Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Die Sache mit der Baugeschichte 
Martin Kieren 
Zufällige Tücken mit der 
Baugeschichte 
oder „Gewalt des Zusammenhangs’”’? 
M an nähert sich einem Gegenstand, wie 
er einem begegnet. Da sind also schon 
einmal zwei, die miteinander zu tun haben. 
Und dann ist da noch die Zeit. „Früher“ zu 
sagen, fällt oft leicht, weil es einen der Sorge 
enthebt, einzugreifen. „Früher“ muß aber 
auch Gegenwart heißen, muß die Bereitschaft 
einschließen zuzugeben, daß sich die Bedin- 
gungen, denen ein zu betrachtender Gegen- 
stand entsprang (also einer von früher), sich 
nicht verändert haben und sich somit die 
Leiden, die mit ihm gewaltsam zusammen- 
hängen, nicht nur wiederholen können, 
sondern ebenfalls weiterbestehen. Hier sind 
also versammelt: der Autor, die Hochbunker 
und die Zeit seit ... 1933. (Mit der Zeit tue ich 
mich hier an dieser Stelle sehr schwer und 
meine eher die Zeit (oder den Begriff von ihr), 
die in den „Erfahrungen mit Baugeschichte in 
der Bibliothek“ unter dem Stichwort „Wehr- 
bau“ sich findet.) 
Hand, das Reich als Auftraggeber: versprach 
gute Verträge, guten Absatz und den ge- 
wünschten Profit. Über die unheilige Rolle der 
Industrie ist in mehreren Zusammenhängen 
zwar schon geschrieben worden; aber auch 
hier .... Natürlich baute man ja auch für den 
Schutz der Menschen, wohltätig war man so- 
zusagen, Vorreiter des Luftschutzes (siehe 
dazu weiter unten die Geschichte des Hans 
Schoszberger). Ein weiterer interessanter An- 
satzpunkt: was zum rauskriegen. 
Die Geschichte mit der Großstadtfeindlich- 
keit der Faschisten. Genau! Die wollten doch 
immer die Mietskaserne abschaffen, die Groß- 
städte auflösen zu nicht genau definierten 
Groß-Dörfern in der Nähe - aber strikt ge- 
trennt von ihnen - von großen Industrieanla- 
gen. Wenn dann also die feindlichen Bom- 
ben fielen (in der Literatur zum Luftschutz fin- 
den sich bis heute immer nur die Bomben der 
vermeintlichen Feinde), war die Trefferquote 
viel geringer, der Verlust an Material und 
Mensch (was ja dann das gleiche zeitweise 
war) konnt auf diese Weise in Grenzen gehal- 
ten werden. Auch das wollte man rauskriegen, 
beweisen und darstellen: den Zusammenhang 
zwischen Luftschutz und Städtebau(theorie). 
Das waren dann die ersten Notizen, denen 
sich weitere Überlegungen anschlossen. Man 
hatte was zu verfolgen. Der Alltag ließ die Ge- 
danken an einen solchen zu schreibenden Ar- 
tikel nur teilweise aufkommen. Zwar sind Ge- 
schichte, Theorie und Kritik der Architektur 
mein Metier und von daher sind Berührungs- 
punkte, Lektüre und Gespräche auch immer 
wieder Anlaß zu Gedanken an die „Hoch- 
bunker im Ruhrgebiet“. Jedenfalls sind es 
immer Teilbereiche auch der Baugeschichte 
und vor allem Methodenfragen, Fragen nach 
dem Stellenwert einer Geschichtsdisziplin. 
Albert Schulte anrufen. Brauche die Arbeit 
und die Fotos. Beim nächsten Dortmund- 
Aufenthalt ins Archiv, die Bauämter, Bau- 
akten. In die Bibliothek. Zeitschriften, Bü- 
cher. 
Wann sind diese Bunker eigentlich gebaut 
worden? Am Anfang des Krieges? In der 
Schlußphase? Wie weit waren bis zu diesem 
Zeitpunkt die Kriegsverluste fortgeschritten, 
wie weit war es mit der Stadtzerstörung und 
der damit einhergehenden Demoralisierung 
der Bevölkerung? Welche Reichsverwaltung 
hat diese Bunkerbauten gefördert, in diesen 
Kriegswirren organisiert? Hat die Stahl- 
industrie in Zeiten absoluter Hochrüstung 
eigentlich noch Stahl für diese Dimensionen 
von Beton-Bewehrungen übrig gehabt? Wie ist 
(war) das mit der psychologischen Wirkung? 
Dessen Ziel vielmehr. Geben oder gaben 
Hochbunker, in die Städte gesetzte Beton- 
klötze wehrhaften(?) Aussehens eigentlich das 
Gefühl von Sicherheit? Wenn man von einem 
gewonnenen Krieg ausging, wie wollte man 
diese Betonburgen danach nutzen? Wollte 
man überhaupt? Nach Alberts Aussage fiel 
oder fällt denen in Münster heut immer noch 
nichts ein. Außer: bitte nutzen sie das nicht 
politisch, was wir ihnen sagen. Aber das war ja 
1974 
Anfänge: Was rauskriegen 
In Dortmund, an der Fachhochschule noch 
studierend, habe ich‘ mit Albert zusammen- 
gewohnt. Albert hat damals als Examens- 
arbeit 1974 eine Studie über die bestehenden 
Hochbunker im Ruhrgebiet geschrieben. Wir 
sind sehr viel rumgefahren und haben uns die 
Bunker in Wattenscheid, Gelsenkirchen, Wit- 
ten, Bochum und anderswo angesehen und 
auch fotografiert. 
Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, ha- 
be 20 Jahre dort gelebt. Aufgefallen sind mir 
diese Klötze überall, wo sie standen: bemalt, 
beklebt, überwuchert und ein betonenes Le- 
ben fristend und wartend, daß sich irgend- 
wann jemand in der Oberfinanz-Direktion in 
Münster ihrer erinnert. Als Bundesvermögen 
werden sie von den Bundesvermögensämtern 
verwaltet, diese wiederum unterstehen erstge- 
nannter Direktion in Münster. Dort ist man in 
der Hauptsache katholisch und nicht an 
Bunkern interessiert. Diese Erfahrung hat Al- 
bert bei den Recherchen gemacht und auch 
aufgeschrieben, als Einleitung oder Vorwort 
sozusagen zur Examens-Arbeit. Wenn man 
eine solche Arbeit schreibt oder sonstige For- 
schungsergebnisse veröffentlicht, Artikel 
schreibt, tut man das. Man legitimiert Idee, 
Vorgehen, Konzept, man legt, teils entschul- 
digend, teils rechtfertigend also dar, wie man 
das rausgekriegt hat, was da jetzt folgt. Eine 
Frage taucht auf, die schon während einiger 
Gespräche über Bunker immer wieder gestellt 
wurde; nämlich die nach dem Grund, warum 
denn die Bunker als Hochbunker gebaut 
wurden und nicht etwa als Schutzräume unter 
der Erde angelegt wurden. Bomben kamen 
doch von oben und kommen es auch 
weiterhin. Warum also hat man 20-30 Meter 
hohe Betonklötze in die Städte, die Land- 
schaft gebaut? Das interessierte, das wollte 
man rauskriegen. 
Beton- und Stahlindustrie. Na klar! Deren 
Interesse war klar darzulegen: soviel Baustoffe 
wie möglich zu verkaufen. Die öffentliche 
„Hochbunker im Ruhrgebiet“. Albert schickt 
mir die Arbeit zu und die dazugehörigen Fo- 
tos, ca. 450, aufgenommen im Großraum 
Ruhrgebiet im Frühjahr 1974. Abzüge, Kon- 
takte, Negative. In der Arbeit selbst: Kar- 
tierungen der Obiekte: 
Herne 7 Hochbunker 
Witten 3 Hochbunker 
Herten 3 Hochbunker 
Recklinghausen 5 Hochbunker 
Wanne Eickel 5 Hochbunker 
Hamm 11 Hochbunker 
Wattenscheid 4 Hochbunker 
Castrop-Rauxel 4 Hochbunker 
Bochum 10 Hochbunker 
Dortmund 10 Hochbunker 
Ergibt 62 Hochbunker. Immerhin. Sie sollten 
sich doch irgendwie ordnen lassen. Eine 
Typologie vielleicht: 
® 
® 
® 
Größe. Formale Ausbildungen. Aufnah- 
mekapazität. 
Standorte: Wohngebiet. Verdichtetes 
Stadtgebiet. Industriegebiet. Land. 
Bauzeit: wann, wie, Ausstattung. 
(In Berlin werden gegenwärtig auch Bunker 
angelegt; auch sog. atomsichere. Einer steht 
z.B. in der Pallasstraße und ist für die Sena- 
toren. Die Pallasstraße ist in Schöneberg. In 
Schöneberg ist auch das Rathaus. Ein ande- 
rer z.B. am Ku-Damm in der Nähe der großen 
Banken und Versicherungen. Im U-Bhf. einer 
Strecke z.B., welche an Hertleins Siemens- 
Bauten vorbeiführt, ist auch ein atomsicherer 
Bunker untergebracht. Der Bhf. liegt direkt 
vor diesem Baudenkmal (? was ist das) aus den 
20er Jahren, in denen die Herren der 80er 
Jahre ihre elektronischen, mikroprozessori- 
schen Entscheidungen treffen über die An- 
wendung auch von todsicheren Waffen: ge- 
steuert von Siemens-Computern, versteht 
sich). 
Da lauern schöne Zusammenhänge, denke 
ich. Dieser Gebäudetyp ist gar nicht so un- 
interessant. Mitten in der Stadt. Jeder sieht 
sie, kann sie sehen, wahrnehmen. 
Hoch. Wehrtürme, glatt, mit der Struktur der 
Holzverschalung noch versehen, Schießschar- 
ten, auskragendes Dach. 
Mittel. 3-4 geschossig, runder Torbogen als 
Einfahrt, Schießscharten, (nachträglich) grö- 
ßere Fenster mit Sprossen, Putzbewurf, be- 
malt, auskragendes Gesims, flaches Sattel- 
dach.
	        

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