nachzugeben, ohne Akkordbezahlung keine Akkordarbeit. Ab
sofort weigere ich mich, den Akkord mitzuhalten. Die Maschinenführer
versuchen mein Verhalten zu ignorieren. Ein Gespräch
ist unmöglich geworden. Selbst Vorarbeiter und Meister
interessieren sich scheinbar nicht für meinen Bummelstreik.
Der Lärm in der Halle wird mir unerträglich. Stumm drücke ich
mich zwischen den Maschinen rum, falle nach einigen Tagen
ganz aus dem Arbeitszusammenhang der Gruppe raus, arbeite
nicht mehr und werde auch nicht dazu angehalten. Nichts. Eine
Woche halte ich durch. Dann bin ich mit den Nerven fertig, hole
mir einen Krankenschein und zwei Wochen später die Papiere.
Meinen alten Maschinenführer sah ich nicht wieder. Er ließ
sich in eine andere Schicht versetzen.
"Allerdings kann, wie es mit vielen anderen Dingen geschehen ist, auch der
Städtebau als eine Angelegenheit der Sozialpolitik aufgefaßt werden. Aber
dann steht es mit ihm eben genau so wie mit jeder Sozialpolitik: er ist ein
Stück des Widerstreits zwischen der alten kapitalistischen Gesellschaft und der
kommenden sozialistischen Gesellschaft, geboren aus den Kräften der Zukunft,
in die Praxis des Tages ständig umgefälscht zu einem Schutzwall der
alten Mächte, ständig umkämpft von den politischen Kräften, eine Etappe zur
Zukunft, die aber für den Sozialismus ihren Sinn nur dadurch behaupten kann,
daß sie immer von neuem in ihrer Unvollkommenheit erkannt und niedergerissen
wird, um dem besseren Neuen Platz zu machen.”
Alexander Schwab, 1930
”Seien Sie froh, künftig im Ruhrgebiet zu arbeiten. Hier
können Sie Ideen entwickeln und Einsatz zeigen, anders als in
Baden—Baden, wo alles viel zu schön und in Ordnung ist, um
saniert: zu werden. Hier erwarten wir, daß Sie in die Hände
spucken. Dort wären Sie zur Untätigkeit und zum Prommenieren
im Park verurteilt.” — Der Baudezernent beglückwünschte
seinen neuen Mitarbeiter.
Über mehrere Ecken vermittelten mir Planerkollegen die
Stelle bei der Stadtverwaltung. Mein Kontaktmann im Planungsamt
hieß Dirk Kugel. Versehen mit den besten Empfehlungen
gemeinsamer Bekannter setzten wir uns zusammen, tasteten ab,
schätzten ein und verließen uns dann doch lieber auf deren Urteilsfähigkeit.
Dirk war 26 Jahre alt, ein Jahr älter als ich. Von der Ausbildung
Ökonom, arbeitete er im zweiten Jahr als Planer, seit einem
halben Jahr bei der Stadtverwaltung.
Dirk bereitete mich auf den Leiter der Abteilung Stadtentwicklung
vor. Der legte seinerseits nach einem angenehm verlaufenden
Gespräch beim Baudezernenten ein gutes Wort für
mich ein. So konnte eigentlich nichts schief gehen.
Für die ersten Arbeitstage wurde mir ein freier Platz im
Zeichensaal zugewiesen. Ein Schreibtisch für mich wurde bestellt.
Später sollte ich mit Dirk ein Zimmer teilen. Der Abteilungsleiter
stellte mich den Kolleginnen und Kollegen des Planungsamtes
vor. Mir wurden ca. 30 Namen genannt, die ich sofort
wieder vergaß. Immerhin wußten die Kolleginnen und
Kollegen jetzt, wie der Neue aussieht und wie er heißt. Zum
Einlesen erhielt ich einen Stapel alter und neuer Analysen, Konzepte
und Pläne. Für die nächsten Wochen war ich versorgt.
Mit mir im Saal saßen drei technische Zeichner in weißen Kitteln.
Von Anfang an war der Umgangston kumpelig, fast wie
auf dem Bau während meiner Praktikantenzeit.
Nach und nach wurde ich mit den Kollegen des Amtes und
den Arbeitsstrukturen vertrauter. Die Kommentare der Zeichner
halfen mir bei der Orientierung. Ich hörte bissige Bemerkungen
über die studierten Planerkollegen. Als Unruhestifter und Stresser
waren sie nicht besonders. beliebt, obwohl ihr Führungsstil
nicht autoritär war. Sie isolierten sich durch unkollegiales Verhalten.
Mein Abteilungsleiter und ein weiterer Dipl. Ing. lehnten
es ab, Gewerkschafter zu werden. In den letzten Tarifauseinandersetzungen
erwiesen sie sich als Streikbrecher. Zum
ersten Mal seit Jahren legten die Kollegen der Müllabfuhr und
der Verwaltung gemeinsam die Arbeit für zwei Tage nieder. Es
war der berühmte Kampf um die 11% 1974. Kluncker, der
dicke: Gewerkschaftsführer, gegen Willy Brandt, den angeschlagenen
Kanzler.
Willy hatte die beiden Dipl. Ingenieure und die einzigen
zwei Beamten des Amtes auf seiner Seite. Ein peinlicher Aufzug
von Ignoranten und Opportunisten. Was haben sie zwei Tage in
den verlassenen Räumen des Rathauses getrieben? Egal — sie
waren jetzt die Ausgeschlossenen.
Nach drei Tagen kam Gerd, ehemals Bergmann, umgeschult
auf Zeichner und immer Gewerkschaftsaktivist zu mir und warb
mich auf die Schnelle zum Mitglied der ÖTV.
Die meisten Kollegen arbeiteten schon über 10 Jahre bei der
Stadtverwaltung. Planung wird ihr Lebensjob bis zur Pensionierung
sein. Sie wußten aus Erfahrung, daß durch personelle
Veränderungen, insbesondere Neueinstellung von Dipl. Ingenieuren,
Unruhe, organisatorische Veränderungen, neue
Kompetenzeinteilung, auf jeden Fall mehr Arbeit auf sie zukommen
würde. Darauf war keiner scharf. Je länger ich mit
ihnen zusammen war, umso deutlicher spürte ich ihre abwartende
Haltung mir gegenüber. Wie wirst Du dich aufführen,
welche Stellung in der Amtshierarchie einnehmen und welche
Arbeit uns zuteilen? Noch war ich untätiger Beobachter und
die Stimmung unter uns freundlich.
Die städtischen Verkehrsbetriebe erhielten ihren ersten besonders
geräuschgedämpften Bus. Für seine Indienstnahme im
Rahmen einer Erprobungsphase hatte sich der Leiter des Strassenbauamtes
etwas besonderes einfallen lassen. Die Jungfernfahrt
sollte zu einer kleiner Demonstration städtischer Bemühungen
um mehr Umweltschutz (gedämpfter Bus) und großer
Anstrengungen zum Ausbau des Straßennetzes (Besichtigung
großer Baustellen) ausgebaut werden. Eingeladen waren die
Herren der Verwaltungsspitze, die Beigeordneten, auch Dezernenten
genannt und Vertreter verschiedener Ämter, die sich mit
Planung befaßten.
Der Abteilungsleiter schickte mich, die Rundfahrt wäre eine
gute Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen. Als Berufspendler
sah ich bisher nur das kurze Stück Weg zwischen Bahnhof und
Rathaus. Obwohl ich ganz in der Nähe, in Duisburg, aufgewachsen
bin, kannte ich mich im Ruhrgebiet nicht gut aus.
Bis zum Studium in Berlin wohnte ich bei den Eltern auf der
linken Rheinseite des Reviers. Über den Fluß rüber nahmen
mich die Eltern früher schon mal mit zum Einkaufen, oder wir
mußten rüber, um auf die rechtsrheinische Autobahn zu kommen.
Ende der 60er Jahre, in der Discozeit, als ich schon den
Führerschein hatte, drang ich auf der Suche nach der Szene,
gelegentlich Mittwochs bis Oberhausen nach Osten vor. Die
Samstage waren für Düsseldorf reserviert. Wenn ich losfuhr, war
es meist schon dunkel.
Nach fünf Jahren Berlin wohnte ich seit einem halben Jahr
in Dortmund. Ich mußte mich völlig neu orientieren.
Allein saß ich hinten im Bus auf der letzten Bank. Ich fand
nicht heraus, ob der Bus für die Außenstehenden oder die darin
Sitzenden besonders geräuschgedämpft war. Vielleicht
sollte die kommende Erprobungsphase mehr Aufschluß darüber
geben. Der Bus hielt an einer Großbaustelle und alle stiegen
aus. Der Leiter des Straßenbauamtes erläuterte die Konstruktion
eines Brückenbauwerkes. Er verwies, sehr stolz, auf
die bereits verbauten Millionen aus Landeszuschüssen. Um den
Verkehrsfluß nicht unterbrechen zu müssen, wurde die neue
Brücke neben der alten montiert.
Tuschelnde Bauarbeiter standen der Verwaltungsspitze 50
Meter entfernt gegenüber. Ich hielt Distanz zur Besichtigungsgruppe
und schlenderte langsam in Richtung Bauarbeiter. Bei
ihnen angekommen, fragte ich einen nach Arbeitsbedingungen
und Stundenlohn. Er war etwas irritiert und antwortete nur
kurz mit ”gut” und ”schlecht”” Ich trabte zurück, der Verwaltungsspitze
hinterher, die gerade wieder den Bus bestieg.
In meinem alten, hellen Trenchcoat aus der Discozeit kam
ich mir auf der Baustelle sehr blöd vor. Daß ich ihn wieder aus
dem Schrank holte, war ein Zugeständnis an die Kleidernorm
im Rathaus. In den ersten, unsicheren Wochen achtete ich noch
auf sowas.
Auch wenn ich äußerlich zur Verwaltungsspitze dazugehörte,
war ich es faktisch nicht und wollte es auch nicht werden. Ich
wollte überhaupt keinen konstruktiven Beitrag zur Herrschaft”
leisten. Mein Motiv für die Arbeit war, herauszufinden, wie
funktioniert kommunale Planung im Dienste des Kapitals, zu
analysieren, zu beobachten.
Und das am besten da, wo es am krassesten deutlich wird,
wo die Strukturkrise schwer und die Industriekonzerne mächtig
sind, hier an der Emscher, wo die Blasen der Fäulnisgase aus
der schwarzen Abwassersuppe aufsteigen.
”Guten Morgen meine Herren!” — ’Bitte, Tagesordnungspunkt
1. Wer trägt vor? ”
Dirk räusperte sich und begann. Vor unterdrückter Erregung
sprach er mit belegter Stimme. Stockend hielt er seinen
kurzen Vortrag zu Punkt 1. Die Manuskriptseiten zitterten in
seinen Händen.
Die Nacht zuvor hatte er schlecht geschlafen, wie jede Nacht
vor einer Planungsstabsitzung, in der ein Beitrag von ihm erwartet
wurde. Zum ersten Mal erlebte ich den Streß der Kollegen
vor dem Oberstadtdirektor. Sachlich kühl, gut vorbereitet und
mit schnellen Reaktionen auf unklare Formunlierungen, zwang
er die Runde zur Effektivität. Am Ende jedes Tagesordnungs-53