Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Katastrophenschutz, die bereits der Bund fi- 
nanziert. Nur 2 bis 4 Prozent schaffen es bis 
hierher: Zug- und Bereitschaftsführer be- 
stimmter Fachdienste, die Stäbe der HVBs, 
leitende Zivilschutzkräfte des Bundes und 
der Länder. Die Schule wird auf Führungs- 
wissen umstrukturiert. Für „hochkarätige 
Fragen der Zivilverteidigung” gibt es dann 
noch die Akademie für Zıvile Verteidigung in 
Bad Godesberg: „Verdeutlichung der Sicher- 
stellungsgesetze” usw. Für die Creme de la 
Creme. 
„Wir wollen nur kurz hierbleiben”, sagt Dr. 
Lorenz und stellt mich vor. Etwa 30 Männer 
im Halbkreis auf Stühlen, vor ihnen ein Aus- 
bilder, eine große Karte der Bonner Innen- 
stadt, darüber eine taktische Uhr. Die „Scha- 
denslage”: Gewaltige Brände und Zerstörun- 
gen, der Bahnhof mit Tankwagen schwer ge- 
troffen. Um genügend Löschwasser heranzu- 
schaffen, wird der Rhein angezapft: „Pum- 
penmäßig zu schaffen, auch Reibungsverlust, 
alles berechnet, nach diesem Schema geht 
das.” „Befehl ist Befehl.” Soweit ich verste- 
he, sind mindestens vier Bereitschaften im 
Einsatz. Einer der Feuerwehrleute wirft ein, 
er habe so ein Schadensbild in der Praxis nie 
erlebt. „Das”, erläutert mir Dr. Lorenz flü- 
sternd, „ist eine der typischen Schwierigkei- 
ten, mit denen wir zu kämpfen haben.” 
Dann wieder zum Diavortrag in den Kasino- 
vorraum. Schweißen von Rohrleitungen un- 
ter Druck. Ausbildung von Sprengberechtig- 
ten. Freundschftsbesuche. Ein Südkoreaner, 
klein, gedrungen, im Anzug. „Ein General, 
glaube ich”, sagt Dr. Lorenz. Ein Dr. Fried, 
Leiter des israelischen Zivilschutzes. Belgi- 
sche Freunde. Dann Rouladen mit Gemüse 
und Kartoffeln. Verzweifelt versuche ich, in 
philosophische Tiefen zu stoßen. „Hat man 
eigentlich, wenn man sich wie Sie, Dr. Lo- 
renz, über so lange Zeit mit dem Katastro- 
phenschutz beschäftigt, eine Theorie der Ka- 
tastrophe? Ich meine die Gründe für Kata- 
strophen.” Als Anregung verweise ich auf ein 
Unglück an einem Bahnübergang in Mün- 
chen-Allach, dessen Schranke vom Schran- 
kenwärter am Tag 200mal geöffnet und ge- 
schlossen werden mußte. 
Herrn Dr. Lorenz, der, wie sich dabei her- 
ausstellt, im Zweiten Weltkrieg Minen in 
Skagerrak verlegte, fällt dazu ein Bauarbeiter 
ein, der mit ihm einst im selben Propellerflug- 
zeug nach Berlin flog und drei Benzinfla- 
schen im Gepäck hatte. „Die Augen von dem 
Mann hätten Sie sehen müssen, als die Ste- 
wardeß mit einer Anzeige wegen Transport- 
gefährdung wiederkam.” Menschliches Ver- 
sagen. Entfesselte Naturkräfte. Nach dem 
Essen fahren wir in einem Kleinbus zügig 
über das Gelände. „Und hier”, sagt Dr. Lo- 
renz, „haben wir unsere berühmte Trümmer- 
straße.” 
Eine restlos zusammengebombte Straße. 
Ein Schild: „Fichtenstraße 7”. Eine im Schutt 
steckende riesige Flügelbombe. „Hinten in 
dem Trümmerkegel”, erläutert Dr. Lorenz, 
„können bis zu sieben Verletzten-Darsteller 
eingelegt werden.” Ein Totenkopfschild: 
„Blindgänger — Lebensgefahr!” Ein Keller, 
der verqualmt werden kann, um das Tragen 
von schwerem Atemschutzgerät zu üben. Ei- 
ne dicke durchlöcherte Betonwand: Befrei- 
ung aus Schutzräumen mit Hilfe einer Sauer- 
stofflanze. Kein Mensch weit und breit, auch 
in den Mannschaftsunterkünften, Blechhäu- 
sern und „skandinavischen Holzhütten” nie- 
mand. Die Holzhütten sind vom THW selbst 
gebaut, oben halboffen. Enge Feldbetten, 
übereinander. „Das können wir natürlich den 
HVBs und Stäben nicht zumuten”, sagt Dr. 
Lorenz. Die schlafen unten im Gästehaus. 
In der Zeit vom 18. bis 29. September 1978 
führte das Wehrbereichskommando IV ge- 
meinsam mit der Landesregierung Rhein- 
land-Pfalz, weiteren zivilen Behörden, Kata- 
ah Ya 
ira dd AP 
a A 
„Jenzin 
SE 
a 
Bezugichein a 
FF eizöl. 
0000 
0000 
Nr.0000 
NAME: ....-. 
STRASSE: o.0.. 00000000 000 0 a0 
WOHNORT: .. 
VERLETZUNGEN : 
ff. 
EN 
NA 
U 
aM 
ZEIT: 
im: 
Hl 
Behandlungs- 1 
priorität 
Transport- 
2 priorität 
Spätere 
3 Versorgung 
strophenschutz-Organisationen und -Einhei- 
ten die Wehrbereichsgefechtsübung ’Blauer 
Amethyst’ im Regierungsbezirk Trier durch. 
An dem Manöver nahmen das Verteidigungs- 
bezirkskommando 42 Trier mit zwei Verteidi- 
gungskompanien teil, außerdem Sicherungs- 
kompanien und ein Jägerbataillon der Hei- 
matschutztruppe einer alliierten Einheit. Auf 
ziviler Seite sollte der Einsatz von Einheiten 
des erweiterten Katastrophenschutzes und 
der Polizei im Verteidigungsfall im Vorder- 
grund stehen. 
Unter Punkt 5.2 der Auswertung lese ich 
unter der Überschrift "Ungelenkte Bevölke- 
rungsbewegungen’: „Das Auftreten von 
Flüchtlingen stellt die zuständigen Verwal- 
tungsbehörden zur Zeit vor kaum zu bewälti- 
gende Aufgaben. Als Hauptschwierigkeit hat 
sich — wie schon bei vergangenen WINTEX- 
Ubungen — wieder einmal das Auffangen der 
Flüchtlingsströme gezeigt. Das ist aber unbe- 
dingt erforderlich, um die ungelenkten 
Flüchtlingsströme in den Griff zu bekommen 
und erfolgreich in gelenkte Bewegungen um- 
wandeln zu können.” 
„Diese Ubung hat deutlich gemacht, daß 
die hierfür benötigten Kräfte im Lande nicht 
vorhanden sind. So fehlt es insbesondere an 
der erforderlichen Anzahl von Betreuungs- 
leitzügen des KatS sowie von Polizeibeam- 
ten, die die notwendigen Auffanglinien be- 
setzen und die Flüchtlingstransporte in Auf- 
nahmeorte weiterleiten. Abhilfe läßt sich 
langfristig wohl nur schaffen, wenn es gelingt, 
andere Kräfte, etwa die Feuerwehren, an den 
Auffanglinien einzusetzen.” 
„Wissen Sie”, sagt mir Dr. Lorenz, danach 
befragt, „der Schrei nach autoritären Füh- 
rungsmitteln geht an der Wirklichkeit vorbei. 
Damals in Ostpreußen konnte man das erle- 
ben. Den möchte ich sehen, der in einer sol- 
chen Lage eine warme Mahlzeit links liegen 
1äßt.” 
Auf dem Rückweg ins Kantinengebäude tre- 
ten wir auf meinen Wunsch hin noch dem re- 
präsentativen Kunstwerk näher, das inmitten 
eines Wasserbassins mit Goldfischen den 
Komplex schmückt. Eine schwarze Weltku- 
gel aus Gußeisen, auf die der Künstler ein 
Band mit Zahnrädern, Blechen und Schrau- 
ben aufgeschweißt hat. ’Retten, Hoffen, Ber- 
gen’. „Es geht wohl darum”, sagt Herr Lo- 
renz, „daß der Mensch also Freude, Angst, 
und auch die Hoffnung, daß alles gut geht, 
daß er aber auch manchmal Angst hat, und ... 
ja.” Wir gehen in das Zimmer, in dem wir an- 
fangs waren. 
Abschiedsstimmung. Was er, Dr. Lorenz, 
eigentlich von der These Baudissins halte, 
daß der Zivilschutz den Frieden instabiler 
mache, indem er die Geiselrolle der Bevölke- 
rung entwerte? 
„Solche Fragen sollte Ihnen eigentlich 
Herr Baum beantworten. Ich kann Ihnen nur 
meine persönliche Auffassung sagen. Ich bin 
über einige Äußerungen von Baudissin in 
letzter Zeit nicht sehr glücklich ... Bei einem 
zentralgelenkten Staat können Sie nie davon 
ausgehen, daß er seine Einflußsphäre nicht 
eines Tages erweitern will.” „Aber Baudissin 
ist kein Pazifist. Er ist für Rüstung. Vielleicht 
liegt es daran, daß er davon ausgeht, daß es 
keinen Krieg geben wird?” „Aber”, antwor- 
tet Dr. Lorenz, „das ist doch schon der fal- 
sche Ansatz!” 
„Wir gehen zwar manchmal vom V-Fall 
aus”, sagt er dann, „um über die Beorderung 
von Fahrzeugen hinwegzukommen, aber 
wenn ich unsere Schadensannahmen ansehe, 
dann könnten das auch zivile Schäden sein... 
Hinter dem, was wir tun, steht keine politi- 
sche Auffassung. Dazu kommt, daß der hu- 
manitäre Auftrag so tief in unsere Helfer ein- 
gedrungen ist, daß sie mit jedem leiden, dem 
irgendetwas passiert. Ob das war, als Schley- 
er erschossen wurde, ob das war, als die Gei-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.