Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

schwarzen Strich führt, ein Schild: „Nur für 
Anlieger”, deshalb nehme ich einen kleinen 
Weg hinter der Ortschaft rechts. Steine schla- 
gen gegen das Bodenblech, dann, oben, eine 
Sperre. Ich stehe über einem Bunkereingang, 
ein anderer liegt gegenüber, dort, wo früher 
der Tunnel den Kratzemich verließ. Rechts 
davon windet sich langsam ein Bundesgrenz- 
schutzbus den Hang hoch. In der Luft 
brummt ein einmotoriges Flugzeug, sonst 
herrscht friedliche Stille. 
Zwischen den beiden Bunkereingängen er- 
streckt sich ein flaches, leer erscheinendes 
Gebäude mit seltsamen Boxen, weiter der 
Ortschaft zu ein altes, efeuumranktes Ge- 
höft. Hier wurde 1953 die erste zentrale Aus- 
bildungsstätte des Technischen Hilfswerks 
eingerichtet. Um 1957 bemerkten die An- 
wohner, daß die Tunnels wieder ausgebaut 
wurden. 1960 kam das Ausbildungszentrum 
des Luftschutzhilfsdienstes hinzu. Beide In- 
stitutionen wurden 1965, ein Jahr vor der er- 
sten FALLEX-Ubung im Ahrtal, nach Ahr- 
weiler verlegt, wo sie in Behelfsunterkünften 
hausten. 1971 entstand aus den beiden Schu- 
len die Katastrophenschutzschule des Bun- 
des, die dann 1974 den heutigen Neubau be- 
ZOg. 
Im Gegensatz zu seinem mir von Fotos ver- 
trauten Gesicht unter der Mütze mit der Auf- 
schrift „Katastrophenschutz”, hat Dr. Lorenz 
am Telefon eine kultivierte, fast schon etwas 
müde klingende Stimme. Nein, vom Bundes- 
amt habe er noch keinen Bescheid, doch ste- 
he schon fest, daß sich mein Besuch auf einen 
Tag beschränken müsse, beim besten Willen. 
Beginn 9 Uhr, Ende 15 Uhr. „Nein, wenn Sie 
schon hier sind, wollen wir Sie auch betreu- 
en, nicht daß bei Ihnen ein falscher Eindruck 
entsteht. Wie Sie wissen, gehen wir ja in un- 
seren Übungen vom V-Fall aus.” V-Fall heißt 
Verteidigungsfall.Ja, man werde mich in eini- 
ge Kurse „einschleusen”. Wir halten Don- 
nerstag fest, ich möge jedoch vorher noch 
einmal anrufen. 
Die Lektüre des ZS Magazin, Zeitschrift für 
Zivilschutz, Katastrophenschutz und Selbst- 
schutz, hrsg. v. BdI, i.A. des BVS, ist mir in- 
zwischen zur lieben Gewohnheit geworden. 
Im Maiheft lese ich unter der Überschrift 
„’Sabotage’ hält Helfer in Atem” den Bericht 
über eine Katastrophenschutzübung in Köln. 
Beteiligt: 2700 Helfer. Ubungsannahme: 
„Durch besondere Ereignisse in den östlichen 
Nachbarstaaten erfolgt ein Abbruch der au- 
Benpolitischen Beziehungen zu diesen Län- 
dern. Sanktionen der westlichen Staaten wer- 
den angekündigt. Durch die immer häufiger 
werdenden Anschläge subversiver Kräfte in 
der BRD wächst die Unruhe in der Bevölke- 
rung. Die Feststellung des Spannungsfalls 
durch den Bundestag ist in den nächsten Ta- 
gen zu erwarten.” Anläßlich einer Lagebe- 
sprechung des Bundeskanzlers am 19. April 
in Köln Alarmierung des Katastrophenschut- 
zes durch Oberstadtdirektor Rossa. „Die Sa- 
botageakte erfolgen Schlag auf Schlag: Im 
Westen Kölns wird ein Munitionsbunker in 
die Luft gejagt; in unmittelbarer Nähe zün- 
den kurz darauf in einer Gasübernahmesta- 
tion Sprengkörper, in einer Chemiefabrik 
kommt es zu weiteren Explosionen; im Süden 
der Stadt entgleist ein D-Zug; im Osten stürzt 
ein Flugzeug auf einen Campingplatz; in ei- 
nem dichtbesiedelten Wohn- und Industrie- 
gebiet erfolgen mehrere Detonationen in ei- 
nem Kabelwerk.” 
Aus meiner Loseblattsammlung erfahre ich, 
daß mit der Erklärung des Spannungsfalls die 
gesamte Notstandsgesetzgebung in Kraft ge- 
setzt werden kann; daß die Post jetzt nur 
noch Briefe bis 250 Gramm, gewöhnliche 
Postkarten und Postanweisungen bearbeitet; 
daß der Wechsel des Arbeitsplatzes untersagt 
ist und unentschuldigtes Fernbleiben von der 
Arbeit. überschreitet es drei Tage, mit Ge- 
fängnis bis zu einem Jahr bestraft werden 
kann; daß sich zur Unterbringung des Notge- 
päcks am besten „ein Rucksack eignet, weil 
er dem Träger die Hände freiläßt”; daß Kata- 
strophengaffer schon im Frieden zur Mitar- 
beit verpflichtet werden können (KatsG 
NRW). 
Ich lese in derselben Ausgabe des Magazins 
den Vorschlag eines Dr. med. R. Schulz, zur 
Bettenaufrüstung im Katastrophenfall even- 
tuell auch entlassungsfähige Patienten für 
kurze Zeit notdienstzuverpflichten, und grei- 
fe mit meinen noch freien Händen zum Tele- 
fon, um Dr. Lorenz, wie abgesprochen, ein 
letztes Mal anzurufen. 
Nein, endgültigen Bescheid habe er immer 
noch nicht, doch es bleibe bei Donnerstag. 
„Und Sie werden mich, wie versprochen, in 
einige Führungskurse einschleusen?” frage 
ich. „Aber Herr E., wie meinen sie das, ein- 
schleusen, das geht alles ganz offen vor sich — 
Sie haben da nicht etwa eine Tarnkappe auf, 
hahaha!” 
fünneff 
Um 8.45 Uhr bin ich in Ahrweiler und fahre 
die Abzweigung nach Süden den Hang hoch. 
Einige Einfamilienhäuser an der Straße, noch 
eine Schleife, dann rechts ein Gebäude, das 
zu dem Komplex der „Katastrophenschutz- 
schule” gehören könnte. Hier standen früher 
Obstbäume. Ein Schild nach rechts, und ich 
holpere über eine Baustelle mit Männern auf 
eine Schranke zu. Wenn es einfache THWler 
sind, so waren es die einzigen, die ich wäh- 
rend meines Besuchs zu sehen bekommen 
sollte. 
Ein Mann in Katastrophenschutzuniform 
kommt aus dem Schrankenwärterhäuschen. 
„Fahren Sie bitte dort auf diesen Parkplatz: 
Dr. Lorenz kommt dann in einigen Minu- 
ten.” Ich tue wie gesagt, steige aus, lege den 
Film ein. Dr. Lorenz wartet noch vor dem 
Schulungsgebäude, kommt auf mich zu, lang- 
sam, dann schüttelt er mir die Hand. Mein 
Ton ist heiter. Zwei weitere Herren. Herr 
Mehlkorn, eine Art Adjutant, in Uniform, 
und Herr Danzes (oder Banses?), sportlich 
gekleidet, ungefähr 33, rotboldes Haar, rot- 
blonder Schnurrbart, rotblonde Wimpern, 
vom Bundesamt für Zivilschutz. Ich verstehe 
seinen Namen nicht genau. Herr Dr. Lorenz 
(Leiter der Schule), Herr Banzes und ich stel- 
len uns auf und werden fotografiert. Dann in 
einem Vorraum des Kasinos. Das Besucher- 
buch. Ein Blatt, auf dem schwarz mein Name 
steht und der Verlag, dür den ich schreibe. 
„Schön”, lobt Herr Panzes, „schön ge- 
macht.” Vor mir war ein israelischer Oberst- 
leutnant da. 
Eine weißgekleidete Kantinenfrau bringt 
Kaffee. Dr. Lorenz sitzt an den u-förmig zu- 
sammengestellten Tischen an der rechten 
Flanke. Ich bin im der Mitte, Danses, durch 
einen Stuhl getrennt, links neben mir. An der 
linken Flanke Mehlkorn. „Ich bin alt”, sagt 
Dr. Lorenz, „ich habe kein Feuer mehr.” 
Mehlkorn geht um die Tische herum und zün- 
det ihm die Zigarre an. Dr. Lorenz legt das 
erste Dia ein. 
Schema Gesamtverteidigung, Schema Zivil- 
verteidigung, Schema Katastrophenschutz. 
Die Verantwortung für den Katastrophen- 
schutz liegt im Frieden und im Krieg zunächst 
prinzipiell beim Hauptverwaltungsbeamten 
(HVB) auf Kreisebene (Oberbürgermeister, 
Oberstadtdirektoren, Landräte, Oberkreisdi- 
rektoren). Die Bürgermeister und Stadtdi- 
rektoren haben, glaube ich, auch noch ein bi- 
schen was zu melden. „Es zeigt sich immer 
wieder”, sagt Dr. Lorenz, „mit welchem En- 
gagement die Leute dabei sind. Hat mir doch 
da der, HVB Kitzingen freudestrahlend ge- 
schickt, was er nach der Schulung vorbereitet 
hatte.” „Verwalten”, sage ich, „ist ja etwas 
anderes als führen.” Ob es denn genügend 
qualifizierte Führer im Katastrohenschutz ge- 
be? „Ach”, sagt Dr. Lorenz,.„es gibt ja genü- 
gend Reserveoffiziere”, und außerdem seien 
seit 1953 schon eine ganze Menge von Füh- 
rern aller Fachleute ausgebildet worden. 
Klack, ein neues Dia. 
Erweiterter Katastrophenschutz. Geplant: 
600 000, davon 200 000 Mann Verstärkung. 
„Aber”, erläutert Dr. Lorenz, „vorderhand 
bleiben wir auf 141 500, bis die Konsolidie- 
rungsphase abgeschlossen ist. Wir aktivieren, 
wenn Sie so wollen, durch Gerät und Aus- 
stattung den in den Helfern kapitalisierbaren 
Betrag.” Klack. die verschiedenen Fachdien- 
ste des Erweiterten Katastrophenschutzes. 
„Hat man nun eigentlich”, frage ich beim 
Schema des Brandschutzdienstes, „diese 
Schläuche, ich glaube mit kleinerem Durch- 
messer, gekauft, die eine Wasserförderung 
auf größere Distanz ermöglichen?” „Woher 
wissen Sie denn das? Nein, das hat sich nicht 
als zweckmäßig erwiesen. Die Feuerwehren 
sehen verschiedene Formate nicht gerne.” 
Ich denke an die Rede Bürgers, des Präsiden- 
ten des Deutschen Feuerwehrverbandes, im 
September 1979, wo dieser über das Zivil- 
schutzkorps von 1966 ausgführte: „Das Zivil- 
schutzkorps konnte infolge mangelnder Fi- 
nanzen nicht verwirklicht werden. Ganz vom 
Tisch ist es mit Sicherheit nicht. Es gibt im 
Bundestag Gruppierungen auch in jüngster 
Zeit, die zum mindesten die Aufstellung von 
Kadereinheiten des Zivilschutzkorps wün- 
schen. Die Feuerwehren werden argwöh- 
nisch jede Bewegung in dieser Richtung ver- 
folgen.” 
„Nein”, sagt Dr. Lorenz, „die Feuerwehr ist 
rein friedensmäßig ausgerüstet.” Er wirkt 
deshalb nicht weiter beunruhigt. 
„Und die Aufstellung von Bereitschaften?” 
frage ich. „Wie stehen Sie eigentlich dazu?” 
„Wenn es sich nicht gerade um Wasserförde- 
rungsbereitschaften handelt, die halte ich für 
übertrieben, ja! Wenn Sie sich mit Fachleu- 
ten unterhalten, wird Ihnen jeder sagen, daß 
im zweiten Weltkrieg für die HVBs, örtliche 
Luftschutzleistungen hießen sie damals, Zü- 
ge, die sie gerade bei den hektischen Einsät- 
zen ins Geschehen geworfen haben, meist 
verschwunden waren. Die kamen erst wieder 
zum Vorschein, wenn sie die Brandstelle ab- 
gelöscht hatten. Wenn ich bei solchen Einsät- 
zen wie beim Waldbrand in Niedersachsen 
sagen kann: Zack, dem geb ich seine Bereit- 
schaft entsprechend dem Einsatzort, bin ich 
jeder Sorge enthoben.” 
Ich frage nach der undichten Stelle an der 
Stiefelstulpe des ZODIAK-Anzuges und den 
260 Pritschen- und Geländewagen LA 1113 B 
und 911 Marke Mercedes, die bei über 33 km/ 
h so gerne umkippen. Nichts Weltbewegen- 
des! Mit der Herstellerfirma des ZODIAK 
sei schon gesprochen worden. Und wegen der 
Wagen müsse ich mich am besten an den Her- 
steller wenden. Ob sie denn noch im Einsatz 
seien? Dazu könne er nichts sagen. Stapf, 
stapf, durch die Fettnäpfchen. 
„Herr Budeck!” ruft Dr. Lorenz im Kanti- 
nenvorraum, bevor wir in den ersten Lehr- 
gang hinübergehen. „Sie sind zunächst ent- 
lassen. Ich würde sagen: 13 Uhr.” „Alles 
klar.” „Kurz hiersein.” „Jawoll! Alles klar! 
Machen wir!” Budeck hat eine Schachtel HB 
in der abgenommenen Katastophenschützer- 
mütze. Dr. Lorenz braucht seine nicht für 
den kurzen Weg. Sie wird ihm abgenommen. 
Was hier in Ahrweiler ausgebildet wird, ist 
die Creme des Katastrophenschutzes. Die 
übergroße Mehrheit von 1,3 Millionen Hel- 
fern (Freiwillige und Ersatzdienstleistende) 
wird auf Standortebene geschult. 10 bis 15 
Prozent, hauptsächlich Unterführer und Zug- 
führer. kommen auf die Landesschulen für 
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