Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

sich — um ihn lesbarer zu machen und
um ihn mit weiteren Eintragungen zu bereichern.

Der Stadtviertelplan soll nämlich kein
eng begrenzter Plan zum Auffinden einer
Straße sein, sondern er soll — zwischen
die Straßennetze eingefügt und unten bzw.
auf der Rückseite — Informationen über
Geschichte und Spezifik des Stadtviertels
geben.
Es ist sinnvoll, einen solchen Plan auch
über einen Block und über seine Siedlung
zu machen.

ofen, an der Walze, am Schmiedeofen,
für den Maurer und Zimmermann, für die
von den Freicorps erschossenen Arbeiter
des Ruhrkampfes, für die Familie, die
Juden half, für den von den Nazis umgebrachten
 Zigeuner, für die bettelarme
Oma Grün und für viele andere.
In jedem Viertel gibt es eine Fülle von Die Denkmäler posieren nicht mehr
Wänden, die man bemalen kann: Brand- auf Sockeln, sind nicht mehr ritualisierte
mauern, Bunkerwände, Bretterzäune, Wän- Kolossalfiguren, haben Lebensgröße,
de öffentlicher Gebäude u.a. stehen in der Regel zu zweit beisammen
Künstler malen zusammen mit der Be- — als Figuren, die sich unterhalten und
völkerung Szenen, die die Geschichte und bei denen man die Vorstellung hat, daß
Spezifik des Stadtteils sichtbar machen. man mit ihnen ganz menschlich sprechen
Jeder Mitmaler malt seine eigene Figur könnte,
— um sich mit der Malerei identifizieren Neben den Denkmälern werden Inforzu
 können. mationstafeln mit umfangreichen Texten
Diese Malerei dient dann nicht mehr le- aufgestellt, die Zusammenhänge erklädiglich
 einer gedankenleeren Verschönerung, ren.
sondern sie regt die Stadtbenutzer an. Sie Der Stadtteil erhält sein Denkmal-Leseist
 eine Aufforderung und Intensivierung. buch, das in vielen Haushalten steht und
Beispiele dafür gibt es in vielen spani- in der Schule zum Lernmaterial gehört.
schen Orten. Vorbilder können mexikani- Für Besucher werden Führungen durch
sche und chilenische Wandmalereien sein. den Stadtteil und zu den Denkmalen orga-Der
 Gröpelinger Bunker in Bremen-Gröpe- nisiert.
lingen dokumentiert die Entwicklung
vom Dorf zur Industriestadt.

STADTTEIL-FÜHRER

(5.20)

Die meisten Informationstafeln an Bauten
und Objekten sind viel zu bruchstückhaft
und uninformativ; lediglich der Eingeweihte
 erhält aus ihnen Hinweise. Überdies
sind sie in einer kalten, glatten, technokratisch
 verengten Sprachweise abgefaßt, die
alle Betroffenheit und Menschlichkeit und
sogenanntes Sachliches beschränkt.
Eine Alternative dazu ist es, wenn die
mündlichen Aussagen z.B. von alten Leuten
 erklären, wie sie in früheren Zeiten
in ihren Wohnungen lebten: wie die Zimmer
 und der Straßenraum benutzt wurde,
welche Leute hier wohnten, was sie taten,
welche Schicksale sie hatten. Oder wie in
einer Fabrik gearbeitet wurde; bis hin zu
den Witzen der Frühstückspause.
Solche ausgewählten Texte kann man
fotografisch hochvergrößern, mit Fotos,
Zeichnungen oder Fotomontagen versehen,
 eventuell auch mit Grundrissen; lichtunempfindlich
 gemacht werden sie auf
eine Tafel unter Plexiglas und feuchtigkeitssicher
 an Häusern aufgehängt oder
als Schild über einem Metallgerüst aufgestellt
 in Sichthöhe, jedoch geschützt vor
Zerstörung.
Aus den Texten läßt:sich auch ein
Stadtteil-Führer machen.
Ein gedruckter Stadtteil-Führer sollte
die Aktivitäten im Viertel, die Tätigkeiten
 der einzelnen, der Vereine und der
Institutionen durchsichtig machen.
Am besten macht ihn die Bevölkerung
selbst — in einer Projektgruppe.

ÖFFENTLICHE INFORMATIONS-FLÄCHEN
 (5.24)

Literatur:
— Sunke HERLYN/Hans-Joachim MANSKE/
Michael WEISSER (Herausgeber), Kunst im
Stadtbild. Von ‚„‚Kunst am Bau” zu „Kunst
im öffentlichen Raum”. Ausstellungskatalog.
Bremen 1976 (breite Übersicht).
Wolfgang SCHMITZ, Wider die Idylle, „Kunst
am Bau’’ am Gröpelinger Bunker in Bremen:
Vorwärts 8.2.1979

Es zeugt für den embryonalen Zustand unserer
 Demokratie, daß viele Stadtparlamente
 den gesamten öffentlichen Raum
ihrer Städte an Werbetr äger-Gesellschaften
vermietet haben — mit dem Monopol,
dort Anschläge zu machen. Mangels Musterprozeß
 blieb diese tiefgreifende Verfassungswidrigkeit
 bislang in Kraft.
Daher ist das sogenannte ‚wilde Plakatieren”
 (Herrschaftssprache) keineswegs
illegal.
Jede Straße, jeder Block und jeder
Stadtteil muß seine eigenen kostenlosen
Informationstafeln (für nichtkommerziel
le oder nur begrenzt kommerzielle Informationen)
 erhalten.
Dort darf jedermann veröffentlichen,
was er will. Dagegen kann niemand Bedenken
 haben, denn gegen Unerlaubtes
gibt es normale Gesetze; dafür benötigt
man kein generelles Verbot aller Veröffentlichungen.


DENKMÄLER UNSERER EIGENEN
GESCHICHTE (5.23)
Denkmäler halten Erinnerungen wach
und gegenwärtig. Ein Denkmal sollte ein
Anstoß zum ‚„‚Denk-mal”’ sein.
Die Geschichte ist nicht allein die Geschichte
 großer Feldherren und Herrscher,
 sondern vor allem unsere Geschichte.
 Aber in welchen Denkmälern spiegelt
sich dies heute? Hier haben wir eine große
Lücke zu füllen. Eine Projektgruppe macht
daher für ihr Viertel eine Denkmäler-Konzeption
 und engagiert Künstler, die eine
große Anzahl von Statuen aufstellen: für
die unbekannte Arbeitermutter mit 7 Kindern,
 für die Kräuterfrau, welche außerordentlich
 vielen armen Familien ohne
irgendeine Bezahlung selbstlos half, für
den Armen-Arzt des 19. Jahrhunderts,
für den Bergarbeiter, den Mann am Hoch-TECHNISCHE

 DENKMÄLER (5.21)

Beispiele: Viele niederländische Städte haben
freie Anschlagwände für nichtkommerzielle
Mitteilungen; in Italien zahlt man Gebühren
für Anschläge mit aufgeklebten billigen Gebührenmarken.
 Die Bewohner der Arbeitersiedlung
 Eisenheim stellten eigene Anschlag:
wände auf.

Die letzten 200 Jahre unserer Geschichte
wurden nicht von Adel und Kirche geprägt
sondern von der Industrialisierung. Sie hat
Spuren und Bauten hinterlassen, die in
Gefahr sind, zerstört zu werden — und daher
 unter Denkmalschutz gehören.
In den letzten 10 Jahren wurde — nach
England und Skandinavien — auch in der
Bundesrepublik der Denkmalschutz für
die historischen Fabriken und die Sozialgeschichte
 (u.a. Arbeiterhäuser, aber auch Viele Verbesserungen im Wohnumfeld
Fabrikantenvillen) sowie der Infrastruktur sind rasch machbar.
(alte Brücken, Bahnhöfe u.a.) entwickelt. @Z Sie sind Reformen, die gratis sind.
Eine Projektgruppe ermittelt diese Ob- @Z Oder Reformen, die fast nichts oder
jekte und Bauten im Stadtviertel, fotogra- nur wenig kosten.
fiert sie, sammelt Daten und Angaben über @ Häufig sind die Mieter und Eigentümer
ihre Geschichte. Sie interviewt mit Ton- froh, daß sie endlich selbstbestimmte
band alte Leute und läßt damit die Bevöl- Chancen zur Verbesserung erhalten,
kerung ihre eigene Geschichte schreiben ® Für viele Verbesserungen muß man le-—
 aus ihrer eigenen Erfahrung. diglich Wissen vermitteln,
Oft ist es leicht, bestimmte Maschinen ee für viele einen Anstoß geben.
und Einrichtungen vor dem Schrott zu ® Viele kosten „‚nur” etwas eigene Arretten.
 beit. Dies ist die Chance von Arbeitern. @e

Ill. KOMMUNALPOLITIK

sich ihre Umwelt zu verbessern.

MACHBARKEITSSTUFEN

Wir unterscheiden drei Machbarkeitsstufen:
® Manches kann ich heute Nachmittag
tun. Ganz allein. Oder ich hole mir
einen Nachbarn zu Hilfe. Wir tun es
dann gemeinsam.
Anderes kann eine Straßengemeinschaft
(Bürgerinitiative) gemeinsam planen,
finanzieren, selbst ausführen, teilweise
kaufen oder bezahlt anfertigen und aufstellen
 lassen.
Einiges ist außerordentlich kostenaufaQ


            
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