Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1980, Jg. 12, H. 49- 51/52, [53], 54)

punktes standen Entscheidungen, wurden ”’Kühe vom Eis gezogen”
 oder neue Projekte ”eingestielt”, Überarbeitung und
erneute Vorlage veranlaßt. Ich war beeindruckt.
Der Planungsstab tagte jeden Montag. Referenten zur Tagesordnung
 verbrachten unruhige Wochenenden. Der Stab beim
Oberstadtdirektor war eine sehr junge Einrichtung, so wie die
Abteilung Stadtentwicklung, in der ich arbeitete. Der Planungsstab
 war das verwaltungsinterne Koordinationsgremium für alle
Themen der Stadtentwicklung. Unsere Abteilung im Planungsamt,
 genauer Dirk und ich, sollten diesem Gremium zuarbeiten.
Feste Mitglieder waren die Dezernenten und Mitarbeiter der
Bauverwaltung, des Verkehrs- und Planungsamtes. Wir Stadtentwickler
 waren die einzigen Sachbearbeiter ohne Leitungsfunktionen
 in diesem erlauchten Krise der Verwaltungsspitze.
Der Aufbau unserer Abteilung und des Planungsstabes, war
in erster Linie auf Druck der Landesregierung zurückzuführen.
Die Großstädte des Landes wurden per Erlaß gezwungen ””’Standortprogramme””
 aufzustellen. Nach festgelegten Maßstäben des
Landes sollte jede Stadt ein Entwicklungsprogramm vorlegen,
in dem alle raumwirksamen Investitionen für den Zeitraum von
5 Jahren auf eng begrenzte, räumliche Schwerpunkte konzentriert,
 zusammengefaßt werden sollten. Die Landesplanungsbehörden
 wollten sich vorbehalten, die Anzahl der Schwerpunkte
jeder Stadt festzulegen und so die Entwicklungstendenz zu
kontrollieren. Die Abhängigkeit der. Stadtentwicklung von Landeszuschüssen
 und —investitionen, zwang die Verwaltung, eine
spezielle Abteilung für diese neuen, ressortübergreifenden Aufgaben,
 einzurichten.
Wo neue Leute eingestellt und entscheidungsstarke Gremien
gegründet werden, da finden sich auch schnell Aufgaben und
Probleme, die sonst ohne Bearbeitung geblieben wären. Probleme
 hatte diese Stadt wirklich genug, sinkende Einwohnerzahlen,
massive Arbeitsplatzverluste, Dreck, große Sanierungsgebiete
ohne Perspektive, überdimensionale Verkehrsprojekte ohne
Geld in der Kasse.
”Stellen Sie ruhig kritische Fragen, entwickeln Sie Ideen,
aber glauben Sie nicht, daß ich mich von Ihnen in meinen Entscheidungen
 beeinflussen lasse”, ermunterte uns der Oberstadtdirektor,
 im kommunalen Krisenmanagement mitzumischen.
Die Teilnahme am Planungsstab war exclusiv. Neben den ständigen
 Mitgliedern wurden Gäste zu einzelnen Tagesordnungspunkten
 hinzugezogen. Alle fürchteten den Leistungsdruck, den
der Verwaltungschef ausübte. Vor Schikanenund Bloßstellungen
scheute er nicht zurück. Den Anforderungen gerecht zu werden
und dem Druck zu widerstehen, kam einer Auszeichnung gleich.
Mit verschiedenen Ansichten, bunt ausgezeichnet, präsentierten
 unser Abteilungsleiter und ein Architekturkollege eine
Sanierungskonzeption für die Bahnhofsrückseite.
Mit verteilten Rollen erläuterten sie die ”Durchdringung
axialer Bezüge” und ”’transparenter Platzgestaltungen””. Noch
keine fünf Minuten hörten die Mitglieder des Stabes zu, da wurden
 sie unruhig und begannen Zwiegespräche. Der Verwaltungschef
 bat scharf um Ruhe. Er forderte die Kollegen auf, sich
nicht unterbrechen zu lassen. Mit tropfnassen Achselhöhlen saß
ich gespannt im Sessel. Schärfer als durch Mißachtung konnten
die Anwesenden ihre Kritik am Sanierungsentwurf kaum ausdrücken.
 Die verunsicherten Kollegen wurden immer abstrakter
 oder besser abstruser in ihren Formulierungen und Beschreibungen.

Den Baudezernenten hielt es nicht länger. Er unterbrach die
Vorstellung. Durch persönliches Eingreifen versuchte er, die
fachliche Verantwortung für seine Mitarbeiter von sich zu weisen,
 nahm Bleistift und Papier zur Hand, warf eine Skizze mit
alten und neuen Grundstücksgrenzen auf’s Blatt, symbolisierte
mit Pfeilen das Zusammenwirken unterschiedlicher Nutzungen
und eröffnete die Diskussion über verbleibende Planungsmöglichkeiten.

”Interessante Pläne”. sagte bissig der Oberstadtdirektor,
”aber denken Sie sich mal etwas Realistischeres aus oder ein
nächstes Mal gibt es in dieser Sache für Sie nicht mehr.” Von
den anderen am Tisch ignoriert, sie beugten sich geschäftig
über die Skizze des Baudezernenten, rollten die Kollegen Pläne
und Kartenunterlagen zusammen und verschwanden mit einem
gehauchten ”’Wiedersehn”.
Ihr Gruß wurde nicht erwidert.

Dirk und ich hatten Sie gewarnt. Es war absehbar, daß sie
mit ihren Vorstellungen scheitern würden. Die Zeit ungehemmter
 architektonischer Freiheiten, nach dem Muster ”größer +
teurer = besser” war endgültig vorbei. Wo Nachfrage, Investitonsbereitschaft
 und öffentliche Mittel fehlten, da ließ sich nur
der Bestand erhalten und hier und da verbessern, rein ökonomisch,
 von Funktion, Ästhetik und Gebrauchswert mal ganz
abgesehen.

Die Vordiskussion mit den beiden Kollegen offenbarte zum
wiederholten Male ihre Ignoranz gegenüber ökonomischen und
politischen Zwängen. Nein, ihr Entwurf hatte seine Logik in
sich, davon waren sie nicht abzubringen. Sie klammerten sich
an die programmatischen Ziele der Landesplanung”, folgten
blind der Forderung nach ”’Konzentration der Investitionen in
den Zentren” und den Aufrufen zur ”Sanierung und Neubebauung
 der hinteren Bahnhofsseite.”
Die Euphorie mit den großen Sanierungsprojekten verließ
unsere Chefs sehr schnell. Sie entdeckten, daß in dieser Stadt
wenig zur ”Verplanung” übrig geblieben war. Sie waren ausgesprochen
 interessiert, die Vorschläge von Dirk und mir, zur
Stabilisierung des. ökonomisch abbröckelnden Citybereichs zu
hören. Die Ideen waren nicht druckreif, aber allemal realistischer,
 weil härter an den Problemen, als die hochfliegenden Pläne
 unserer Traumstadt—Entwerfer,

Die Krise der alten Macher und traditionellen Planer begann
mit dem Rückgang des Wohnungsbaus, den steigenden Finanzierungslasten,
 den hohen Mieten und der geringen zahlungsfähigen
 Nachfrage. Ohne Realisierung kein Planungserfolg. Solche
Probleme hatten wir nicht. Unsere Aufgabe war es, die Schwächen
 bisheriger Planung und Stadtentwicklung aufzuzeigen
und möglichst noch rechtzeitig Korrekturvorschläge zu machen.
Überall da, wo große Projekte noch. Chancen hatten realisiert
 zu werden, ob sinnvoll oder nicht, war unsere Meinung
nicht gefragt. Erst wenn Schwierigkeiten auftauchten, war es
an uns, Vorschläge zu machen, mit hausinterner Kritik nicht
zu sparen und verbleibende Investitionsmöglichkeiten aufzuspüren.


Dirk zog hastig sein Jacket für offizielle Anlässe über. Ich
suchte nach Papier und Bleistift. Der Verwaltungschef rief uns
zu sich.
Er las unseren Entwurf zur Anmeldung der Standortprogramme.
 Der Rand des Papiers war voll mit seinen Anmerkungen.
 Die Stellungnahme sollte seine Unterschrift tragen, da
war er besonders genau.
”Die Linie ist wie besprochen. Einiges kann so aber nicht
stehen bleiben. Da müssen andere Formulierungen her. Hier
z.B. ’Der Einzugsbereich der City kann mittelfristig nicht über...’
usw. ’ausgedehnt werden’. Solche Negativ-Formulierungen müssen
 raus. Umschreiben Sie positiv. Die Verwaltung macht sich
nicht ihr eigenes Nest schmutzig. Inhaltlich streichen würde ich
die Aussage aber nicht, sie kann unsere Forderung nach mehr
Landesmitteln unterstützen.
Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt Vermeiden Sie Abstraktionen,
 weg mit den Fremdwörtern!’ Die Stadträte verstehen
das nicht. Sie sollen keine Seminararbeiten schreiben und hier:
Mit dieser Selbstbindung gehen Sie zu weit. Sie wissen, über
die Sanierungskonzeption ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.
 Warten Sie die Stellungnahme der Ausschüsse ab! Ich
lasse mich von Ihnen in dieser Sache nicht durch provokative
Formulierungen unter Druck setzen!”
... und richtete an mich den väterlichen Hinweis: ” Sie
schreiben immer alles so absolut. In der Verwaltung sind wir
gewohnt zu relativieren. Denken Sie daran.”
Text und Korrekturen waren ziemlich umfangreich. Der
größte Teil mußte nochmal geschrieben werden. Dirk regte sich
auf wegen zwei ”Spitzen’”’, die ich unbedingt drin lassen wollte.
 Sie würden mir eh gestrichen, meinte Dirk, dann könnte ich
sie auch gleich neu formulieren und einen Korrekturgang sparen.
 Sollte wenigstens der Oberstadtdirektor meine Meinung
lesen, streichen kann er selber, wenn sie ihm nicht passen! Dirk
war sauer. Er warf mir vor, meine Privatshow auf seinem Rükken
 auszutragen. Unkollegial und nicht professionell nannte er
as.

”In der Sache ändertsich durch deine Eigenwilligkeit nichts.”
Der Verwaltungschef übersah die potentiellen Steine des Anstosses.
 Diesmal meldete der Kämmerer seinen Einspruch an.
Außerdem bestand der Kulturdezernent auf stärkerer Betonung
 seines Steckenpferdes. Das Layout gefiel uns selber nicht
mehr. Die Textgliederung kam nicht gut raus. Wir verbesserten
und ließen alles nochmal tippen.

Kollege Raumer wollte sich drücken. Sechs Wochen war er
zur Kur weg. Heute trat er wieder zur Arbeit an. Sein Geburtstag
 lag 2 Wochen zurück. Aber er wurde nicht vergessen. Im
Vorzimmer blieb er registriert. Kollege Rauner versuchte ohne
Chance darüber hinweg zu gehen. Die Chefsekretärin vermerkte
lückenlos alle Feiertage in ihrem Kalender, Zeitig vor den Geburtstagen
 wurden die betreffenden Kolleginnen und Kollegen
angehalten, den Termin der Fete bekannt zu geben.

54]
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.