Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1980, Jg. 12, H. 49- 51/52, [53], 54)

Kollege Rauner rührte sich nicht. Sein Geiz war allgemein
pekannt. Frau Wilhelmi, unsere Vorzimmerdame, ergriff die
Initiative. Schnell wurde die obligatorische Mark von allen eingesammelt
 und ein Standardgeschenk mit Blumen eingekauft.
Ohne Vorankündigung zogen wir geschlossen zum Arbeitszimmer
 unseres säumigen Kollegen. Es war gegen 11.00 Uhr, der
Kollege war nicht in seinem Zimmer, Gewöhnlich sitzt er um
diese Zeit auf dem Klo, hieß. es. Wir warteten.

Es war sehr eng. Wir drängten uns im schmalen, abgewinkelten
 Korridor zwischen Zimmertür und Zeichentisch. Hohe und
tiefe Plan-Schränke versperrten den Eintretenden die Sicht
auf den Arbeitsplatz. Eine Seitenwand war gespickt mit Nägeln
und Haken, lange, rankende Arme eines alten Gummibaumes
hielten sich daran fest.
Seit mehr als 20 Jahren verschönte der Baum das Büroleben
des Kollegen Rauner.Mehrere Zimmerwechsel überstand er ohne
Schaden, obwohl es immer schwieriger wurde, ihn zu verpflanzen.
 Endlich kam Rauner zur Tür herein. Als er die 30 Kolleginnen
 und Kollegen vor sich sah, wie sie ein schadenfrohes ”’happy
 birthday to you’’ anstimmten, verzog er keine Miene, ging
wortlos und stur zum Wandschrank und legte erst den Beamtenkloschlüssel
 weg, bevor er, sichtlich frustriert, das Geschenk
mit den Schnittblumen entgegennahm. Die Überraschung war
gelungen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als für 14.00 Uhr Bier,
Sekt, Saft und Crackers einzukaufen. Damit war für die meisten
 der Arbeitstag gelaufen. Noch eine Stunde bis Mittag.
Wir von der Stadtentwicklung standen unter Druck. Bis
16.00 Uhr mußte die Vorlage zur Standortprogrammanzeige
auf den Tischen der Dezernenten liegen.
Zehn Seiten mußten noch korrigiert, neu getippt, mit Seitenzahlen
 versehen und durch den Kopierer gejagt werden.
Erika, unsere Abteilungssekretärin, hatte sich an diesem
Morgen krank gemeldet. Als Ersatz kam nur Frau Wilhelmi, die
Sekretärin des Amtsleiters in Frage. Die dritte Schreibkraft im
Amt schrieb nicht schnell und sauber genug. Unsere Korrekturen
 zogen sich hin. Einige Abschnitte mußten wieder herausgeschnitten
 und neu zusammengesetzt werden. Inzwischen war
Mittag vorbei.
Die Feier des Kollegen Rauner hatte schon angefangen, als
Dirk mit den Manuskriptseiten ins Vorzimmer rauschte. Frau
Wilhelmi war schon bei den Feiernden.
Mit Streß im Nacken raste Dirk zur Fete und machte der
Sekretärin unmißverständlich klar, daß sie den feucht-fröhlichen
 Nachmittag vergessen könne. 1 1/2 Stunden blieben uns
und ihr zur Fertigstellung der Vorlage.

Frau Wilhelmi war mehr als sauer. Hinter ihre Schreibmaschine
 gezwungen, ließ sie bei jedem unleserlichen Satz eine
Schimpfkanonade los. Sie fühlte sich von uns schikaniert. Ausgerechnet
 sie aus einer Feier zu holen, hielt sie für böswillige
Absicht. Jeder im Amt wußte, daß die Stadtentwickler nicht
viel Wert auf die Geburtstagsriten legten. Für Frau Wilhelmi dagegen
 gehörten die Feste zu ihren stärksten Auftritten. Sie sorgte
 für vollzähliges Erscheinen der Kolleginnen und Kollegen
und steigerte mit aggressiven Witzen und Sticheleien die Stimmung.
 Nach ihrem Selbstverständnis entsprach Animieren und
Unterhalten mehr den Aufgaben einer Vorzimmersekretärin als
Schreibmaschine schreiben. Auf Anforderung zum Tippen bereit
 zu stehen, war unter ihrer Würde.
Warum besorgten wir uns nicht rechtzeitig eine Ersatzkraft
für die erkrankte Sekretärin unserer Abteilung?
Außerdem sei sie nicht bereit, unsere Terminschlamperei
auszubügeln. Im Amt käme niemand anders sonst mit derart
kurzfristigen Arbeiten zu ihr und übe so rücksichtslos Druck aus.
Es sei typisch für die jungen Akademiker, morgens zu spät zur
Arbeit zu erscheinen, um dann kurz vor Feierabend Unmögliches
von ihr zu verlangen.
Dirk konnte in seinem Streß nicht auf ihre Vorwürfe eingehen,
 schrie zurück, beschimpfte sie ’durchgedrehte Ziege’ und
knallte die Tür hinter sich zu.
Für die entstandene Zwangslage war ich mitverantwortlich.
Den Kollegenkrach wollte ich so nicht stehen lassen. Andererseits
 hoffte ich, daß Frau Wilhelmi die Schreibarbeit noch rechtzeitig
 fertigstellen würde. Beruhigend redete ich auf sie ein, versuchte
 zu erklären und sie zu verstehen, um die Kluft zwischen
uns nicht unüberwindbar werden zu lassen. Ihre Kritik war
ja nicht ganz falsch. Für unsere Abteilung und für meine gewerkschaftlichen
 Ambitionen war es auf die Dauer tödlich, wenn wir
uns durch unseren hektischen Arbeitsstil und unsere Rolle als
Arbeitsverteiler ohne klare hierarchische Zu-und Unterordnung,
uns in Frau Wilhelmi und dann sicher auch bald in einigen anderen,
 erklärte Feinde schaffen würden. Sie war eine wichtige
Meinungs- und Stimmungsmacherin im Amt.

Frau Wilhelmi war ohne Zweifel eine starke Tipperin. Trotz
des Theaters wurde sie rechtzeitig fertig. Wir waren froh, noch
termingerecht zu den Ausschußberatungen abgeben zu können.
Am nächsten Morgen war sie geschäftsmäßig kühl. Dirk bemühte
 sich um eine Ersatzkraft für unsere kranke Sekretärin,
die uns auch am gleichen Tag noch vom Personalamt geschickt
wurde.

Nach der Beschlußfassung im Rat sollten die Bürger über die
Konzeption der Standortprogramme informiert werden. Eine
Pressekonferenz wurde angesetzt.
Information und Beteiligung der Bürger waren Ende 1974
noch große Worte um die Zeit um Willy Brandt’s Abgang herum.
Unsere sozialdemokratischen Chef’s ließen sich nicht nachsagen,
 bürgerfeindlich zu sein.
”Aber es muß doch einmal klar gesagt werden, daß wir nur
das machen, was nach dem Gesetz notwendig ist und nicht was
alles wünschenswert wäre”, steckte der Baudezernent die Linie
für die Bürgerversammlung im Sanierungsgebiet ab. Das beauftragte
 private Planerbüro war gesetzlich verpflichtet, im Rahmen
 ihrer Untersuchung im Sanierungsgebiet, auch eine Bürgerversammlung
 einzuberufen.
Baudezernent und Oberstadtdirektor waren sich einig: Durch
die Teilnahme von Verwaltungsleuten sollte in die Versammlung
 der richtige Zungenschlag reingebracht werden. Denn, ”da
wird sicher wieder die ganze soziale Leier abgezogen wegen der
paar alten Häuschen.”
”Wir stehen in der Verantwortung der Bevölkerung und die
lassen wir uns nicht nehmen!” rief uns der Oberstadtdirektor
nach, als wir uns in die Höhle des Löwen begaben. Auch ich
wurde aufgefordert mitzugehen, wenn auch ohne Funktion.
Die Versammlung verlief ruhig. Unser Dezernent schlug sich
wacker, ließ alles offen und hatte auf jede Frage eine Antwort.
Ich saß ganz hinten unter dem Publikum, trank mein Bier, versuchte
 möglichst nicht als Verwaltungsmann erkannt zu werden
und schrieb hin und wieder private Notizen auf einen Zettel,
der sagte das, die fragte jenes, alles was mir zur Beurteilung der
Sitzung wichtig erschien.
Gegen Ende der Bürgerversammlung stand eine ältere Arbeiterfrau
 auf und fragte den Dezernenten:
”Wie wollen Sie sich denn alle unsere Forderungen merken,
die heute vorgetragen wurden, Sie machen sich ja gar keine Notizen?”
 Verdutzt blickte der Dezernent in die Runde, wandte
sich hilfesuchend an die Planer rechts und links von ihm, erhielt
keine Unterstützung und suchte weiter im Saal. Schon resignierend
 angesichts der aufkommenden Lacher, sah er plötzlich
mich unter den Hinterbänklern sitzen, den Stift in der Hand
und ein Papier auf dem Tisch. Erleichtert sprang er auf. Mit
dem Finger zeigte er auf mich. Die Köpfe der Bürger drehten
sich, alle sahen mich an.
”Selbstverständlich halten wir Ihre Anregungen fest, nicht
wahr Herr Schrooten, Sie haben alles mitgeschrieben?””
Ich sagte weder ja noch nein, saß da mit rotem Kopf und
starrte fassungslos den Chef an.

Der Baudezerent geriet mit seinen großen Verkehrs- und Sanierungsplänen
 zunehmend ins kommunalpolitische Abseits.
Verdeckt distanzierte sich der Oberstadtdirektor in der Montagsrunde
 von unhaltbar gewordenen Positionen seiner Dezernenten.
 Immer offener nahmen die Stadtentwickler gegen seine
Pläne Stellung.
Obwohl wir seinem Dezernat angehörten, konnte er nur selten
 mit unseren Arbeiten zufrieden sein. Das Gerücht von der
”fünften Kolonne” machte die Runde. Unliebsame Informationen
 in der Lokalpresse wurden sogleich den undichten Stellen
 in der Stadtentwicklung zugeschrieben.
In seinem Mißtrauen gegen uns, sah sich der Dezernent gezwungen,
 selbst zum Stift zu greifen. Unangenehme Nachhilfestunden
 an seinem Schreibtisch, sollten uns auf die Sprünge
helfen, wenn wir seine Anweisungen nicht gleich begreifen
wollten.
”Stadtentwicklung ist Stadtwerbung””’, sagte er und ging mit
mir Satz für Satz seine Argumentation durch.
Seine Begründung für den Standort der neuen Volkshochschule
 war unsinnig. Dennoch sollte sie den Lesern runterlaufen
 wie Öl. An keiner Formulierung dürften sie hängen bleiben.
Meine Phantasie versagte, aber mein Kuli schrieb. Der Dezernent
 diktierte. Worte mit -ung, Stützung, Stärkung, Nutzung,
Verpflichtung, Verbesserung wurden jedem Satz vorangestellt.
Dumme Gegenargumente wurden zum Beweis der Richtigkeit
der Dezernenten-Logik bedingt zugelassen. Zwingend führte
die Kette der Argumente zu seinem Ergebnis. Ein Waschmaschinentest
 sollte mir zum Vorbild dienen.

y 4
            
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