Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Architekturkritik 
Julius Posener 
Fragen zur 
Staats- 
bibliothek 
EINTRITT 
Im Augenblick, da man das Gebäude be- 
tritt, fühlt man sich entspannt, entlastet, 
man atmet ruhiger, man geht langsamer. 
Zur Rechten öffnet sich unabsehbarer 
Raum; man schreitet über Reuters wun- 
derbaren dunklen Steinfußboden auf 
die schöne, sanfte, zum Aufsteigen 
einladende Treppe im Hintergrund des 
Eingangsraumes zu. Die Steigungen sind 
sehr bequem, und während man auf 
dem grauen Teppich die Stufen empor- 
steigt, öffnen sich dem Blick neue Räu- 
me. Im ersten Geschoß angekommen, 
wird man von zwei Impulsen gleichzei- 
tig wietergetrieben: man möchte, die 
Richtung wechselnd, die Treppe weiter 
hinansteigen, ins Licht; aber man befin- 
det sich hier am Anfang eines drei Ge- 
schosse hohen Ganges, welcher in sanf- 
tem Bogen irgendwohin führt, man weiß 
nicht recht wohin. Man folgt dem Im- 
puls zu einer Entdeckungsreise in diese 
große Galerie. Man erblickt dort einige 
Fenster nach Osten, zwei in den Raum 
gehängte Galerien darüber, auf der eige- 
nen Seite ein riesiges Wandgemälde und 
weiter hinten ein kleines Fenster, durch 
das man ein bekanntes Portrait des alten 
Goethe erblickt: ein kleines Heiligtum, 
offenbar, das sich zwischen der Galerie 
und den Lesesälen befindet als Hinweis 
auf die Kultur, in deren Dienst dieses 
Haus steht. Zwischen dem Wandbild und 
dem Fenster liegt eine Stiege,welche ge- 
raden Weges, — nein, krummen Weges — 
zum mittleren, dem großen Lesesaal 
führt. Man erfährt, daß dies im ursprüng- 
lichen Plan der große, gerade Zugang 
zum großen Lesesaal gewesen ist. Man 
kehrt zu der Treppe zurück, über die 
man den Aufstieg begonnen hat und 
setzt ihn fort, eine Frage im Herzen: 
was bedeutet dieser große Gang, in dem 
nur wenige Menschen sich bewegen, was 
soll an dieser Stelle das übergroße Wand- 
bild, was, dort oben nur halb sichtbar, 
das Kulturheiligtum? Übrigens ist das 
Wandgemälde das einzig Überlebens- 
große in diesem Raum. Selbst in ihm, 
obwohl er gewaltig ist, fühlt man sich 
nicht klein, Nichts, was man gesehen 
hat und — ich darf vorausnehmen — 
nichts, was man sehen wird, beeinträch- 
tigt die Freiheit, mit der man sich in die- 
sen Räumen beweat. 
Blick vom Haupteingang in die Halle 
Das sog. Foyer (1. Obergeschoß) 
Der Lesesaal vom 3. Obergeschoß 
In
	        

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