Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Stattbau statt Stadtbau 
Es gibt gegenüber der Linie des altehrwürdi- 
gen Bündnisses von Stadtbaukunst und 
Spekulation eine jüngere Linie der Opposi- 
tion. Nicht Staat oder Spekulation sollten in 
dieser Linie die Häuser der Arbeiter bauen, 
sondern die assoziierten Produzenten selbst. 
Ob das eine Stadt werden würde, war nicht die 
Sorge. Die frühen paternalistischen Sied- 
lungsunternehmen griffen alle nach nicht- 
städtischen Formen, sei es, daß man sich an 
den Mustersiedlungen der Heirnhuter orien- 
tierte, am Versailles Ludwigs XIV. oder an 
den ländlichen Kolonistensiedlungen. Demo- 
kratische Wurzeln hatten diese Formen nur 
z.T. aufzuweisen, prägender war das Nicht- 
städtische ihrer Ordnungsmuster. Es wurde 
auch das ganze 19. Jahrhundert hindurch, ob 
in Stadt oder Land, nur für die Arbeiter 
gebaut, nicht durch sie. Erst die politische und 
gewerkschaftliche Konsolidierung der Arbei- 
terbewegung und die in den neunziger 
Jahren beginnende bürgerliche Wohnungs- 
und Bodenrechtsbewegung besorgten die 
Voraussetzungen für eine genossenschaft- 
liche Selbstorganisierung des Wohnungs- 
baus, wobei Angestellten- und Beamten- 
vereinigungen den Weg parallel gingen. 
Die Unsicherheit, wie und wo zu bauen sei, 
war der oppositionellen Linie daher von 
Anfang an in die Wiege gelegt, und heraus- 
zufinden, wer denn nun das Subjekt des 
Bauens war und welche neuen Formen ihm 
zukämen, dazu blieb historisch keine Zeit. 
Denn kaum begannen die jungen Wohnungs- 
baugenossenschaften sich auf breiter Front zu 
regen, da wurden sie von einer neuen Welle 
überholt, die die traditionellen Ansätze 
bürgerlicher Arbeiterwohnungsfürsorge und 
die neuen Genossenschaften gleichsam zusam- 
menfassend beerbte. Gemeint ist der kommu- 
nale Wohnungsbau der zwanziger Jahre. War 
städtisches Bauen zuvor Domäne der Beam- 
tengenossenschaften und Erbbauvereine ge- 
wesen, so traten die sozialdemokratischen 
Stadtverwaltungen in Wien, Frankfurt, Berlin 
mit dem Anspruch auf, Arbeiterwohnungs- 
bau in Stadtform zu schaffen. In Berlin trat 
1925 an die Stelle von Ludwig Hoffmann, 
einem sich ganz als Stadtbaukünstler ver- 
stehenden Stadtbaurat, der ein Leben lang die 
Stadt mit öffentlichen Monumenten (Schulen, 
Krankenhäusern, Feuerwachen usw.) aufge- 
füllt hatte, ein Architekt, der Städtebau als 
Wohnungspolitik verstand: Martin Wagner. 
Eine der Stützen der Stadtbaukunst, das 
Stadtbauamt, wechselte die Partei. Der 
kommunale Anspruch, Stadt zu bauen, 
veränderte dabei aber auch den Typus 
Siedlung. Die Wiener Höfe reagierten auf die 
Stadt, sie propagierten sich lauthals als neue 
Versionen des prägenden Wiener Stadtele- 
ments, des Palastes. Ebenso ist in der 
Römerstadt oder in Britz das städtische 
Vokabular unübersehbar: es wird in Mauern, 
Torsituationen, Zentralfiguren geredet, beide 
Siedlungen sind im Maßstab ihres Stadtge- 
bietes gebaut, nicht als Modell 1:1 eines 
Kleinstadtbildes. Bildlichkeit wie Maßstäb- 
lichkeit weisen über die Siedlung hinaus, 
während gegenläufig der soziale Körper der 
Siedlung kleingegliedert und in gewissem 
Maße bereits auch anonymisiert wurde. 
Was schließlich ist heute von der Oppo- 
nentenrolle noch übrig? Die alten gewerk- 
schaftlichen, städtischen und genossenschaft- 
lichen Bauträger existieren alle noch, städti- 
sche und gewerkschaftliche haben sich zu 
Monsterunternehmen aufgebläht und blicken 
in der BRD auf zwanzig fette Jahre groß- 
flächig betriebenen „gemeinnützigen“ Woh- 
nungsbaus zurück, nach denen sie, was 
Umgang mit Stadt und Menschen angeht, von 
den alten Terraingesellschaften sich nur durch 
die Unfähigkeit zu bürgerlichen Formen 
Ritterstraß: Nord 
unterscheiden. Was sie geleistet haben, ist 
schlichtweg Stadtbau im affirmativsten Sinne, 
unter Anwendung von Stadtbaukunst zur 
Placierung von Baumassen. Es war allein der 
propagierte Typ von Stadt - die Stadtrand- 
siedlung bzw. das innerstädtische Wohn- 
quartier aus isolierten Hochhäusern und 
Großwohnungsanlagen -, der einen Platz 
freigelassen hat für die allmähliche Rückkehr 
der alten Sitte’schen Stadtbaukunst; die 
Privaten haben das etwas früher entdeckt, 
aber die großen Wohnungsbaugesellschaften, 
besonders die, die ökonomisch unter Druck 
stehen, sind inzwischen auch schon auf der 
Fährte. 
Der im sozialen Wohnungsbau einst ent- 
haltene Protest gerade gegen eine auf Speku- 
lation basierende Stadtbaukunst hat sich 
heute also noch weiter zurückgezogen. Nach- 
dem die Modelle des Stadtbaus von unten vor 
lauter Städtebau von denen des Stadtbaus von 
oben nicht mehr zu unterscheiden sind, spricht 
sich der Protest heute als negative Stadt- 
baukunst aus: als Ästhetik der Behutsamkeit. 
Ich will hier meine Parteilichkeit und 
Sympathie keineswegs verhehlen. Diese da 
berufene Behutsamkeit ist an sich eine seltene 
und nicht genug zu pflegende Pflanze: der 
Versuch, nach den wahnsinnigen Zerstörun- 
gen durch Autobahnbau, öffentlichen Woh- 
nungs- und Schulbau, Besetzung der Stadt- 
zentren durch Kaufhäuser, Versicherungen, 
Banken, Eigentumswohnanlagen usw. Vvor- 
sichtig zu werden, hinzusehen, was da ist, 
umzunutzen statt abzureißen. 
Wenn es bei dieser Behutsamkeit bleiben 
könnte, die sich in Formeln wie behutsame 
Stadterneuerung oder im Wortspiel Stattbau 
ausdrückte, gäbe es hier nichts einzuwenden. 
Das Problem ist nur, daß auch jetzt der soziale 
Widerspruch eben nicht in konkreten Situa- 
tionen spricht, sondern in einer merkwürdi- 
gen, offensichtlich seit Morris unverrückbar 
zur linken Bewegung dazugehörenden Asthe- 
tisierung. Lieber nichts als etwas, heißt die 
Grundformel, und sie allein wäre immerhin, 
wenn auch politisch falsch, so nach dem 
Gewesenen aber verständlich. „Stattbau“ und 
„behutsame Erneuerung“ - zufällige Namen 
an zufälligen Orten für eine ganz und gar nicht 
zufällige Verhaltensweise - meinen aber eine 
typische Architektenäußerung, eine negative 
Stadtbaukunst: die Verschönerung des Nicht- 
bauens. 
Über Nichtbauen und Nichtbebauung von 
Terrains kann man reden. Die Asthetisierung 
dagegen entzieht das Problem. Eine inner- 
städtische Freifläche soll frei bleiben, eine 
wilhelminische Ecke soll nicht bebaut werden, 
eine Blocksituation soll nicht neu determi- 
niert werden durch raumgreifende Nutzun- 
gen: alles das ist verständlich, hat vieles für 
sich, im Einzelfall auch vieles gegen sich, aber 
damit ließe sich leben. Die Ästhetisierung des 
Nichtbauens argumentiert dagegen mit der 
Verschönerung eines Zustandes, der viel- 
leicht richtig, aber jedenfalls nicht schön ist. 
Die Ästhetisierung, das städtebauliche Ele- 
ment, wird bloß vorgeschoben, damit man an 
das Problem in seiner Härte so schnell nicht 
herankommt. Statt die Härte des Wider- 
spruches zuzugeben, wird gesagt, es wäre 
schöner. Die Farbe eines Hauses wird z.B. 
plötzlich wichtiger als die Frage, ob gegenüber 
eine Lücke zugebaut werden soll. Die Zier- 
lichkeit eines Gartenhauses soll Rauman- 
sprüche begründen. Die Ornamentalisierung 
einer Freifläche soll eine Vorhaltung be- 
fürworten. Die Ausweisung klassizistischer 
Baukanten soll der Zerstückelung eines 
Geländes durch Straßenbau zuvorkommen 
USW. 
Woher diese Unfreiheit des Protestes? Es 
geht sicher nicht, oder nicht nur, um Taktik. 
Es geht um eine grundsätzliche Krankheit, an 
der der Protest selber leidet: das ungelöste 
Verhältnis zur Stadtbaukunst. Es ist im 
Grunde diese Linie indirekter Asthetisierung, 
die mit Unwin endgültig begann, und die bei 
Bruno Taut und Martin Wagner ihren 
Höhepunkt hatte. Es wurde damals politisch 
geredet und ästhetisch gedacht und gebaut. 
Heute ist es nicht viel besser, aber beinahe 
umgekehrt: es wird eher ästhetisch geredet, 
aber politisch gedacht und gebaut (oder nicht 
gebaut). Beides ist double blind, oder zumin- 
dest verwirrt, und beidesmal geht es um das 
ungeklärte Verhältnis von Asthetik und 
Politik. Das, was dem Stadtbaukünstler in 
den Schoß fällt, nämlich, daß seine von den 
Menschen abstrahierende Ästhetik mit der 
Ökonomie des Baumarktes so gut zusammen- 
stimmt, das wird dem linken Architekten aus 
Prinzip verweigert, er muß sich Stimmigkeit 
erst hart erkämpfen, nämlich, die wirkliche 
Einheit von ästhetischer und politischer 
Aussage, Verhaltensform, Erscheinung. 
Ästhetik ist zu wichtig, um Verkleidung zu 
sein, wenn man es begriffen hat, ist sie die 
politische Aussageform schlechthin. Das setzt 
aber ästhetische und politische Furchtlosig- 
keit voraus. Die behutsamen Architekten und 
Planer haben Angst vor ihren eigenen Reali- 
sierungen, sie fürchten sich im Grunde vor sich 
selbst, vor der Macht der Architekten zur 
Veränderung, aber auch zur Vergewaltigung 
von Situationen, der sie, wenn sie isolierte 
Objekte planen, offenbar erlegen sind. 
Wenn das so sein sollte, kann man ihrer 
Weigerung nicht trauen. Die Asthetisierung 
des Nichtbauens bleibt auf einem mittleren 
Abstraktionsniveau, wo man an die Knack- 
punkte der einzelnen Situation gar nicht 
herankommt. Die Asthetisierung verdeckt 
also auch politisch eine mittlere Abstraktion, 
eine Haltung auf halbem Wege zwischen der 
Perspektive von oben, die der Stadtbaukunst 
wie der Sanierung zueigen ist und der wirk- 
lichen Ausgesetztheit im Einzelfall, dem 
Zugeben der Gemeinheiten vor Ort. Der 
Einzelfall aber ist eine Instanz, der die Beschö- 
nigungen, wie sie der Ausdruck Behutsamkeit 
so gut betreibt wie die angedeuteten Asthe- 
tisierungen, nicht zuläßt, will man nicht in ein 
Reden mit doppelter Zunge kommen, ins 
Rechtfertigen von nicht Rechtfertigbarem, in 
die Verschönerung von politischer Unent- 
schlossenheit, Taktik, Ideenlosigkeit oder von 
egoistischen Flächenansprüchen. Und mit all 
dem hat man es in der Stadtplanung und 
Stadterneuerung schließlich alle Tage und 
allenthalben zu tun. Die Weigerung, sich an 
einem gegebenen Punkt aus freiem Willen voll 
architektonisch zu engagieren, bleibt immer 
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