Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

A C 
f Satire 
Kein schöner Land 
in dieser Zeit ... 
Erfindung des „Stadthauses“ 
Kanzler und Wohnungsminister beim 
Privatissimum. Helmut zu Dieter: 
„Deine Etat-Erhöhung ist nicht drin. 
Die Republik hat wichtigere Aufga- 
ben: die nächste Serie Abwehr- 
Kampfflugzeuge ist fällig. Mit ganz 
neuer elektronischer Ausstattung.” 
Der Kanzler gerät ins Meditie- 
ren: „Wunderwerke. Perfekt. Mein 
Urgroßvater selig hätte geblaubt, 
wenn er sie sehen könnte, der hei- 
lige Geist sei da tätig gewesen.” 
Der Wohnungsbau-Minister 
nickt: „Aber was mache ich denn? ” 
„Das ist dein Bier, wozu bist du 
Minister! Laß dir was einfallen, was 
kein Geld kostet!” 
„Das hat mein Vorgänger ständig 
machen müssen, ich dachte, das 
hört endlich auf.” 
Der Kanzler wird böse: „Du bist 
doch kein Dilettant. Was meinst du, 
warum ich dich als Minister geholt 
habe, doch nicht, damit du Geld 
verbrätst.” 
Der Minister fährt zusammen: 
„In Gottes Namen.” 
Der Kanzler mosert: „Willy hat 
uns das eingebrockt ...” 
„Was? ” 
„-.. daß die Leute begehrlich ge- 
worden sind. Der alte Krupp hat 
schon gesagt ... ach nee, vergiß das 
mit dem alten Krupp; das hat er der 
Sozialdemokratie vorgeworfen ...” 
„Was? ” 
„... daß die Leute begehrlich 
werden.” 
Pause. Der Kanzler scharf: „Also, 
Dieter, machs so gut wie der Karl 
vor dir — setz ein kluges Gesicht 
auf, häng den Minister raus und sag 
den Leuten was, was uns nichts 
kostet. Wir haben doch schon ne 
Menge von dem Zeug gehabt, was 
wir als Neuheit, als sozialdemokra- 
tische Erfindung, als Fortschritt, 
meinetwegen auch als Menschheits- 
beglückung verkauft haben — „Attrak 
tivität der Innenstadt”, „Stadtbild”, 
„Urbanität”, „Modernisierung” — 
Junge, dir fällt schon ein Spruch 
ein, du hast doch Wahlkampfstrai- 
ning.” — Pause. — 
Der Minister vorsichtig: „Wie wärs 
mit „Stadthäusern”? ” 
Der Kanzler: „Müßte zünden. Mit 
dem Spruch gehst du zum Wild und 
ziehst eine Werbung auf. Stadthäu- 
ser für die Jugend ... Stadthäuser für 
Alte... Stadthäuser für Arme ... Stadt: 
häuser für Reiche, Juden, Christen, 
Heiden, Neger, Araber, Wohlstand ist 
für alle da, sagte schon einer meiner 
Ver-Kanzler. — Honig im Kopf. 
Kann sich jeder was bei denken. 
Fehlt eigentlich nur noch eine 
Schnulze von Udo Jürgens. Ist der 
eigentlich in der Partei? ” 
Vier Monate später. Die Deister- 
Weser-Zeitung fragt einen Städte- 
baukundigen, den Prof. Friedrich 
Spengelin, Mitglied des Nationalen 
Städtebau-Rates beim Bundesmini- 
ster, was das „Stadthaus’”’ beinhalte, 
Prof. Spengelin: „Das ist eine Er- 
findung dieses Jahres. Auch die Ex- 
perten sind sich im einzelnen noch 
nicht im klaren, wie das Stadthaus 
der heutigen Zeit ... aussehen soll. 
Die Literatur darüber fällt ebenfalls 
unterschiedlich aus” (27.9.1978; 
authentisches Zitat) 
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Rheinpreussen gerettet! 
Irma Langemeier und Margret Jako- 
pitsch brachen in Tränen aus. Sie konn- 
ten es nicht fassen: Die hungerstreiken- 
den Rheinpreussen-Arbeiter hatten ge- 
wonnen — die Stadt Duisburg kauft der 
BHF-Bank die Arbeiter-Siedlung ab. 
Als Josef Kun inmitten eines Filzes 
von Geld, Politik und Verwaltung 1973 
pleite ging, trug nicht der Unternehmer 
das Risiko, sondern die 500 Familien 
der Rheinpreussen-Siedlung in Duis- 
burg-Homberg. Ihre Grundstücke, die 
in die Konkursmasse eines der größten 
deutschen Bau-Skandale gerieten, hat- 
ten dort nicht etwa ihren realen Boden: 
wert, sondern den Wert der immens 
hohen spekulativen Beleihung in Er- 
wartung neuer Hochhausbauten. 
Die Bank, die „nur ihr Geld wieder- 
haben wollte” (Bankdirektor Schenk) 
plante zunächst den Abriß der Arbei- 
terhäuser und die Neubebauung mit 
Bungalows für reiche Leute. 
Als dies mit einer der Stadt abge- 
zwungenen Erhaltungs- und Gestal- 
tungssatzung abgewendet werden konn- 
te, begann die Bank, die Häuser einzeln 
versteigern zu lassen. 
Mehrere Mahnwachen und drei (!) 
Hungerstreiks zwangen die Politiker 
schließlich dazu, die Siedlung zu kau- 
fen. 
Die Duisburger Stadtverwaltung 
hatte die Arbeiter vier Jahre lang ausge- 
trickst. Plötzlich entdeckten die Juri- 
sten, daß die sozialliberale Koalition 
beim Städtebauförderungsgesetz allzu 
bankenhörig gewesen war: bei Konkurs 
gibt es kein städtisches Vorverkaufs- 
recht. Die Stadt weigerte sich längere 
Zeit sogar, trotz 85prozentiger Subven- 
tion mit Städtebauförderungsmitteln, 
die Siedlung zu erwerben. 
Während die Arbeiterfamilien Tag 
um Tag, getragen von einer Welle der 
Solidarität, Sympathie und Publizität 
vor dem Rathaus hungerten, fielen 
Kaufinteressenten in die Siedlung ein 
und tyrannisierten die Mieter in Scha- 
ren. 
Der 66jährige hungerstreikende Ste- 
fan Lichtrauter verlor sein Haus an 
einen Fabrikanten, der gleich vier Woh- 
nungen zu einer machen will. 
Der harte, aber erfolgreiche Rhein- 
preussen-Kampf stellt einen absoluten 
Höhepunkt in der Geschichte der Woh- 
nungsfrage nach 1945 dar. Er sollte uns 
allen Mut machen. 
Roland Günter 
AR 
WS 
Josef Konn 
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