Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Hört sich (liest sich) mittelalterlich an. Sind 
doch aber auch massiv, die Bunker; und 
Wehrbauten ... na ja Wehrbau halt. Aber das 
Erscheinungsjahr. 1944. Muß doch aktuell 
sein. Totaler Krieg. Ganz Deutschland ein 
Bollwerk gegen den Feind. Schlesien: da sitzt 
doch wohl keiner und schreibt neunzehn- 
hundertvierundvierzig unter Bombenhagel 
eine Baugeschichte mittelalterlicher schlesi- 
scher Wehrbauten?! 
Vielleicht muß ich damit wirklich anfangen, 
sollte eine kleine historische Einleitung in den 
Wehrbau machen. Zum Einstimmen gehe ich 
zum Handapparat, schlage auf, Lexikon der 
Kunst, Bd. 5, T-Z;,. Leipzig 1978, S.535: 
Wehrbau, die Gesamtheit des Verteidigungs- 
baues bei Burg und Stadt sowie als Sonder- 
leistung des befestigten Sakralbaues von den 
Anfängen in der entwickelten Urgesellschaft 
an. Der W. entwickelte sich von der primitiven 
und elementar notwendigen Zweckform der 
Verteidigung sozialer Gemeinschaften, 
Schichten und Klassen (z.B. Volks- und 
Fluchtburgen mit Gräben, Wällen und Palli- 
saden) zur künstler. Form (W.kunst) der 
Hochkulturen im Vorderen Orient, Agypten, 
China, Japan, Indien, Lateinamerika sowie im 
Mittelmeergebiet und Europa. (...) 
Die Entwicklung des mitfelalterl. W.es ist 
engstens verbunden mit den —> Stadt-befesti- 
gungen und maßgeblich in allen Wandlungen 
geprägt durch die Veränderung der Feuer- 
waffen, der gesamten Kriegstechnik und - 
führung. (...) 
Ab Ende des 19. Jh. wurden Festungen 
zunehmend aus Stahl und Beton angelegt, 
gepanzert, oft nur noch gering über dem 
Boden erhöht, z.T. mit weitläufigen unterird, 
Systemen (Kasematten) für Versorgung, 
Depots u.ä. (...) 
Im 20. Jh. kam auch eine entwickelte Feld- 
befestigungstechnik (Bunker, Gräben usw.) 
hinzu. Damit und mit relativ atomsicheren 
Bunkern fand die Geschichte des W.es 
zugleich, angesichts der modernsten Angriffs- 
technik, ihren Abschluß (...) 
ca. 28 Literaturangaben 
Wehrgang, wichtigster Teil der Verteidi- 
gungs... 
Wehrkirche, eine Kirche, die ... 
Per wissenschaftlicher Definition und In- 
formation also Wehrbau bis Bunker. Folge- 
richtig von der „elementar notwendigen 
Zweckform“ (igittigitt!) zum „relativ atom- 
sicheren Bunker“, mit dem dieser Bautyp 
seinen Abschluß fand (?...). Ab wann legiti- 
miert ein zeitlicher Abstand dann die Beschäf- 
tigung (wertfrei) mit den Bunkern des 2. Welt- 
krieges? Der Abschluß signalisiert doch das 
Eintreten dieses Bautyps in die Geschichte, in 
die Baugeschichte allemal. Und somit heißt’s 
auch erster sein. Ist doch auch ein interessan- 
tes Thema. 
Bei Bimler-Kurt handelt es sich dann doch 
um die Geschichte der Burgen und Klöster. 
Ohne Vorwort, Einleitung. 1944 fehlt dann im 
letzten Satz dieses Heftchens einem Kirch- 
turm „die Konsequenz der trutzhaften Er- 
scheinung, zumal sich dicht daneben eine 
dieser Rolle würdigere Burg befand.“ (S.49) 
Seite 33: oben weiß, fast 2/3 des Blattes. 
Darunter: Abb. 15: Grundrißentwicklung der 
Stadt Münsterberg. Rekonstruktion des Ver- 
fassers. Darüber wie gesagt weiß. Nein, halt! 
Klein gedruckt in die weiße Fläche: „Zeich- 
nung und Bildstock dieses Grundrisses sind 
durch Kriegseinwirkung zugrunde gegangen. 
Die Abbildung wird später nachgeliefert.“ Die 
Abbildung trutzte also nicht dem Kriege. Jetzt 
würde mich ja doch interessieren, ob die Stadt 
Münsterberg heute noch rekonstruierbar ist. 
Der Verfasser hat es mit der Grundrißent- 
wicklung gemacht. Ja und nun? Haben die 
Baugeschichtler vorher genug getan, um die 
Stadt irgendwo und -wie zu konservieren, in 
Beschreibungen, Fotos, Plänen, Skizzen, 
Modellen, so daß Kriegseinwirkung nicht 
verhindern konnte, daß wir uns diese Stadt 
auch so richtig nostalgisch betrachten kön- 
nen? 
Ich bemerke, daß ich schon wieder 
abschweife. Diesmal nicht moralisierend, 
sondern fast zynisch. Die Geschichte mit Seite 
33 bei Bimler stimmt aber und da ist die 
’Gewalt des Zusammenhangs’. 
Unter anderem: 
Kremer, Bernd 
Der kluge Mann baut tief 
Neuenbürg / Württ. 1963 
Erste Seite nach dem Bibliothekseinband ein 
Stempel: TU Berlin, Institut für Kranken- 
hausbau. Was haben die sich im Institut 
eigentlich gedacht bei der Beschaffung des 
Buches? Die sollen doch Studenten beibrin- 
gen, wie man Häuser zur Genesung von 
Menschen baut und nicht wie man Bunker 
baut. Ach so: quer über dem verblaßt-lila 
Stempel ein dicker roter: Ungültig. Hätte mich 
ja dann doch gewundert. Weiterblättern, 
Rückseite des Vorsatztitels: „Um der mög- 
lichen Verwechselung mit einem ähnlich 
klingenden Buchtitel vorzubeugen, wird da- 
rauf hingewiesen, daß ein im ECON-Verlag 
Düsseldf. erschienener Ratgeber den Titel 
trägt „Der kluge Mann baut vor“.“ 
So naiv-harmlos und spießig-dumm konnte 
man 1963 sein und im Inhaltsverzeichnis nach 
der Frage „Hat Luftschutz im Atomzeitalter 
noch Sinn?“ die Punkte 
1. Das ABC der Vernichtung (...) 
9. Wer soll das bezahlen? und 
10. Bereit sein ist alles 
abhandeln, als gelte es, den Schlager dieser 
Zeit in Buchform weiterzuverbreiten. 
„Wer soll das bezahlen, wer hat soviel 
Geld?“ Der kluge Mann, der vorbaute, mußte 
selbst bezahlen; baute er zudem noch tief, 
zahlte dafür schon 18 Jahre nach dem 
Kriegsende der Staat. 
Unter anderem: 
Schoszberger, Hans 
Bautechnischer Atomschutz 
Düsseldf. 0.J. (ca. 1955) 
Schoszberger, Hans 
Bautechnischer Luftschutz 
Berlin 1934 
Aha! Habe ich also so einen unverbesserlichen 
Menschen gefunden. Schreibt 1934 und 1955 
über die Möglichkeiten der ziviltechnischen 
Verteidigung. Die Bücher sind sofort zur 
Hand. Die von 1955 ist eine der „Mono- 
graphien über Stahlverwendung“, in der es 
dann im Vorwort u.a. heißt: 
„Im Jahre 1936 war das Interesse der Bauleute am 
Luftschutz sehr gering. Die Fachliteratur lasen nur wenige, 
Gesetze und finanzielle Regelungen ließen auf sich warten, 
kaum, daß irgendwo vereinzelt etwas wirklich gebaut 
wurde. Eine allgemeine Luftschutz-Lethargie - ähnlich wie 
heute, 
Da entschloß sich die Beratungsstelle für Stahlverwen- 
dung zu einer großen Ausstellung ’Luftschutz durch Stahl’ 
auf der Leipziger Messe und gleichzeitig erschien in einer 
Auflage von 50.000 ein Buch gleichen Titels. 
Das wirkte! Es entstand lange vor der Atombombe eine 
Kettenreaktion bei den anderen Verbänden. Industrien 
anderer Baustoffe, - deren Eignung im Luftschutz unbe- 
stritten ist, - mußten sich jetzt auch für das neue Gebiet 
interessieren “ 
Natürlich mußten sie sich interessieren für 
eine Sphäre, in der Profit zu machen war. Da 
war doch schon der anfangs ausgemachte 
Zusammenhang. Die Stahlindustrie reagierte 
nicht nur 1936, sondern auch 1955 und hatte 
damals wie heute nur lautere Interessen und 
die so geliebten Menschen im Sinn. 
Und dann, in der gleichen Monographie, 
nachdem im Schutzraumbau die Elemente 
Keller im Altbau, im Neubau, Außenanlagen, 
Belüftung usw. abgehandelt sind, auf Seite 59, 
im Kapitel „Geschichte“ der Satz: 
„Erst mit der Stahlverknappung während des Krieges hört 
die Verwendung des Stahls im Luftschutz auf. Es wurden 
stahlarme und stahllose Bauweisen vorgeschrieben. In den 
meisten Fällen waren sie wesentlich teurer und in ihrer 
Schutzwirkung oft geringer als Stahlbauten.“ 
(Was in Schutzbaufibeln und praktischen 
Ratgebern oftmals aufgelistet und veran- 
schaulicht wird, ist dann schon ziemlich 
zynisch: Sandsäcke vor Wellblechhütten, 
Erdhaufen mit Bleiabdeckung, Backstein- 
nischen in Kellern usw.) 
In Zeiten der Stahlverknappung wird auf 
den vorher propagierten Schutz des Menschen 
geschissen, man verzichtet auf Effektivität 
und setzt an ihre Stelle den Appell zum Auf- 
die-Erde-werfen mit gleichzeitigem Über-den- 
Kopf-halten der mitgeführten Aktentasche, 
wenn möglich bleigefüttert. 
Herr Schoszberger steht da bestimmt nicht 
allein, aber er wird deutlich. Vorwort seiner 
Schrift von 1934: 
„An den gewaltigen Fortschritten der Waffentechnik liegt 
es aber, daß dieser Einfluß (der der Kriegstechnik durch 
Jahrhunderte auf das Bauwesen) voraussichtlich einmal 
eine Bedeutung bekommen wird, von der wir uns heute 
noch gar keine Vorstellung machen können. Die Zeit liegt 
nicht zu fern, in der der Schutz gegen die Bomben des 
Angreifers eine viel wichtigere Forderung sein wird als 
manche andere Fragen, die heute das Bauwesen bewegen. 
(...) Eine riesige Bauindustrie und eine wunderbar 
ausgebaute Bauwissenschaft stellen heute eine Verteidi- 
gungswaffe dar, die den modernsten Bombenflugzeugen 
und Giftgasen mindestens als gleichwertig, wenn nicht gar 
als überlegen entgegengehalten werden kann. (...)“ 
Gehört denn zu dieser „wunderbar ausgebau- 
ten Bauwissenschaft“ auch die der Bauge- 
schichte? Gibt es da also eine Logik, die uns 
zwingt, ob wir wollen oder nicht, uns an dem 
ganzen Wahnsinn zu beteiligen? Kann es sein, 
daß wenn ich eine detaillierte Bunkergeschich- 
te schreibe und die Schwachstellen nachweise, 
diese Arbeit dann anschließend Leuten dient, 
die ihre perversen Waffensysteme danach 
ausrichten? Wenn es sie gibt, diese Logik, 
dann soll sie auch ohne mich funktionieren. 
Ich denke, sie tut es schon. 
Die folgenden Ausführungen zum Schutz 
gegen den Feind werden unter den Waffen- 
kategorien abgehandelt: Sprengbombe, 
Brandbombe, Chemische Kampfstoffe, Bak- 
terien. Eingeführt wird mit dem Kapitel Krieg 
und Bauwesen, den Schluß bilden die Kapitel 
„Städtebau“ und „Luftschutz und Baukunst“. 
Philosophierend und historisierend schlän- 
gelt er sich auf den Punkt zu: 
„In dieser Arbeit wird der Krieg als gegebenes Natur- 
ereignis aufgefaßt. Die Wirkung dieser Gewalt und der 
Schutz gegen sie werden behandelt.“ (S.18) 
Das Behandelte: Ist das dann die „elementar 
notwendige Zweckform“ oder schon die 
entwickeltere „künstlerische Form, Wehr- 
kunst“? Also Schutz-Kunst? Nur: wer schützt 
uns vor ihr? 
„Es gibt keine Waffe und wird auch nie eine geben, gegen 
die es nicht auch einen Schutz gäbe. Wenn ein wirksamer 
Luftschutz vorgesorgt ist, so ist das Schlimmste, aber auch 
das Äußerste, was ein Luftkrieg bringen kann, das Ende der 
dichtbesiedelten Gebiete der Großstadt - nicht der 
Menschen, sondern nur der Häuser! Es gibt Architekten, 
die überzeugte Pazifisten sind und doch eine derartige 
Wirkung der Bomben nicht ablehnen würden. (...) 
Man stelle sich vor, welche Wirkung auf alle Bevöl- 
kerungsschichten entsteht, wenn der erste Brandbomben- 
hagel auf eine Stadt niedergeht. Welcher Architekt wird 
sich dann noch mit formalen Fragen befassen können! Wer 
wird der Frage noch irgendeine Bedeutung beimessen, ob 
ein Dach flach oder steil sein soll (...) 
In allen rüstenden Staaten stehen heute riesige Bomben- 
geschwader startbereit, und die ausländische Rüstungs- 
industrie arbeitet mit Hochdruck. (...) 7 
Damit kommt ein vollkommen neuer Gedanke in die 
Tätigkeit des Architekten und Bauingenieurs. Er wird sich 
wie ın früheren Zeiten ... (...).“ (S.217 f.) 
In das Feld geführt werden Leonardo da Vinc! 
und Albrecht Dürer und die Selbstverständ- 
lichkeit, mit der sie sich dem waffentechn!- 
schen Stand der Zeit widmeten. 
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