
Diese Tätigkeit isoliert sie zeitweise von 
der Männergesellschaft, verbindet die 
Feldarbeit mit denhäuslichen Arbeiten 
der Frauen und stellt überhaupt in wirt 
schaftlicher Hinsicht die Einheit des 
Hauses als Produktions- und Konsum- 
gemeinschaft her. Dabei sind die Tätig- 
keiten der Männer, ihrem Aspekt der 
Naturbearbeitung entsprechend, stärker 
als die der Frauen saisonal bedingt. Ihre 
Tätigkeiten sınd weniger repetitiv und 
treten nicht ständig erneut auf, sondern 
sind nach einer Phase oft extremer An- 
strengung abgeschlossen. Diese perio- 
disch auftretenden Arbeitsbelastungen 
wechseln mit Phasen der Muße: hier liegt 
der Grund der bei Männern im Vergleich 
zu Frauen deutlicheren Trennung von 
Arbeit auf der einen, Interaktion mit 
Bewohnern benachbarter Häuser auf der 
anderen Seite. 
Die Kernbereiche der geschlechtsspe- 
zifischen Arbeitsteilung — Hausarbeit 
und Feldarbeit — bleiben auch dann re- 
lativ intakt, wenn technisch bedingte 
Veränderungen, etwa durch Mechanisie- 
rung, den notwendigen Arbeitsaufwand 
in einem der Bereiche verändern. Doch 
scheint es, daß die Zwischenzone von 
technischen Erfordernissen pragmatisch 
wahlweise von dem einen oder anderen 
Geschlecht vollführten Arbeiten — Tiere 
tränken, Stall ausmisten, Erntearbeiten, 
Dreschen — umstandsloser von Frauen 
ausgefüllt wird. Lediglich das Weiden der 
Tiere fern vom Dorf und das Pflügen 
sind unumschränkte Domäne der Män- 
ner, die umgekehrt gewiß nicht daran 
dächten, zu backen, zu melken oder zu 
kochen. Daher bleiben auch Witwer zeit 
ihres Lebens zur Ehe verurteilt, während 
alte alleinstehende Frauen ihren Lebens- 
unterhalt durch Natural- oder Geldzu- 
schüsse von Verwandten bestreiten kön- 
nen. 
Interne, aber insgesamt säkulare Ver- 
änderungen in der Wirtschaftseinheit 
Haus und Land bedingen auch die Ar- 
beitsemigration. Vor allem das Bevölke- 
rungswachstum, die durch Parzellierung 
bei der Vererbung verkleinerten Besitz- 
flächen, die wegen der Erosion sinkenen 
Ernteerträge, die zunehmende Abhängig 
keit von der sich ausdehnenden Sphäre 
der Warenzirkulation beim Kauf von 
Konsumgütern und dem Verkauf land- 
wirtschaftlicher Produkte und die häu- 
fiq daraus resultierende Verschuldung 
sind dabei die entscheidenden Faktoren. 
Die Entscheidung zur Emigration wird 
individuell auf der Haushaltsebene ge- 
fällt. 
In diesem Zusammenhang ist bezeich- 
nend, daß das gewohnheitsrechtliche Prin- 
zip der gleichen Erbteilung unter den 
Söhnen mitunter in der Weise aufrechter- 
halten bleibt, daß die Summe der Pro- 
duktionskräfte und ökonomischen 
Chancen aller Mitglieder in Betracht ge- 
zogen wird und dabei der städtische Ar- 
beitsplatz eines Sohnes als Entschädi- 
gung für seinen Erbanteil an Land oder 
die Krankenschwesterausbildung einer 
Tochter als Ersatz für ihre Mitgift gese- 
hen werden. Allerdings sind in der 
Perspektive des staatlichen Rechts; das 
ein Erbrecht der Kinder beiderlei Ge- 
schlechts bloß am Familienbesitz vor- 
sieht, solche Erwägungen natürlich ge- 
genstandslos. Daher kann das staatliche 
Recht in Erbstreitigkeiten unter Ver- 
wandten als Instrument der Auseinan- 
dersetzung herhalten. 
DIE STADT 
Die Sanktionierung von Eigentumstiteln 
c'urch den Staat, sein Anspruch auf die 
Erhebung von Steuern und sein Strafan- 
spruch lassen die Lebenswelt der Bauern 
als schon immer mit staatlichen Institu- 
tionen verknüpft erscheinen. Hier, wie 
auf dem Güter- und Arbeitsmarkt treten 
sie als Repräsentanten ihrer Familie und 
gegebenenfalls als juristische Gegner oder 
wirtschaftliche Konkurrenten anderer 
Männer auf. Wir haben aber auch schon 
bemerkt, daß der Zugang zur Bürokratie 
und die Geschicklichkeit im Umgang mit 
ihr auch Kriterien des innerdörflichen 
Prestigegefüges sind und etwa bei der Wahl 
eines Dorfvorstehers ausschlaggebend’ 
sein können. 
Der Kauf von Produkten auf dem Markt 
ist als Domäne der Männer gleichsam eine 
Fortführung ihrer Feldarbeit, durch die 
sie verarbeitbare Produkte ins Haus brin- 
gen. Zugleich wird dadurch das immer 
prekäre Heraustreten der Frauen aus 
ihrem hauptsächlichen Arbeits- und Le- 
bensbereich, dem Haus und der Nachbar- 
schaft, vermieden. Wie prekär dieses 
Heraustreten ist, wird an den elaborier- 
ten Schutzmaßnahmen ersichtlich, die 
Männer wie Frauen gleichermaßen er- 
greifen, um Frauen und Töchter sicher 
zu den Orten unentbehrlicher städtischer 
Dienstleistungen, dem Arzt oder einer 
Schule, zu geleiten. „ 
Die Stadt als Ausdehnung des von 
Männern bestimmten politisch-rechtli- 
chen und religiösen Bereichs des Dorfle- 
bens ist dabei intern entlang von Linien 
aufgeteilt, die durch die verschiedene re- 
gionale, ethnische, religiöse oder politi- 
sche Zugehörigkeit ihrer Bewohner oder 
Besucher sich ergeben. Die Männer kau- 
fen etwa bevorzugt bei ehemaligen Dorf 
angehörigen und führen Gespräche und 
Verhandlungen eher mit Männern ihrer 
politischen oder religiösen Richtung. In 
größeren Städten bilden sich dabei um- 
fassendere regionale, ethnische oder reli- 
giös-politische Subkulturen. in denen das
	        

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