Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Roland Günter/Janne Günter. Mitarbeit: Horst Heinicke

Wohnumfeld-Verbesserung

Ein Katalog von Elementen sozialer Öffentlichkeit

I. SOZIALE DIFFERENZIERUNG

VERFÜGUNG

Architektur dient dem Lebensprozeß der
Gesellschaft. Will die Gesellschaft sich
entwickeln, muß sie auch ihre gebaute
Umwelt, d.h. ihre Architektur entwickeln.

Die Architektur ermöglicht oder verhindert
 Beziehungen der Menschen zueinander.
 Man kann schließlich an ihrem
Zustand ablesen, wie diese Beziehungen
aussehen.
1. Fall: Wenn Menschen selbstbestimmte
 Verfügungsmöglichkeiten haben,
können sie sich für ihre Tätigkeiten Formen
 schaffen: Räume, Gehäuse oder Objekte.
 In diesem Fall schaffen ihre Bedürfnisse
 die Architektur.
2. Fall: Wenn Menschen über Menschen
 verfügen, dann schaffen die einen
die Gehäuse für das Leben der anderen.
Meist setzen die Verfügenden ihre Interessen
 über die Bedürfnisse der Verfügten.
Es dominiert das Interesse, möglichst
viel Gewinn aus dem Bau, der Vermietung
 oder dem Verkauf der Gehäuse zu
ziehen.
Zwischen diesen beiden Situationen
bewegen sich die Auseinandersetzungen
in der Wohnungsfrage.
Wenn die Verfügten sich zusammentun,
 wenn sie Einfluß gewinnen, dann
können sie den Verfügenden Zugeständnisse
 oder vielleicht sogar die Verfügung
abzwingen.
Dieser Kampf spiegelt sich in der Geschichte
 der langen Auseinandersetzungen
 um Stadtplanungs- und Wohnungsgesetze
 sowie um die Praxis ihrer Anwendung.


RAHMENBEDINGUNGEN
Rahmenbedingungen
® verhindern
8 oder ermöglichen, daß sozialorientierte
 Räume und Objekte entstehen.
® Dies geschieht in jeweils spezifischer
Weise.
Andere Autoren erörtern im vorliegenden
 Heft dieser Zeitschrift die Rahmenbedingungen
 in ausführlicher Weise. Wir
verweisen darauf, daß ARCH+ in den
letzten Jahren umfangreiche Diskussionen
 darüber gefördert hat. Daher gehen
wir an dieser Stelle nicht weiter auf sie
ein.
Wir möchten lediglich auf ein ungelöstes
 Problem hinweisen, das uns wichtig
erscheint, aber in diesem Heft nicht näher
 dargestellt werden kann: auf die spezifische
 Weise, in der Rahmenbedingungen
 die konkreten Räume und Objekte
beeinflussen. Dies ist ein in mehrerer
Hinsicht komplizierter Vorgang:

Wie entstehen Räume und Objekte
überhaupt?
In welcher Weise manifestieren sich
Rahmenbedingungen in ihnen: in ihrer
 mit mehreren Sinnen faßbaren anschaulichen
 Gestalt?
Was ist offen erkennbar und was kann
nur durch Vorwissen erschlossen
werden? 1
Hinzu kommt die Frage, wie Rahmenbedingungen
 die Aneignung in Nutzung
 und Wahrnehmung bestimmen.
Was geschieht, wenn sie sich verändern?
 Wie verändert sich dann die Aneignung?


ES
A

1)

Zu diesem Problem: Roland Günter, Anschaubare
 Geschichte einer Industriegesellschaft
 — wozu? In: Eckhard Siepmann
(Herausgeber), Kunst und Alltag um 1900,
Drittes Jahrbuch des Werkbund-Archivs,
(Anabas) Lahn-Giessen 1978, S. 329/335
(Untersuchung dieser Fragen am Beispiel
der Veränderung von Zechentürmen im
Ruhrgebiet).

SOZIALKULTURELLE UNTERSCHEI-DUNGEN


Die Kritik am Wohnungsbau und an Sanierungsmaßnahmen
 in den letzten 15
Jahren entzündete sich — abgesehen von
der Kritik an der Kapitalverwertung —
vor allem an der mangelnden Berücksichtigung
 der sozialkulturellen Differenzierung
 der Bedürfnisse.
Diese Reduktion entsprach nicht nur
der subjektiven Denkfaulheit von Experten,
 sondern auch der materiellen Abhängigkeit
 von ihren Auftraggebern; sie rechtfertigen
 dadurch die Reduktion des Wohnungsbaues
 auf eingeschränkte Standards
bzw. bereiteten sie planerisch vor und begleiteten
 sie.
Betroffene und kritische Experten
brachten die Forschung im Bereich der
sozialkulturellen Differenzierung der Bedürfnisse
 inzwischen erheblich weiter. 1
Wir nehmen eine Anzahl Unterscheidungen
 vor:
1) Die „proletarische”, d.h. die „‚soziale
Öffentlichkeit” sieht anders aus als
die „bürgerliche”, d.h. die tendenziell
eingeschränkte und dadurch „,unsoziale
 Öffentlichkeit’ (wir gehen darauf
weiter unten näher ein).
Unter soziologischen Gesichtspunkten
unterscheidet man nach schichtenspezifischen
 Merkmalen zwischen Oberschicht,
 Mittelschicht, Unterschicht2
und als Besonderheiten Randgruppen
und Subkulturen, die Zusammenhang
mit jeder der drei Schichten haben
können.
Die einzelnen Schichten besitzen weitere
 Unterschiede. Sie differenzieren sich
in obere. mittlere und untere Mittelschicht

 (gehobenes, mittleres und
Kleinbürgertum). Die Unterschicht
hat unterschiedliche Bereiche der Arbeiter
 und das „,‚Lumpenproletariat”.
Ferner sind Altersgruppen unterscheid.
bar, die bestimmte spezifische Bedürfnisse
 haben. Diese Differenzierung
wurde im Massenwohnungsbau bislang
fast durchweg in grotesker Weise ignoriert.
 Die Folgen, vor allem für Kinder,
Jugendliche, Hausfrauen und alte
Leute sind bekannt („‚zu wenig Auslauf”,
 „keine Freiheit’’, „‚mangelnde
Erfahrungsmöglichkeiten”, „„Kontaktarmut”
 u.a.).
Erst die Entwicklung dialektischen
Denkens ermöglicht es, den Zusammenhang
 zu erkennen, daß die spezifischen
 Anforderungen der Arbeitswelt
 spezifische Möglichkeiten der
Wohnumwelt beanspruchen — zum
Beispiel bei Schichtarbeitern, emissionsbetroffenen
 Arbeitern, Fließband-Arbeitern,
 Nervenstreß-Betroffenen
(u.a. Lehrern), Beschäftigten mit Bewegungsarmut
 (u.a. Angestellte in
Büros).
6ff) Hinzu kommen weitere Unterscheidungen:

— spezielle Gruppierungen,
— regionale Traditionen,
— lokale Traditionen,
gewachsene Zusammenhänge unterschiedlicher
 Art.

1) Erste Untersuchung in der BRD: Thomas
Rommelspacher, (Altstadt) Unna 1966—
1973: Stadtbauwelt 37; Bauwelt 64, 1972.
Nr. 12,5. 37.
Die Begrifflichkeit entstammt der Herrschaftssprache,
 Sie beinhaltet in der Regel
deren Bewertungen. Fortschrittliche Sozialwissenschaftler
 haben in der Zukunft die
Aufgabe, für die realen Sachverhalte, die
sich nur teilweise unter dem Gesichtspunkt
der Beherrschung darstellen, andere Begriffe
zu entwickeln

GEBRAUCHSWERTE IM MASSEN-WOHNUNGSBAU


Die Städte, die seit der Industrialisierung
entstanden, stellten für die breite Bevölkerung
 nur ein Minimum an Lebensqualitäten
 bereit. Denn: Die kapitalistischen
Industrien konzentrierten die Produktion
an wenigen Orten, holten rasch Menschen
heran, indem sie sie aus den hinter den
Industriegebieten absinkenden und verarmenden
 Landgebieten herauslockten.
Ähnlich wie in Kolonien wurde in den
großen Industriestädten mit größter
Schnelligkeit spekulativer Wohnungsbau
errichtet — oft einzig der Devise folgend:
Länge mal Breite mal Geld.
Ausnahme: Wo es besonders schwierig
 war, Arbeiter anzuwerben, z.B. für
den sehr harten Berabau, mußten die In-26


            
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