Roland Günter/Janne Günter. Mitarbeit: Horst Heinicke
Wohnumfeld-Verbesserung
Ein Katalog von Elementen sozialer Öffentlichkeit
I. SOZIALE DIFFERENZIERUNG
VERFÜGUNG
Architektur dient dem Lebensprozeß der
Gesellschaft. Will die Gesellschaft sich
entwickeln, muß sie auch ihre gebaute
Umwelt, d.h. ihre Architektur entwickeln.
Die Architektur ermöglicht oder verhindert
Beziehungen der Menschen zueinander.
Man kann schließlich an ihrem
Zustand ablesen, wie diese Beziehungen
aussehen.
1. Fall: Wenn Menschen selbstbestimmte
Verfügungsmöglichkeiten haben,
können sie sich für ihre Tätigkeiten Formen
schaffen: Räume, Gehäuse oder Objekte.
In diesem Fall schaffen ihre Bedürfnisse
die Architektur.
2. Fall: Wenn Menschen über Menschen
verfügen, dann schaffen die einen
die Gehäuse für das Leben der anderen.
Meist setzen die Verfügenden ihre Interessen
über die Bedürfnisse der Verfügten.
Es dominiert das Interesse, möglichst
viel Gewinn aus dem Bau, der Vermietung
oder dem Verkauf der Gehäuse zu
ziehen.
Zwischen diesen beiden Situationen
bewegen sich die Auseinandersetzungen
in der Wohnungsfrage.
Wenn die Verfügten sich zusammentun,
wenn sie Einfluß gewinnen, dann
können sie den Verfügenden Zugeständnisse
oder vielleicht sogar die Verfügung
abzwingen.
Dieser Kampf spiegelt sich in der Geschichte
der langen Auseinandersetzungen
um Stadtplanungs- und Wohnungsgesetze
sowie um die Praxis ihrer Anwendung.
RAHMENBEDINGUNGEN
Rahmenbedingungen
® verhindern
8 oder ermöglichen, daß sozialorientierte
Räume und Objekte entstehen.
® Dies geschieht in jeweils spezifischer
Weise.
Andere Autoren erörtern im vorliegenden
Heft dieser Zeitschrift die Rahmenbedingungen
in ausführlicher Weise. Wir
verweisen darauf, daß ARCH+ in den
letzten Jahren umfangreiche Diskussionen
darüber gefördert hat. Daher gehen
wir an dieser Stelle nicht weiter auf sie
ein.
Wir möchten lediglich auf ein ungelöstes
Problem hinweisen, das uns wichtig
erscheint, aber in diesem Heft nicht näher
dargestellt werden kann: auf die spezifische
Weise, in der Rahmenbedingungen
die konkreten Räume und Objekte
beeinflussen. Dies ist ein in mehrerer
Hinsicht komplizierter Vorgang:
Wie entstehen Räume und Objekte
überhaupt?
In welcher Weise manifestieren sich
Rahmenbedingungen in ihnen: in ihrer
mit mehreren Sinnen faßbaren anschaulichen
Gestalt?
Was ist offen erkennbar und was kann
nur durch Vorwissen erschlossen
werden? 1
Hinzu kommt die Frage, wie Rahmenbedingungen
die Aneignung in Nutzung
und Wahrnehmung bestimmen.
Was geschieht, wenn sie sich verändern?
Wie verändert sich dann die Aneignung?
ES
A
1)
Zu diesem Problem: Roland Günter, Anschaubare
Geschichte einer Industriegesellschaft
— wozu? In: Eckhard Siepmann
(Herausgeber), Kunst und Alltag um 1900,
Drittes Jahrbuch des Werkbund-Archivs,
(Anabas) Lahn-Giessen 1978, S. 329/335
(Untersuchung dieser Fragen am Beispiel
der Veränderung von Zechentürmen im
Ruhrgebiet).
SOZIALKULTURELLE UNTERSCHEI-DUNGEN
Die Kritik am Wohnungsbau und an Sanierungsmaßnahmen
in den letzten 15
Jahren entzündete sich — abgesehen von
der Kritik an der Kapitalverwertung —
vor allem an der mangelnden Berücksichtigung
der sozialkulturellen Differenzierung
der Bedürfnisse.
Diese Reduktion entsprach nicht nur
der subjektiven Denkfaulheit von Experten,
sondern auch der materiellen Abhängigkeit
von ihren Auftraggebern; sie rechtfertigen
dadurch die Reduktion des Wohnungsbaues
auf eingeschränkte Standards
bzw. bereiteten sie planerisch vor und begleiteten
sie.
Betroffene und kritische Experten
brachten die Forschung im Bereich der
sozialkulturellen Differenzierung der Bedürfnisse
inzwischen erheblich weiter. 1
Wir nehmen eine Anzahl Unterscheidungen
vor:
1) Die „proletarische”, d.h. die „‚soziale
Öffentlichkeit” sieht anders aus als
die „bürgerliche”, d.h. die tendenziell
eingeschränkte und dadurch „,unsoziale
Öffentlichkeit’ (wir gehen darauf
weiter unten näher ein).
Unter soziologischen Gesichtspunkten
unterscheidet man nach schichtenspezifischen
Merkmalen zwischen Oberschicht,
Mittelschicht, Unterschicht2
und als Besonderheiten Randgruppen
und Subkulturen, die Zusammenhang
mit jeder der drei Schichten haben
können.
Die einzelnen Schichten besitzen weitere
Unterschiede. Sie differenzieren sich
in obere. mittlere und untere Mittelschicht
(gehobenes, mittleres und
Kleinbürgertum). Die Unterschicht
hat unterschiedliche Bereiche der Arbeiter
und das „,‚Lumpenproletariat”.
Ferner sind Altersgruppen unterscheid.
bar, die bestimmte spezifische Bedürfnisse
haben. Diese Differenzierung
wurde im Massenwohnungsbau bislang
fast durchweg in grotesker Weise ignoriert.
Die Folgen, vor allem für Kinder,
Jugendliche, Hausfrauen und alte
Leute sind bekannt („‚zu wenig Auslauf”,
„keine Freiheit’’, „‚mangelnde
Erfahrungsmöglichkeiten”, „„Kontaktarmut”
u.a.).
Erst die Entwicklung dialektischen
Denkens ermöglicht es, den Zusammenhang
zu erkennen, daß die spezifischen
Anforderungen der Arbeitswelt
spezifische Möglichkeiten der
Wohnumwelt beanspruchen — zum
Beispiel bei Schichtarbeitern, emissionsbetroffenen
Arbeitern, Fließband-Arbeitern,
Nervenstreß-Betroffenen
(u.a. Lehrern), Beschäftigten mit Bewegungsarmut
(u.a. Angestellte in
Büros).
6ff) Hinzu kommen weitere Unterscheidungen:
— spezielle Gruppierungen,
— regionale Traditionen,
— lokale Traditionen,
gewachsene Zusammenhänge unterschiedlicher
Art.
1) Erste Untersuchung in der BRD: Thomas
Rommelspacher, (Altstadt) Unna 1966—
1973: Stadtbauwelt 37; Bauwelt 64, 1972.
Nr. 12,5. 37.
Die Begrifflichkeit entstammt der Herrschaftssprache,
Sie beinhaltet in der Regel
deren Bewertungen. Fortschrittliche Sozialwissenschaftler
haben in der Zukunft die
Aufgabe, für die realen Sachverhalte, die
sich nur teilweise unter dem Gesichtspunkt
der Beherrschung darstellen, andere Begriffe
zu entwickeln
GEBRAUCHSWERTE IM MASSEN-WOHNUNGSBAU
Die Städte, die seit der Industrialisierung
entstanden, stellten für die breite Bevölkerung
nur ein Minimum an Lebensqualitäten
bereit. Denn: Die kapitalistischen
Industrien konzentrierten die Produktion
an wenigen Orten, holten rasch Menschen
heran, indem sie sie aus den hinter den
Industriegebieten absinkenden und verarmenden
Landgebieten herauslockten.
Ähnlich wie in Kolonien wurde in den
großen Industriestädten mit größter
Schnelligkeit spekulativer Wohnungsbau
errichtet — oft einzig der Devise folgend:
Länge mal Breite mal Geld.
Ausnahme: Wo es besonders schwierig
war, Arbeiter anzuwerben, z.B. für
den sehr harten Berabau, mußten die In-26