Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

die Geschäfte der Bibliothek wahrnehmen. 
Gebaut wurde für 600 Leser — also die 
Hälfte — und 600 Angestellte. Die 600 An- 
gestellten sind da, nicht aber die 600 Leser. 
Es sind ihrer erheblich weniger: 200? 300? 
etwa. Die Konzeption wurde jedoch nicht 
geändert. Scharoun hat eine Leser-Biblio- 
thek geplant. Den Lesern wurde der denk- 
bar größte Raum gewährt. Die große Gale- 
rie, welche Foyer genannt wird — wohl in 
ERinnerung an die Philharmonie — und 
eine Gruppe von Lesesälen, deren Ausdeh- 
nung von Norden nach Süden etwa 230 
Meter beträgt. Es ist nicht ganz leicht, 
sich vorzustellen, daß selbst 1200 Leser 
vermocht hätten, diese Räume zu füllen. 
Es läßt sich nicht leugnen, daß die Bezeich- 
nung „Foyer”’ für jene große Galerie im 
Grunde nicht stimmt. In den Foyers der 
Philharmonie sind in der Konzertpause 
2000 Zuhörer versammelt. Es müßten alle 
1200 (vorgesehenen) Leser gleichzeitig 
die Galerie passieren und sich in die Lese- 
säle ergießen, um den Namen „Foyer” zu 
rechtfertigen; aber nicht nur den Namen: 
Im Foyer und in den drei großen Sälen 
wurde der maximalen Leserzahl (die sich 
offenbar bereits 1969 als imaginär erwies), 
sin gerade noch vertretbares Maximum an 
Raum zugemessen, während die Raumzu- 
teilung an die der Bibliothek Dienenden 
vielleicht nicht ganz genügt; auf jeden Fall 
entspricht sie einem gerade noch vertretba- 
ren Minimum. Darum meine ich, daß die 
Untersuchung der gesamten Organisation 
(durch das Quickborner Team, vielleicht 
auch durch die Fachleute der Bibliothek) 
des Hauses am Ende nicht ganz ohne Grund 
unternommen wurde. 
Solche Gedanken stellen sich ein, wäh- 
rend man beglückt immer wieder das 
Foyer und die Gruppe der drei Säle durch- 
wandert, auf alle Galerien steigt, jeden 
Blick genießt und in jedem Blicice die Freu- 
de, daß man sich in einem räumlichen Zu- 
sammenhang bewegt, desgleichen noch 
nicht dagewesen ist. Damit meine ich 
nicht die Dimension, vielmehr jene Gewiß- 
heit, die den Wandelnden vom Eintritt 
an begleitet: daß die Dimension gemei- 
stert wurde, daß sie den Menschen befreit, 
nicht verkleinert. Aber die Fragen stellen 
sich ein, sie sind unabweisbar; und es 
sind kritische Fragen, wenn sich auch 
diese Kritik nicht auf die Arbeit des Archi- 
tekten bezieht, oder der Architekten; denn 
es handelt sich bei diesem Bau doch wohl 
um eine sehr enge Zusammenarbeit zwi- 
schen Scharoun und Edgar Wisniewski. 
EXKURS: DER ARCHITEKT 
Wie diese Zusammenarbeit vonstatten ge- 
gangen ist, wissen wir nicht. Wisniewski 
macht darüber nur Andeutungen. Aus ih- 
nen lernen wir immerhin, daß vieles — man 
weiß, wie gesagt nicht, wie vieles — der Ar- 
beit Wisniewskis zu verdanken ist, obwohl 
Wisniewski der letzte wäre, der sagen wür- 
de, daß er ohne Scharouns Gegenwart die 
Bibliothek hätte gestalten können. Man 
erinnert sich an Riemers, des Adlatus Be- 
merkung in Thomas Manns „Lotte in 
Weimar”’, daß er sich schließlich in der 
Lage befunden habe, Gosthes Briefe zu 
schreiben und an seine Verwirrung die- 
sem Phänomen gegenüber: seine Person 
habe dadurch eine unerhörte Ausweitung 
erfahren, zugleich aber habe er seine Per- 
sönlichkeit dabei verloren. (Man erinnert 
sich an Riemers ewig „‚maulenden”’ Aus- 
druck). Nun, bei Edgar Wisniewski habe 
ich keinen Widerstand dagegen bemerkt, 
daß er sich am Ende in der Lage befun- 
den hat, Scharouns Architektur zu ma- 
chen. Das liegt, meine ich, nicht so sehr 
an dem Unterschied zwischen den Perso- 
nen Riemer und Wisniewski, es liegt viel- 
mehr daran, daß der Dienst an Goethes 
Werk in viel stärkerem Maße eine persön- 
liche Dienstleistung gewesen ist als der 
an dem Werke Scharouns. Goethes Pro- 
duktion muß selbst den nächsten Mitar- 
beitern geheimnisvoll geblieben sein, im- 
mer wieder trat in ihr das hervor, was 
mit den bisherigen Werken des Meisters 
schlechthin unvereinbar schien. Zu Rie- 
mers Zeit war das (zum Beispiel) der 
Diwan. Scharouns Produktion verkör- 
pert eine Idee, welche er selbst als allge- 
mein gültig aufgefaßt hat, und die seinen 
Mitarbeitern gültig geblieben ist, für heu- 
te und für morgen. Die Staatsbibliothek 
ist ohne jeden Zweifel ein Scharounbau, 
gesetzt selbst den Fall — und er ist aka- 
demisch —, daß hier sehr viel, fast alles 
von Wisniewski getan worden wäre. 
KRITIK 
Unsere Kritik, sagten wir, betreffe nicht 
die Arbeit der Architekten — oder des 
Architekten. Sie betrifft das Programm. 
Der Ansatz war, sprechen wir es aus: der 
Ansatz war falsch. Die Leser-Bibliothek, 
ich meine die Leser-Bibliothek von so ge- 
waltigen Dimensionen, entsprach einer 
irrealen Vorstellung. Daß er gleichwohl 
gemacht wurde, hatte — auch — politi- 
sche Gründe. Als ich gegenüber Wisniews- 
ki dem Bedauern Ausdruck gab, daß so 
wenige Leser die großen Hallen bevöl- 
kern, sagte er: „Ja, wenn erst die Leser 
aus dem anderen Teil Berlins herkom- 
men ...”” Das war natürlich der Ansatz 
für den Bau der Bibliothek wie für den 
der Philharmonie, der Nationalgalerie, 
des Museums an just dieser Stelle, im 
Angesicht der Mauer: des Kulturzen- 
trums, mit einem Wort. Das Kulturzen- 
tfum ist die bauliche Verwirklichung des 
Alleinvertretungsanspruches. Ich bin 
nicht in der Lage zu beurteilen, wie viel 
Realität dem Allgemeinvertretungsan- 
spruch in den fünfziger Jahren zukam, 
als das Kulturzentrum geplant wurde. 
Gegenwärtig, — das läßt sich wohl nicht 
leugnen — ist er leer — wie die Biblio- 
thek. 
Leer ... Die Staatsbibliothek /st nicht 
leer, im Gegenteil, sie wirkt überfüllt: 
überfüllt mit Bücherregalen. (Und man 
denkt daran, die Tiefgarage ebenfalls 
in einen Bücherspeicher umzuwandeln). 
Als man jene Generaluntersuchung vor- 
nahm, war es offenbar zu spät, an der 
baulichen Gestalt wesentliche Änderun- 
gen vorzunehmen, Der Nordflügel, der 
erste, der in Betrieb genommen wurde, 
ist stark vergrößert worden — nicht un- 
bedingt zum Vorteil der baulichen Ge- 
stalt. Das ist keine grundsätzliche Ände- 
rung. Der Hauptteil des Hauses, der die 
Lesesäle, das Foyer, die Büchermagazine 
enthält, mußte nun wohl in der Gestalt 
ausgeführt werden, in der er geplant war, 
Vielleicht wo//te man an diesem großarti 
gen Plan nichts ändern (und zwar, zum 
Teil aus politischen Gründen). Man hat 
also aus dem nördlichen und dem südli- 
chen.Lesesaal und sogar aus einem Teil 
des Hauptsaales eine Stätte der Biblio- 
theksarbeit gemacht: Der Bau wird anders 
benutzt als er geplant wurde. 
FUNKTIONALISMUS? 
Nun gewinnt gegenwärtig in Architekten: 
kreisen die Lehre ständig an Boden, daß 
ein jeder Bau auf verschiedene Art be- 
nutzt werden kann, ja, soll. Diese Lehre 
ist ein wesentlicher Teil der Kritik am 
Funktionalismus. Der Funktionalismus 
(Hugo Häring) hatte behauptet, daß ein 
Bau seine Gestalt den Bedingungen ver- 
danke, denen er zu genügen hat. Die Ge- 
gentheorie sagt, daß es falsch sei, einen 
Bau allzu genau bestimmten Bedingungen 
anzupassen. Man könnte das die Lehre 
von der Neutralität des Gebauten nen- 
nen. Lucius Burckhardt wußte sehr spa- 
Rige Dinge gegen den zu genauen Funk- 
tionalismus zu sagen: „A/s junger Mensch”, 
so sagte er etwa, „habe ich mich an 
einem Waschtisch gewaschen, der mir bis 
zum Knie reichte. Er war nämlich für 
meine Schwester entworfen.” Neutrali- 
tät, gewiß: ich möchte dieser Forderung 
zustimmen, denn der zu genau geleistete 
Dienst ist immer vom Übel. Nun ist aber 
die Bibliothek ein funktionalistischer 
Bau, Scharoun hat ihn so gemeint, er hat 
sich immer auf Hugo Härings Lehre be- 
rufen. Darum ist es ein Unterschied, ob 
ein neutral entworfenes Gebäude anders 
benutzt wird, als es geplant wurde, oder 
ob das einem auf die Funktion hin ent- 
worfenen Gebäude passiert. In der Biblio: 
thek stören die vielen der Bibliotheksar- 
beit gewidmeten Flächen, man fragt sich 
warum sie in so hohe und weite Säle ge- 
stellt wurden, man begreift diese Anord- 
nung nicht ganz, ebensowenig wie man 
das Foyer noch begreift, in dem so wenig 
geschieht. Wisniewski beschreibt Scha- 
rouns Reaktion auf die Entbindung seines 
Büros von der weiteren Ausbauplanung 
anterthalb Jahre vor seinem Tode: 
Scharoun hat im Laufe seines Lebens 
ähnliche Eingriffe in sein Werk und seine 
Arbeit mehrfach erlitten und gelassen 
hingenommen — auf diese ‚,Lösung” war 
seine Reaktion Unverständnis und 
schmerzliches Resignieren. 
(Bauwelt 5.1.1979) 
Da, betrifft ganz gewiß nicht nur die 
Ausschaltung seines Büros vom weiteren 
Verlauf der Ausbauarbeiten, es betrifft 
auch die Art dieses Ausbaues: man hat 
ihm seine Bibliothek verdorben. Viel- 
leicht hat man Scharoun von der Teilnah- 
me an diesen Arbeiten entbunden, weil 
man wußte, daß man ihm seine Biblio- 
thek verderben würde und wohl auch 
mußte. Dieses Verderben betrifft nicht 
so sehr die hundert Einzelheiten. deren 
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