Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Das machen aber schon die Architektur- 
studenten in unseren Hochschulen. Im Fahr- 
stuhl der Hochschule der Künste Berlin stand 
letztes Semester lange zu lesen: „Wir Archi- 
tekten fordern die Neutronenbombe. Damit 
unsere Werke erhalten bleiben.“ Na bitte! 
Man wollte da doch Dingen nachgehen, was 
rauskriegen, auch das: 
„Wie die luftsichere Stadt der Zukunft aussehen wird, 
wissen wir im einzelnen noch nicht; sicher wird sie aber eine 
Vereinigung von Stadt und Land sein, ein großes Dorf mit 
städtischer Kultur. Daß das Giftgas über die städtische 
Mietskaserne gesiegt hat, ist die wichtigste Folgerung, die 
aus der Luftgefahr für das Bauwesen zu ziehen ist.“ (S.219) 
Da kommt dieser Luftschutzstratege also 
daher und sagt uns, wie- zu folgern ist, zu 
folgern war. Hatte man sich zum Folgern 
(oder Folgen?) entschlossen, so konnte man 
sich halten an das Werk: 
Der zivile Luftschutz 
Ein Sammelwerk über alle Fragen des Luft- 
schutzes, hrsg. von Dr. Ing. E.H. Knipfer, 
Ministerialrat und Chef des zivilen Luft- 
schutzwesens im Reichsluftfahrtministerium 
und Herrn Erich Hampe, stellv. Chef der 
technischen Nothilfe, 1934 in der ersten, 1937 
in der zweiten Auflage. 
Nach der Frage „was müssen wir tun?“ wird 
wieder allerlei aus der Kriegs- und Verteidi- 
gungskiste gekramt, man hatte sich ja gegen 
diverse Feinde zu verteidigen. Auf Seite 320 
wird dann auch unter I11.4. „Der freistehende 
Schutzturm“ beschrieben: 
„In den letzten Jahren hat der Gedanke größere Kreise 
gewonnen, in einzelnen Fällen für die Belegschaften 
bestimmter Großbauten - bei denen die Unterbringung in 
den Gebäuden bzw. in unterirdischen Räumen des Frei- 
geländes Schwierigkeiten macht - freistehende Türme von 
kubischer, Zylinder- oder Kegelform zu errichten. Hierbei 
ist insbesondere der zuckerhutförmige Schutzturm, Bauart 
Winkel, wegen seiner anerkannten Vorzüge zu nennen. 
Dieser Eisenbetonturm mit seiner massiven Spitze bietet 
nahezu vollkommenen Schutz gegen Voll- und Nahtreffer 
von Bomben. Auf breite Bodenplatte gestellt, ist er auch 
dhne Tiefgründung kippsicher, daher auch bei schlechtem 
Baugrund und hohem Grundwasserstand anwendbar; 
selbst in Bergschädengebieten wird er rissefrei bleiben. (...)“ 
(S.320) 
Das leuchtete dann wohl auch den Planern im 
Ruhrgebiet ein, die es ja hier tatsächlich zum 
größten Teil mit Bergsenkungsgebiet zu tun 
hatten. Diese Bunker stehen doch alle über 
einer ausgehöhlten, von Stollen für den 
Kohleabbau durchfurchten Erde. 
Da stehen nun diese Betonriesen auf meinen 
Schwarz-Weiß-Fotos, diese wiederum liegen 
seltsam friedlich auf meinem Berliner Schreib- 
tisch und sollen mich animieren, einen Artikel 
über sie zu schreiben. Da sitze ich und ver- 
stumme angesichts der täglichen Horror- 
meldungen der wahnwitzigsten Auf- und 
Hochrüstung aller Zeiten und kann - beim 
besten Willen - nicht anders als eben diese 
Überlegungen anstellen. Schon beim Schrei- 
ben immer wieder die Entdeckung, daß sich 
Imperfekt und Präsens dauernd mischen, sich 
nicht vermeiden läßt, daß alles Gewesene in 
Sachen Bunker immer noch hochaktuell ist. 
Jedenfalls in meinem Kopf, wo sich was wehrt 
gegen die alte Behandlung eines solchen 
Stoffes. Ich bekomme diese Bunker eben nicht 
so sortiert, wie es andere mit anderen 
Bautypen der Zeit des Faschismus können. 
Ich will nicht ungerecht über die Werke von 
Kollegen urteilen. Aber ich kann nichts 
dagegen tun, daß mich bei bestimmten 
Büchern ein unangenehmer Beigeschmack 
überfällt. Da wird die „Neue Reichskanzlei 
von Albert Speer“ verhandelt unter dem 
Aspekt des „Zusammenhangs von national- 
sozialistischer Ideologie und Architektur“. Ich 
kann darin auch keine Fleiß-Arbeit sehen, die 
akribisch jede Rechnung aller Gewerke, die an 
diesem Bau mitgebaut haben, abdruckt auf 
festen Halbkarton. Seitenlang wird jedes 
Detail jeder Nische, jede Kassetierung jeder 
Decke, jedes Material irgendwelcher Uten- 
silien, die in diesem blöden Bau rumstanden, 
beschrieben. Ja, wirklich nur beschrieben und 
hervorragend im Bild abgedruckt. Auf dem 
Trödelmarkt. habe ich an einem Stand 
gestanden, an dem faschistischer Kleinkram 
von Orden bis Literatur gehandelt wurden, 
und ich hörte einen der Verkäufer einem 
Kunden sagen: „Das beste, was es darüber 
gibt, geile Fotos, gute Beschreibungen, nicht 
so teuer“. Er hatte hinter seinem Tapezier- 
tisch eine ganze Kiste dieses Buches für Leute, 
die nie in einen gescheiten Buchladen gehen, 
weil sie da aus dem Regal vielleicht Lion 
Feuchtwanger ansieht, der dem größenwahn- 
sinnigen Tapezierer aus Braunau in dem 
Rupert Kutzner ein blendendes Denkmal 
gesetzt hat (Lion Feuchtwanger: Erfolg, 
Roman, 1930). Ich will der Autorin dieses 
Buches nicht zu nahe treten, aber mit 
derartiger Literatur, solcherart gedruckt, 
überschätzt man und überhöht man etwas, 
was es nicht verdient. In seiner schlechten und 
kitschigen Prunksucht ist das einfach ein 
dummer, blöder Bau, den man nicht derart 
rekonstruieren sollte. Albert Speer und Adolf 
Hitler waren Faschisten, was man immer 
wieder so auch sagen sollte und nicht alle Tage 
von sog. faschistischer Architektur reden, als 
wäre diese was anderes als mies. 
Überhaupt ist das mit der faschistischen 
Architektur so eine Sache. Wir haben von der 
HdK Berlin dieses Jahr im Frühjahr eine 
Exkursion nach Italien gemacht unter dem 
Oberthema „Tendenzen der modernen Archi- 
tektur in Italien, 1900 - heute“. Die zynische 
und logisch-formale Strenge der dortigen 
offiziellen Gebäude, die seit 1923 dort gebaut 
wurden, war für mich oft viel mehr Ausdruck 
des Faschismus als z.B. die blöde Reichs- 
kanzlei. Vor Terragnis Casa del’ Fascio in 
Como, einem Pallazzo laut Tafel an dem 
Gebäude, standen die Studenten für mich 
erschreckend ehrfürchtig. Sie strömten in 
diese transparente Glasfassade, vor der und 
hinter der schwerbewaffnete (Maschinen- 
pistolen!), uniformierte Typen standen. Alle 
ließen sich die Leibesvisitation gefallen, sich 
von diesen Typen abgrabschen und wandelten 
dann detail-trrunken durch das Casa del’ 
Fascio, das faschistische Hauptquartier von 
1930. Ich stand mit zugeschnürter Kehle 
draußen im Regen, als Betreuer der Gruppe 
bin ich nicht reingegangen, es ging nicht. 
Noch einmal Bunker und die Moral mit der 
Baugeschichte 
Erinnerungen eines Neunundzwanzigjährigen 
Damals fuhr ich häufig nach Castrop-Rauxel, 
meine Freundin Anne wohnte dort. Der 
Busbahnhof in C-R, in der Innenstadt an 
einem Platz, dieser abgeriegelt durch einen an 
eine Kohle-Wäsche einer Ruhrgebietszeche 
erinnernden langgestreckten Bau, diente bei 
Wahlen immer auch den Parteien; hier waren 
die Flugblattverteiler, Stände. Um diese 
Stände, wir kennen diese Situation aus allen 
deutschdn Städten in Wahlzeiten, agitierende, 
diskutierende, schwatzende Menschen. Da- 
mals auch noch die KPD oder der KBW, ich 
erinnere es nicht mehr genau. Aus der Menge 
der Umherstehenden plötzlich die nicht 
seltene deutsche Formel „sollte man alle 
vergasen“ ... „nach Moskau“ ... Der an eine 
Kohle-Wäsche erinnernde Bau am Ende des 
Platzes ist ein Hochbunker aus der Zeit des 
Faschismus. In ihm war zu der Zeit unter- 
gebracht das WLT, das Westfälische Landes- 
theater Castrop-Rauxel. Vielleicht diskutier- 
te man darinnen gerade, als dieser Spruch vor 
der Türe fiel, die Möglichkeit, „Die Ermitt- 
lung“ von Peter Weiß aufzuführen? Ich meine 
ja bloß; Entschuldigung! 
Da fällt mir dann auch Anderes ein: In 
Dortmund gabe es eine Art Scene-Kneipe, 
untergebracht in eben einem solchen Hoch- 
bunker. Ich kann mich noch erinnern, wie weit 
der Weg von der Straße in die Schankräume 
war, wie oft man innerhalb des Gebäudes um 
die Ecke biegen mußte, um an das kühle Naß 
zu kommen. Die Schleuse gegen Gift, Gas und 
Druck, fünfmal abbiegen, ca. 20 Meter. Man 
stelle sich mal vor: Da sagt eine große Gruppe 
einer Generation täglich: „Komm, gehn wa ın 
Bunka“, oder „Gut, treffen wa uns heut’ 
Abend im Bunka, um elf“, und einer dieser 
Menschen bin ich, zehn Jahre später in Berlin, 
und mir schnürt’s dann die Kehle zu, wenn ich 
die Geschichte lese, die Henryk M. Broder in 
einem Artikel in der FR am 24.10.1981 
schreibt, übertitelt mit: „Wer war Joseph 
Wulf?“: „Frau Wulf wartete am Theodor 
Heuss Platz, hier in Berlin, auf den Bus, um sie 
eine Gruppe von Jugendlichen, westdeutschen 
Berlin-Besuchern. In dem Moment, als der 
Bus vorfuhr, rief der Leiter der Gruppe: Nicht 
einsteigen, wir werden gleich abgeholt! Und 
da ist Frau Wulf ohnmächtig zusammen- 
gebrochen“. Diese Geschichte hätte hier nichts 
zu suchen, wenn nicht ... Sie ist in meinem 
Kopf. Joseph Wulf war polnischer Jude, von 
1943 bis kurz vor Kriegsende im KZ 
Auschwitz. Nach dem Kriege hat er vornehm- 
lich in Berlin gelebt und 18 Bücher über das 
Dritte Reich veröffentlicht. 1970 schreibt er in 
einem Brief an einen Freund: 
„Sie wissen nicht, daß ich von allen Büchern keine 
Tantiemen bekomme. Ich habe vor und während der Arbeit 
an diesen Büchern Vorschüsse von den Verlagen erhalten, 
um diese Bücher überhaupt schreiben zu können. Bücher 
dieser Art haben nur sehr kleine Auflagen und sind für den 
Verleger wie für den Autor ein Defizit-Geschäft (...) Seit 
über einem Jahr habe ich kein Einkommen. Nach 24 Jahren 
Arbeit stehe ich praktisch vor dem Nichts. Mein Thema - 
das Dritte Reich - ist heute nicht mehr gefragt und nicht 
aktuell.“ 
Unter den Büchern viele, die sich mit den 
Künsten, der Baukunst auch, im III. Reich 
beschäftigen. Zwei Monate, bevor er hier, in 
der Nähe von meinem Schreibtisch, aus dem 
Fenster seiner Wohnung sprang, schreibt er: 
„Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffent- 
licht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst Dich 
bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die 
demokratischste Regierung sein - und die Massenmörder 
gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten 
Blumen.“ 
Joseph Wulf hätte in diesem Artikel auch 
anders auftauchen können, z.B. so: 
Wulf, J. 
Die bildenden Künste im Dritten Reich 
Gütersloh 1963 
Das konnte ich ihm nicht antun, weil es da die 
Tränen gab, die mir salzig im Mundwinkel 
schmeckten bei der Lektüre des Schicksals 
dieses Mannes. Und diese nehme ich dann 
auch ernst.
	        

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