Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

nen. Dann bleibt das Funknetz stumm. Loka- 
le Funknetze und Mitteilungswege aus den 
Schutzräumen nach außen gibt es nicht. Die 
Menschen leben nicht — wie der Amtsslogan 
es glauben machen will — in Familiengemein- 
schaft beisammen. Die meisten Familien sind 
auseinandergerissen: 660.000 Mann (einge- 
rechnet einige Tausend Frauen im Frauen- 
hilfsdienst FHD) waren in die Armee aufge- 
boten worden und sind in ihren Stellungen 
oder Unterständen. 480.000 Mann (darin 
mitgezählt 20.000 freiwillige Frauen) sind als 
Zivilschutz-Organisation mobilgemacht und 
an die Zivilschutzanlagen fixiert. Die Zivil- 
schutz-Organisation ist von der verbliebenen 
Bevölkerung, rund 5,5 Millionen Menschen, 
die sie laut Zweck und Vorschrift und Slogan 
eigentlich zu betreuen hätte, praktisch voll- 
ständig abgetrennt. Sie führt eigentlich ein 
Eigenleben. Das Volk ist in den privaten 
Schutzräumen sich selber überlassen. Es übt 
das ihm aufgetragene Überleben, weithin in 
totaler Dunkelheit. Denn nach dem Netzaus- 
fall sind inzwischen sowohl Taschenlampen 
wie auch Kerzen verbraucht (und handbe- 
treibbare Dynamo-Lichter gibt es nur aus- 
nahmsweise). 
Einmal mußt du wieder heraus aus deinem 
Betongehäuse, ; 
o sei es, weil du mit Endalarm freigelassen 
wirst (das ist in der beschriebenen Randzo- 
nen-Strahlenlage nicht zu erwarten), 
> sei es, weil die Proviant- und Trinkwasser- 
vorräte schwinden, 
a oder sei es, weil du durchdrehst und es 
nicht mehr aushältst in der Finsternis oder 
weil dir die zugewiesenen Mitinsassen oder 
gar die eigenen Angehörigen oder Kranke 
oder im Schutzraum Gestorbene den Rest 
geben. 
Nehmen wir an, ich hätte — unter allergün- 
stigsten Zivilschutzbedingungen — drei Wo- 
chen ausgehalten, dann brennt mir die Siche- 
rung durch, und ich verlasse den Schutzraum 
Was erwartet mich oben? Was ich im folgen- 
den beschreibe, können nur hilflose Andeu- 
tungen sein, denn hier lassen mich Schilde- 
rungen von Hiroshima-Überlebenden ebenso 
wie die eigene Phantasie im Stich. 
Die ersten Schritte oben in der Wohnung 
führen mich, bei meinem Durst, zum Wasser- 
hahn. Ein schwaches Röcheln, zwei Tropfen, 
nichts mehr. Wo kein Strom ist, läuft kein 
SCHUTZRAUM FÜR 9 PERSONEN 
maßstäblich skizziert. 
Bau gemäß TWP 66, Einrichtungen gemäß Schutzraum-Handbuch 1978, Ausrüstung und Versorgung gemäß 
BZS-”Vademecum des Schutzraum-Bewohners’ aus Platzmangel nur teilweise einskizziert — Anordnung 
ähnlich wie im Neuner-Modell der Ausstellung Zivilschutz Rümlang (Kanton Zürich) 13.—-15.Januar 1982. 
Panzerdeckel { 
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neben- und übereinc 
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Trocken-Closett 
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BZS-Prospekt,; 
Trotz der 
eingeschränkten 
Bewegungsireiheit 
gewahrt uns der 
Schutzraum 
den Verhaltnissen 
anisprechend 
angenehme Aufent 
haltsbedingungen. 
Abluft 
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1 
Pumpwerk. Zum Kühlschrank, aus dem mir 
beim Öffnen übler Gestank entgegenkommt. 
Fleischreste und Schimmelhügel auf einsti- 
gem Käse, eine halbvolle Flasche Mineral- 
wasser. Nach ein paar Schlucken fällt mir ein, 
das könnte das letzte bekömmliche Wasser 
sein weit und breit. Ich verstecke die Flasche 
im Büchergestell, gehe zum Fenster. 
Ist die Luft trüb, oder täuschen mich meine 
Augen nach drei Wochen Finsternis? Ich ge- 
he die Treppe hinunter vors Haus. Die Häu- 
ser stehen hoch, auch die Bäume. Der Bo- 
den, die Gärten und Wiesen sind mit einem 
graugrünlichen Belag bedeckt, teils filzig- 
schmierig, teils locker und aufgewirbelt. Er 
hängt auch an den Asten und den wenigen 
daran noch haftenden Blättern. Ein süßlicher 
Geruch in der Luft. Nichts rührt sich. Keine 
Stimmen. Man sieht nicht weit. Ein Häuflein 
am Wegrand: das muß eine Katze gewesen 
sein. Ein Stück weiter; in der Wiese liegt et- 
was, das ich lange anstarre; der Kadaver ei- 
nes Kindes. _ 
Ich gehe an den Häusern vorbei den Weg 
hinunter zum Bauernhof, öffne die Stalltür. 
Ein Schwall von Verwesungsgeruch steigt mir 
in die Nase. Im Halbdunkel erkenne ich, was 
einst unsere Nachbarkühe waren. Keine 
Milch mehr, keine Butter, kein Käse, kein 
Fleisch, keine Eier. Eine kleine schwarze 
Wolke schießt auf mich zu, schwirrt in mein 
Gesicht — ein Fliegenschwarm. Ich drehe ab 
und renne weg, aber meine Knie geben nach, 
und ich stürze zu Boden, will mich aufrap- 
peln. Hat mich das Stillhocken im Schutz- 
raum so geschwächt? 
Ich spüre, da ist noch etwas, mir schwant — 
ja ich weiß es im Innern; Strahlen haben auch 
mich getroffen, weniger als die Kühe, denn 
ich war im Schutzraum besser abgeschirmt als 
sie im Stall. Ich brauche einen Arzt, doch wo 
ihn finden? Brauche ich ihn? — Nein, er kann 
mir die Strahlen nicht wegnehmen und kann 
den Schaden, den sie in mir angerichtet ha- 
ben, nicht heilen. 
Der Krieg ist vorbei. Man hört nichts mehr. 
Also habe ich, wie es die These voraussagte, 
dank Zivilschutz mit Schutzraum — anders 
als die Kühe — den Atomkrieg überlebt. Und 
ich werde, wie die These sagt, weiterleben, bis 
ich den Strahlentod sterbe. Oder aber ich ha- 
be Angst, mit Gemüse und Früchten des Fel- 
des, die ich finde, noch mehr Strahlen in mich 
aufzunehmen. Dann wage ich nicht zu essen 
und nicht zu trinken. Ich verhungere oder 
verdurste. 
Das ist mein Randzonen-Schicksal. Bei euch 
in Berlin, in der direkten Kriegszone Bundes- 
republik, müßt ihr auch die direkten Atom- 
waffenwirkungen dazurechnen, so wie sie 
Professor Gottsein beschrieben hat. Ist euer 
Schicksal böser als meines? — mich dünkt, ihr 
müßt uns Randzonen-Schweizer nicht benei- 
den. 
Was geschieht in der Randzohne in einem Atomkrieg? 
nicht eingezeichnet in die Skizze sind: 
oe persönliche Ausrüstung im Rucksack und Ausrüstungen pro Haushalt gemäß Listen BZS ”Nötig” (Bettzeug, 
Wäsche, Geschirrr, Hygieneartikel) 
» dito gemäß BZS-Listen "Empfohlen ” (Spiel-, Lese-, Schreibzeug, Radio!) 
oe 9 Menschen bzw. Schutzraum-Insassen 
wenn möglich (Platzfrage!) werden im Schutzraum Tische und Stühle aufgestellt. Sie dienen den Schutzraum- 
insassen beim Essen und bei der Unterhaltung sowie als Arbeitsplätze, z.B. für Schreibarbeiten. (Handbuch, 9.7) 
Erläuterungen zur Neuner—Skizze 
Fläche = 3.2 x 3.2 = 10.2 Quadratmeter; davon ist Im? für die Luftmaschine reserviert, die anderen 9,2 m? 
brutto für die 9 Schutzraum-Insassen 
Wandstärken aus armiertem Beton, je nach Erdtiefe und Überbau zwischen 20 und 80 cm (gilt für den üblichen 
| atü Schutzgrad) 
E= Esswaren-Gestell: 1 kg pro Person und Tag, d.h. 9 x 14 = 126 kg, dazu 9 Dreitageportionen ”Pemmikan” 
Fäk =Fäkalienkübel, hier als 6 Kehrichtkübel a 22 1, je 2 übereinander 
W= Wasservorrat, hier zur Hälfte als Mineralwasser 3 Türme Harrasse 3 x 5 x12 = 180 Liter, die andere Hälfte 
(unzureichend) in was sich so findet wie Bidon, Becken Kanister, Spritzkanne 
VA = Ventilationsaggregat, d.h. Atemluftpumpmaschine Typ VA 40 leistet 80 m? Frischluft oder 40 m? ge- 
filterte Luft pro Stunde, reicht für maximal 13 Personen; Leistung an der Kurbel max. 50 Watt. 
1V = Überdruckventil, auf 5 bis 15 mm WS (Wassersäule) Überdruck im Schutzraum dimensioniert 
Über das Schicksal einer im Atomkrieg nur von radioakti- 
vem Niederschalg betroffenen Randzone — die Verletzlich- 
keit der Infrastruktur — die untrennbare Verquickung von 
Atombombe und Atomkraftwerk — die Ohnmacht der Men- 
schen vor einer der Kontrolle entglittenen Atomanlage 
von Konradin Kreuzer, Flüh/Schweiz 
heschrieben und zur Diskussion gestellt in nux Nr. 29, Au- 
gust 1983 
nux — Einzelnummer Sfr. 5,--, Abonnement (8 Nummern) 
Sfr. 30,-- 
Postscheck (Basel) 40-14277 nux Flüh 
Postadresse: nux CH-4112 Flüh, Telefon +61 75 22 72 
Herausgeber und Redakteur: Konradin Kreuzer 
Aus: Medizin und Atomkrieg — hilflos? Ärzte warnen vol 
dem Atomkrieg, Berlin 1982
	        

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