Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

lichkeiten oft und eindringlich wissenschaft- 
lich und literarisch beschrieben worden. Sie 
zwingt zum Stillhalten, zur Untätigkeit, zur 
Passivität in fast jeder Hinsicht. 
Stehplatz, Gehweg, Zelle sind Bühnen, die 
menschliches Leben einschränken. Man könn- 
te Häuser und Stadtbau nach dem Prinzip von 
Stehplatz, Gehweg und Zelle absuchen und 
fände heraus, wie stark der größte Teil von 
ihnen davon geprägt ist. 
Ihre politischen, ökonomischen und gestal- 
terischen Produzenten infiltrieren den Be- 
nutzern meist das Bewußtsein, daß sie versorgt 
werden. Propagandistisch hat die Wohnungs- 
politik bis heute den Krieg und den Mangel 
präsent gehalten und suggeriert: ein „Dach 
über dem Kopf“ ist schon viel; mehr kann man 
nicht verlangen; Glück besteht in sanitärer 
Einrichtung und technischer Ausstattung wie 
zum Beispiel Alu-Fenstern sowie in Fernseh- 
Programmen (ihre Steigerung steht mit der 
Verkabelung an); Wohlhabenheit drücke sich 
in Requisiten wie Auto und Möbeln aus. 
Damit schieben die Architektur-Produzenten 
ihre spezifische Verantwortung für die Bereit- 
stellung von Entfaltungsmöglichkeiten des 
Lebens ab: sie weisen sie den ohnmächtigen 
Benutzern zu; sie verschieben sie in Konsum- 
Bereiche, die von der Architektur unabhängig 
sind. 
In diesem Schwarzer-Peter-Spiel ist schließ- 
lich niemand mehr zu fassen. Und jeder 
Produzent kann es für seine Werbung zu 
seinen Gunsten umkehren: ob mit Möbeln, ob 
mit Kabelfernsehen, ob mit einer Urlaubsreise 
- stets kann er sein unkomplexes Produkt mit 
einem umfassenden Glücksversprechen an- 
preisen. 
Die Versorgungsarchitektur ist der Primi- 
tiv-Zustand von Haus und Stadt. Um die 
Versorgten zu täuschen, schafft oder verweist 
sie auf Surrogate, die durch den angenehmen 
Schein ersetzen sollen, was an realer Ent- 
faltungsmöglichkeit vorenthalten wird. 
Mitwirkende: eine Hofbericht-Erstattung 
in der Architektur-Journaille; Architektur- 
Abteilungen, die beharrlich den Zustand 
lehren statt ihn kritisch zu befragen und 
zumindestens gedanklich zu seiner Verände- 
rung beizutragen; Bau-Geschichte, die sich 
weitgehend immer noch auf formale Erschei- 
nungsformen reduziert. 
Die komplexe Bühne: Demokratische 
Architektur 
Im Gegensatz zur Versorgungsarchitektur, die 
die Unterentwicklung des Lebens besorgt, 
schafft eine entwickelte Architektur der 
Entfaltung des Lebens, das heißt seiner 
Komplexität, vielfältige Szenerien. 
In ihr steckt - im Gegensatz zur stillsetzen- 
den Versorgungsarchitektur - stets das Prin- 
zip, die Eigentätigkeit der Menschen anzu- 
regen. Dies ist ein elementarer demokratischer 
Ansatz: durch Eigentätigkeit erfährt sich der 
konkrete Mensch als ein aktives Wesen, das 
sich seinen Raum in einer entwickelten Weise 
aneignen kann; er erlebt sich nicht als Objekt, 
sondern als Subjekt des Raumes; er kann sich 
in Selbsttätigkeit einüben. 
Es handelt sich hier um eine fundamentale 
Ebene. Das Vorenthalten solcher Erfahrun- 
gen verhindert, daß über sie hinaus in weiteren 
Ebenen Ziele wie Selbsttätigkeit, das heißt 
Demokratie, gesetzt und realisiert werden 
können. Man weiß inzwischen, wie sich dies 
beispielsweise in Schule und Universität aus- 
wirkt. Entwickelte Architektur wurde ın den 
70er Jahren (auf der Grundlage der hier 
vorgestellten Architektur-Theorie) analysiert: 
die venezianische Insel Burano, die Arbeiter- 
siedlung Eisenheim im Ruhrgebiet, eine 
Altstadtstraße und ein Hochhaus-Bereich in 
Caen. die Spanische Treppe in Rom und 
Sozialer Raum und Mathematischer Raum 
Die hier vorgetragene These behauptet, daß 
Raum sozialer Raum ist. Das heißt: es gibt 
- abgesehen von Ausnahmen - nicht den Raum 
an sich, sondern nur die jeweils begründete, 
mit Intentionen versehene Besetzung eines 
„Ortes“. Darüber hinaus: die Zusammen- 
setzung von mehreren „Orten“. Wenn man die 
Stadtbau-Geschichte der toskanischen Demo- 
kratien mit Hilfe historischer Quellen be- 
treibt, wird sichtbar, daß Plätze stets nach 
diesem Prinzip entstanden sind. Gründe, wie 
zum Beispiel die Notwendigkeit eines neuen 
Marktes oder seiner Vergrößerung, führen 
zum Abriß von Häusern und zur Anlage eines 
Platzes. Die Art und Weise, wie dieser Platz 
im einzelnen detailliert wird, hat mit den 
Details der Gründe, etwa Praktiken des 
Marktes, zu tun, schließt aber auch weitere 
Gründe ein: etwa, daß sich die Leute bequem 
bewegen können, daß sie ihren aufrechten 
Gang genießen usw. 
Die Plätze sind in Florenz dezentral 
gestaltet - entsprechend demokratischer An- 
schauung, die nicht an Vorrangstellungen 
interessiert ist.® 
Im 15. Jahrhundert entdecken Aufklärer, 
daß in der Realität Mathematik steckt: als ein 
Charakter der Realität, hart an sie gebunden. 
Wenn dies nun in der Architektur sichtbar 
gemacht wird, bleibt es in der Demokratie 
stets präzis an den konkreten Menschen 
gebunden. Menschliches Maß und Mathema- 
tik gehören zusammen. 
Mit der Fürsten-Herrschaft wird die 
Mathematik auf den Fürsten bezogen: er wird 
ihr Mittelpunkt. Nun entsteht eine Hierarchie, 
in der das Maß der „gewöhnlichen“ Menschen 
seine Bedeutung verliert und bald nicht mehr 
zählt. Der mathematische Gigantismus re- 
präsentiert den immer mächtiger werdenden 
absolutistischen Herrscher und benutzt die 
Leute nur noch zum Einfüllen in diese Reprä- 
sentation. Der großbürgerliche Absolutismus 
des 19. und 20. Jahrhunderts ist lediglich eine 
Variation des gleichen Prinzips. 
In der Tradition der Entgegenständlichung 
um 1900, die eine Flucht in eine imaginierte 
künstlerische Innenwelt ist, wird aus der 
Mathematik der fürstlich- oder großbürger- 
lich-absolutistische Bezugspunkt herausge- 
nommen. Zurück bleibt die Mathematik an 
sich. Unter dem Einfluß der Industrialisie- 
rung wird sie zur Technokratie’, die zwar 
menschliche Ziele behauptet, sich jedoch nur 
selten darauf einläßt, Mathematik wie in ihrer 
Ausgangsphase im 15. Jahrhundert auf den 
konkreten Menschen zu beziehen. 
Die sogenannte postmoderne Architektur 
ist nach wie vor der Verselbständigung des 
Raumes verhaftet. Sie entwirft Raum und füllt 
(wenn überhaupt) Menschen ein, statt den 
Raum von den Menschen her zu entwickeln, 
wie es unter dem Aspekt einer Theorie des 
sozialen Raumes geschieht. 
Soziale Kritik zielt auf die Wiederherstel- 
lung der Ausgangslage, in der die Mathematik 
in Beziehung zum konkreten Menschen steht 
und dadurch ein Charakter der Ausdrucks- 
gestalt des sozialen Raumes ist. 
Szenerien in Berlin (siehe Literaturverzeich- 
nis). 
Schein-Öffentlichkeit als höchster Grad der 
Unzugänglichkeit 
Eigentätigkeit und soziale Bezüge 
Man wird vielleicht denken können, daß 
Monumental-Architektur, plaziert an den 
Knotenpunkten der großen Verkehrswege, die 
öffentlichsten Bauten sind, verstärkt durch ihr 
häufiges Erscheinen in den Medien. Wenn 
man jedoch fragt, was von ihnen denn wirklich 
durchschaubar und was von ihnen umgäng- 
lich, das heißt vielfältig benutzbar, ist, dann 
sieht man rasch: nichts. Sie illusionieren 
Öffentlichkeit wie die Könige, die scheinbar 
allgegenwärtig sind, in Wirklichkeit jedoch 
das unzugänglichste Dasein führen. Wenn 
man diese sogenannten öffentlichen Gebäude, 
ähnlich wie die öffentlichen Figuren, an ihrem 
Anspruch mißt, dann zeigt sich, daß alles noch 
viel schlimmer ist: daß die Illusion die 
gefährlichste Form der Verhinderung dar- 
stellt. .Sie bedeutet nicht nur die bloße 
Abwesenheit des Öffentlichen, sondern Täu- 
schung und gezielte Lüge. 
Eigentätigkeit ist die erste Ebene einer 
demokratischen Architektur. Wenn Architek- 
tur die Aktivität von Menschen anregt, ist dies 
stets ein Wert - auch in teuren Einfamilien- 
Häusern. Aber dort bleibt dies im Rahmen des 
Innerfamiliären. Diese Beschränkung des 
Lebens hat jedoch ähnliche Folgen wie in der 
Hochhaus-Wohnung: im Hinblick auf die 
soziale Entfaltung des Lebens bleiben die 
Menschen einsam. Im Gegensatz zu den dazu 
von außen verurteilten Nichtbesitzenden 
haben die Reichen ihre soziale Isolierung 
selbst beschlossen. Dies drückt sich konkret 
aus: ihre Architektur-Bühne des Einfamilien- 
Hauses ist auf die Verhinderung sozialer 
Zusammenhänge nachbarschaftlicher Art hin 
angelegt. Dazu gehört eine Vielzahl von 
detaillierten Maßnahmen. Jedes ihrer archi- 
tektonischen Details ist Symbol für eine 
distanzorientierte Verhaltensweise der Be- 
sitzenden. 
Architektur bietet die Möglichkeit, eine 
Bühne für individuelles und soziales Gesche- 
hen zu schaffen. So wichtig es ist, „Spiel“- 
Raum für individuelles Verhalten zu gestalten 
- bleibt es dabei, ist das Ergebnis eine 
unsoziale Egozentrik. 
Eine höhere Ebene der Entfaltung mensch- 
licher Tätigkeit, und das heißt wirklicher 
demokratischer Aktivität, wird erst realisiert, 
wo die Architektur als Bühne die Dimension 
des Öffentlichen erhält. 
Eine demokratische Architektur bietet die 
Möglichkeit, nicht passiv zu bleiben, sondern 
aktiv zu werden; und sie isoliert nicht, sondern 
schafft konkrete soziale Bezüge. 
Resümee 
Ich resümiere noch einmal den Kern dieser 
Architektur-Theorie: . 
® Architektur als Bühne ist eine Art Mit- 
spieler im Ablauf der Lebensvorgänge 
von Menschen. x 
® Ist die Bühne reduziert, wird Leben behin- 
dert, beschädigt, genommen, auch zerstört. 
® Ist die Bühne entfaltet, kann sich Leben 
besser entwickeln. . f 
® Versorgungsarchitektur ist eine Bühne wm 
Minimalebene. Sie verhindert weitgehen 
menschliche Eigentätigkeit. Sie macht den 
Menschen zum Objekt. hält ihn unmündig, 
setzt ihn still. 
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