Nicht immer wehrte ich mich gegen Gefälligkeitsarbeiten.
Je öfter ich gezwungen war, Papiere zu korrigieren, und das zog
sich oft über Wochen hin, umso stärker entwickelte sich mein
Streben, den Anforderungen gerecht zu werden. Offene Verweigerung
hätte mich völlig ins Abseits getrieben, wohin ich
nicht wollte. Manchmal nahm ich die Zensur vorweg, war froh
oder erleichtert, den Chef schnell, ohne Beanstandung den gewünschten
Text liefern zu können. Es gab mir sogar das Gefühl,
qualifiziert zu sein.
Wir können uns wieder nicht in die Augen sehen. Tiefes Mißtrauen
bringt uns gegeneinander auf. Wir tun uns schwer, offen
miteinander zu reden. Dirk zögert nicht, meine finsteren Verdächtigungen
zu bestätigen. Er droht mir mit dem Amtsleiter.
Seit zwei Stunden lese ich Zeitung. Er sitzt am Nebentisch und
versucht zu arbeiten. Wir beobachten uns. Die Spannung wird
unerträglich. Es kommt zum Krach.
Nicht länger will er den Kopf für mich hinhalten. Jeder Verantwortung
würde ich mich entziehen und allen Streß allein
ihm aufladen. Meine Zeitungsleserei mache ihn arbeitsunfähig.
Es sei an der Zeit, dem Amtsleiter klarzumachen, daß er, Dirk,
bei meiner Arbeitsverweigerung keine Terminzusage mehr machen
könne.
Er setzt mich unter Druck,
Während des Studiums beschäftigte ich mich ausschließlich
mit der Analyse des kapitalistischen Systems und der Kritik
seiner Planungsinstrumente. Grunderkenntnis der ersten Semester:
Stadtentwicklung ist ein Produkt der anarchischen Entwicklung
kapitalistischer Warenproduktion. Der Versuch des
planenden, vorausschauend-lenkenden Eingriffs, bringt die Anarchie
auf erweiterten Stufenleitern ökonomischer Entwicklungen
erneut zum Ausbruch. Das sind Gesetzmäßigkeiten, die
gelten im Großen wie im Kleinen.
Ich wußte, was sich dahinter verbarg wenn von ””’Gemeinwohl”
die Rede war und lächelte milde, wenn Planer mit dieser
Vokabel auf den Lippen, für den ”sozialen Fortschritt” aktiv
werden wollten. Alles Missionarische im Planerethos lag mir fern.
Stadtplanung war ein Handlangerjob zur Umsetzung von Herrschafts-
und Profitinteressen. Über einen planerischen Spielraum
oder eine Eigenverantwortlichkeit des Planers habe ich
mir wenig Gedanken gemacht. Klar, die konservativen Größen
meines Berufsstandes waren auch verantwortlich für den Mist,
den sie entwarfen.
Wichtig war mir, in meinem neuen Job erst mal genau zu
studieren, wie sich Kapitalinteressen mit Hilfe der Planung in
einer Kommune umsetzen.
Dann wollte ich dafür sorgen, den Kollegen diese engen Zusammenhänge
deutlich zu machen, sofern noch irgendwelche
Planer-Illusionen in ihren Köpfen spuken sollten. Keiner sollte
mehr Arbeit und Engagement in ein Projekt stecken, als die
Analyse der politischen und ökonomischen Bedingungen uns
an Einflußmöglichkeiten ließ.
Bewußtmachen der wahren Interessenhinter den Planzeichen.
Herausholen von Information, Aufklärung und Propaganda,
das war es, was mir unter der Funktion eines Linken im Planungsamt
vorschwebte.
Dirk versuchte, mit Schunkelei und Kontakten zu Politikern
und Verwaltungsleuten, politisch Einfluß zu nehmen, um
seine Planungsabsichten besser durchsetzen zu können. Ich weigerte
mich, ihn dabei zu unterstützen.
Die Politiker sollten allein die Verantwortung tragen. Ich
war gegen die starke Einflußnahme der Verwaltung in die Politik
und wollte selber möglichst klar zwischen beruflicher
Funktion und politischer Position trennen.
Es gelang mir nicht.
Weder ließ unsere, vom Oberstadtdirektor geförderte Krisenmanagementfunktion,
noch meine persönliche Verantwortung
für die Vorbereitung wichtiger Planungsentscheidungen,
eine politische Zurückhaltung auf Dauer zu. Ich schrieb nicht
nur für den Papierkorb. Ich arbeitete mit an Plänen, die massive
Eingriffe in bauliche und soziale Strukturen zur Folge haben
würden. Ich schrieb Stellungnahmen zu den Anliegen Planungsbetroffener.
Die Einsicht in scheinbar mächtige ökono:
mische Interessen konnte mich nicht der Verpflichtung entheben,
eine Einflußnahme zu versuchen.
Zusammen mit Dirk und anderen Kollegen mischte ich mit
gegen Sanierungsvorhaben, Stadtautobahnen, Siedlungsabriß,
Prestigebauten und vieles mehr. Vielleicht scheiterten die meisten
Projekte auch ohne uns, an ihrer eigenen Mangelhaftigkeit
und Geldknappheit. Aber so standen wir wenigstens auf der
richtigen Seite. Wir halfen mit, Schlimmes zu verhindern.
Trotzdem kam es immer wieder zum Streit zwischen uns.
Das berufliche Engagement war Dirks einziges politisches Betätigungs-
und Bestätigungsfeld, sein politischer Beitrag. Sein
Schunkeln war nicht Politik, sondern Strategie,
mich abgrenzen und konnte doch eine klare N entan ES
vollziehen. Schwankend zwischen Arbeitsverweigerung U
politischer Einmischung, versuchte ich dem Selbstvorw Ne CAS
Opportunismus zu entgehen. Umso größer war mein Mißtr. es
gegen Dirk. Sein Verhalten gab Grund genug dazu DE
spekulierte mit dem Gedanken, in die SPD einzutreten u Te
Aussicht auf den Posten des stellvertretenden Ämtsler ön
verbessern zu können. eiters
Wim hieß unser dritter Mann in der Stadtentwicklungsabteilung:
Mitte dreißig, füllig, kurze Haare, Jungengesicht, ehrlicher
Sozialdemokrat. Er arbeitete sich hoch vom Maurer zum Diplom-Ingenieur.
Wim ist Verkehrsexperte. Neben seiner Arbeit
im Planungsamt engagierte er sich in einer Bürgerinitiative gegen
Autobahnbau. Die Trasse einer geplanten Autobahn sollte direkt
an seinem Haus vorbeiführen. Der Vater baute es eigenhändig,
kurz nach dem Krieg. Auf dem großen Grundstück haben
Wims Kinder ideale Spielmöglichkeiten. Eine Herde Gänse
bewacht die Idylle.
Offiziell beauftragt, inhaltlich in eigener Sache, verfaßte
Wim einen Bericht über die Vor- und Nachteile des neuen Autobahnanschlusses
für die Stadt. 40 Seiten fundierte Autobahnkritik
waren unserem Baudezernenten aber entschieden zuviel.
Es war klar, daß die Kollegen im Straßenbauamt Wims Argumente
nicht widerlegen konnten. Damit keine ’gefährliche Präjudizierung’
des Entscheidungsprozesses eintreten konnte,
zwang er Wim zu dem Versprechen, alle Exemplare des Berichts
sofort unter Verschluß zu nehmen und niemandem, auch
uns, seinen engsten Kollegen nicht, vom Inhalt Kenntnis zu
geben. Für den Fall der Mißachtung drohte er ihm Konsequenzen
an.
Wims sozialdemokratischer Ortsverein ließ Grüße ausrichten
und durchblicken, daß es in der Autobahn-Sache Amtspersonen
gäbe, die gebotene Sachlichkeit mit persönlichem politischen
Engagement vermischen. Wim war beunruhigt.
Schließlich hatten Wim und die Initiative aber doch Erfolg.
Nach jahrelangem Kampf gab die Regierung den Verzicht auf
diesen Autobahnabschnitt bekannt.
Direkte Verbindungen zwischen Amtsstuben und Öffentlichkeit
waren selten. Wim konnte seinen Einsatz auf eine fest verwurzelte
und verschworene Nachbarschaft stützen. Seine Parteifreunde
kannte er aus dem Sandkasten.
Dirk war Pendler wie ich, gehörte noch keiner Partei an und
stützte sich bei seinen beruflichen Initiativen auf einen kleinen
lokalen Freundeskreis freiberuflicher Planerkollegen, die den
Jusos nahestanden. Ich fuhr in den ersten Jahren im Ruhrgebiet
umher und hielt den Kontakt zu versprengten Bekannten aus
der Berliner Zeit aufrecht. Für Planung interessierten die sich
wenig. Nur langsam entstand ein zweites Netz persönlicher Verbindungen
unter Gewerkschaftlern und Planern. Direkte Kontakte
zu Planungsbetroffenen waren nicht darunter. Flüchtige
Verbindungen zu Bürgerinitiativen hier und da belegten und
konkretisierten Einschätzungen, die wir auch allein im Amt
durch ein wenig Analysieren und Diskutieren gewinnen konnten.
Meine eigenen Bemühungen in den Auseinandersetzungen
mit unseren Chefs, schienen mir oft, von größerer Bedeutung,
Ich war weitgehend auf mich selbst gestellt, meine Einschätzungen,
meine Moral, meine Skrupel. Keine Partei, keine Linie,
keine Bürgerinitiative, die mir gesagt hätten, wo es lang geht.
Der Versuch, gewerkschaftliche Positionen in die Planung zu
tragen, blieb rein theoretisch. Auch ein umgekehrter Kopplungsversuch
blieb in den Anfängen stecken. Ein halbes Jahr mühte
sich ein Grüppchen linker Planer im Ruhrgebiet, berufliche
Einsichten in Munition für gewerkschaftliche Interessenvertretung
umzuwandeln. Es fand sich keine Funktionärsebene, die
sie uns abnehmen wollte. Ich machte mir keine Illusionen darüber,
daß mein beruflicher Einsatz allenfalls Jusopositionen
entsprach.
Zeitweise packte mich massive Arbeitsunlust. Nichtstun
und Zeitungslesen war allemal besser, als unkontrolliertem Ehrgeiz
zu verfallen und Bündnispartner bei den Chefs zu suchen.
Konflikte mit den Kollegen deswegen blieben nicht aus. Und
immer wieder machte ich den gleichen schwammigen Vorschlag,
um unsere Zusammenarbeit nicht platzen zu lassen:
”Kollegen, ich will mich nicht drücken vor der Arbeit, sofern
sie notwendig ist. Aber laßt uns wieder mehr diskutieren, klar
rausarbeiten, was wir wollen, was sich umgehen läßt und was
nicht. Dann teilen wir die Arbeit gemeinsam auf und werden
auch sicher wieder miteinander auskommen.”
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